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Angeklagter nutzte seine Macht aus

Landgericht: Sexueller Missbrauch in freikirchlicher Rangergruppe

Im Prozess gegen den Jugendleiter, der jugendliche Pfadfinder teilweise schwer sexuell missbraucht hat, beschrieb der psychiatrische Gutachter den Angeklagten als unsichere Persönlichkeit mit einer sexuellen Präferenz für pubertierende Jungen.

09.02.2015

Von DOROTHEE HERMANN

Tübingen / Kreis Reutlingen. Der Angeklagte soll zwischen 2012 und 2014 in einer Reutlinger Kreisgemeinde teilweise schwere sexuelle Übergriffe an damals Zwölf- bis 14-Jährigen der von ihm geleiteten „Royal Rangers“-Gruppe begangen oder angestiftet haben (wir berichteten). Diese Pfadfinder gehören zum Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden.

Der psychiatrische Gutachter Dr. Stephan Bork beschrieb den Angeklagten als „persönlich unreif“. Im Gespräch wirke der 24-Jährige eloquent und reflektiert, doch in seiner Lebensgestaltung sei vor der Inhaftierung des Mannes Mitte Juni 2014 alles offen gewesen. „Er experimentierte – mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr und Praktika.“ Diese Unentschiedenheit könne aber auch als Reaktion auf die rigide Lebenswelt der Volksmission entschiedener Christen aufgefasst werden, in der der Angeklagte aufgewachsen ist, als eine Art sanfter Widerstand, sagte Bork.

Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle habe der Angeklagte durch Lügengeschichten kompensiert, so der Gutachter. Der Jugendleiter soll versucht haben, die Zwölf- bis 14-Jährigen beispielsweise mit angeblichen Kontakten zu einer Rockergruppe einzuschüchtern. „Er prahlte mit Fähigkeiten und Beziehungen, die nicht der Realität entsprachen, und zeigte dabei manipulatives Geschick.“ Das zeigten die Chatprotokolle der Handykontakte zwischen dem Angeklagten und den Jugendlichen. Dem Mann sei dabei immer bewusst gewesen, dass er nur etwas vortäuschte.

Er ist nicht gezielt Jugendleiter geworden

Der Altersvorsprung des Angeklagten und das Machtgefälle in der Gruppe machten für ihn die Kontaktaufnahme zu den Jugendlichen einfacher als zu Gleichaltrigen, sagte Bork. Dass der 24-Jährige bei den sexuellen Übergriffen auch zum Orgasmus kam, habe sein Interesse an pubertären Jungen weiter verstärkt. Diese sexuelle Präferenz werde als Ephebophilie bezeichnet, nach dem altgriechischen Wort (Ephebe) für Jüngling. Pädophil sei der Angeklagte nicht, denn pädophile sexuelle Wünsche richteten sich auf den kindlichen Körper vor der Pubertät.

Obwohl sich das Tatgeschehen zwei Jahre lang hinzog, handelte es sich nach Auffassung des Gutachters vor allem um „ein gruppendynamisches Geschehen“. Damit wolle er die Verantwortlichkeit des Angeklagten nicht schmälern. „Er war aktiv beteiligt.“ Aber: „Er musste keine wesentlichen Widerstände überwinden.“ Staatsanwältin Rotraud Hölscher hatte es so formuliert: Der Angeklagte habe die pubertätsbedingte Neugier der Jugendlichen ausgenutzt.

Der 24-Jährige habe – wenn auch unzureichende – Hilfsappelle an die zuständige Gemeinde der Volksmission gerichtet. „Weil er einsah, dass er es aus eigenem Antrieb nicht auf die Reihe kriegte“, sagte Bork. Zumindest partiell habe der Mann gewusst, „dass das keine sinnvolle Pfadfinderarbeit war“. Andererseits sei der Angeklagte nicht gezielt Jugendleiter geworden. „Er war halt Pfadfinder, und dann hat sich das ergeben.“

Der Psychiater empfahl eine ambulante Psychotherapie, in der der Angeklagte die eigene Biografie und das eigene Selbstverständnis klären könne: „Was wurde von den rigiden Vorstellungen der Freikirche übernommen? Was ist seine eigene Position dazu?“ Im Anschluss solle sich der Mann mit seiner Sexualität auseinandersetzen. Sollte sich „eine stabile ephebophile Orientierung“ herausstellen, müsse er lernen, damit so umzugehen, dass Dritte nicht geschädigt werden. Die Voraussetzungen dafür habe der Angeklagte: „Er hat eine prosoziale Grundhaltung.“

Der Mann ist voll schuldfähig. Der Gutachter konnte keine schwerwiegende oder chronische psychiatrische Erkrankung oder Suchtabhängigkeit feststellen. Am morgigen Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

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Erstellt:
9. Februar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Februar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Februar 2015, 12:00 Uhr

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