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Gerichtsurteil

Lange Haft für Skandal-Apotheker

Ein Pharmazeut panscht Krebsmedikamente und muss dafür zwölf Jahre ins Gefängnis – eine Genugtuung für die Betroffenen. Aber auch die Behörden haben Fehler gemacht, heißt es im Urteil.

07.07.2018
  • JÖRN HARTWICH UND MARTIN VON BRAUNSCHWEIG

Krebsmedikamente gepanscht, Millionen Euro kassiert und damit ein Luxusleben geführt: Im Prozess um gestreckte Infusionen für Krebspatienten ist der Apotheker Peter S. aus Bottrop zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Außerdem wurde ein lebenslanges Berufsverbot verhängt.

Das Urteil fiel auf den 48. Geburtstag des Angeklagten. Dazu verlor Richter Johannes Hidding kein Wort. Stattdessen forderte er ihn auf, sein Schweigen zu brechen: „Tausende Patienten haben aus Ihrer Hand Krebsmedikamente erhalten. Sie wollen wissen, was wirklich geschehen ist. Und zwar nicht vom Gericht, sondern von Ihnen.“ Der 48-Jährige sagte nichts.

Die Richter sind überzeugt, dass in der Bottroper Apotheke des Angeklagten zwischen 2012 und 2016 mindestens 14 500 Krebsmedikamente gestreckt worden sind. Die Auswirkungen? „Meine Tochter hat damals im Radio von der Festnahme des Apothekers erfahren“, sagte eine 67-Jährige. „Da wusste sie, warum es ihr so schlecht geht. Da hat sie sich aufgegeben.“

Richter Hidding hatte zuvor selbst an das Schicksal einer Frau erinnert, die von Peter S. 98 Infusionen erhalten hat. Vermutlich häufig ohne Wirkstoff. „Am 26. September 2018 hätte sie ihren 30. Geburtstag gefeiert.“ Die Frau ist im vergangenen Jahr gestorben.

Der Angeklagte habe es in der Hand gehabt, für die Rettung seiner Patienten zu sorgen. Genau das habe er jedoch nicht getan. Und warum nicht? „Aus purer Habgier, Luxusgüter spielten für ihn eine große Rolle“, sagte Hidding. Die Millionenvilla mit Wasserrutsche zum Beispiel, der eigene Gärtner, aber auch seine Funktion als Gönner und Mäzen in seiner Heimatstadt. Dadurch habe er sich Ansehen und Anerkennung verschafft.

Dass der Medikamentenskandal aufgedeckt wurde, sei besonders mutigen Menschen zu verdanken. Einer von ihnen war Martin Porwoll, Ex-Mitarbeiter des Angeklagten. Er war 2016 zur Polizei gegangen und für seine Enthüllung später mit den Deutschen Whistleblower-Preis ausgezeichnet worden.

Wären er und eine weitere Mitarbeiterin nicht gewesen, hätte Peter S. möglicherweise immer weitergemacht. Davon gehen die Richter aus. „Die Geschichte dieses Kriminalfalls ist nämlich auch eine Geschichte des Behördenversagens“, sagte Hidding. Die Infusionslösungen seinen kein einziges Mal kontrolliert worden.

Die Zahl von mindestens 14 500 unterdosierten Infusionslösungen ist das Ergebnis einer Berechnung. Die Richter haben den Wareneingang mit den abgerechneten Mengen verglichen. Der Schaden für die Krankenkassen beläuft sich laut Urteil auf rund 17 Millionen Euro. Dieser Betrag soll nun aus dem Vermögen des Angeklagten eingezogen werden.

Ob Peter S. die unterdosierten Arzneien in jedem Fall selber hergestellt hat, ist unklar. In Betracht kommen auch einige seiner Mitarbeiter, die vor Gericht die Aussage verweigerten, um sich nicht selbst belasten zu müssen. Jörn Hartwich und Martin von Braunschweig

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07.07.2018, 06:00 Uhr
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