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Landesausstellung im Kloster Ettal tut sich schwer damit, den Mythos des Freistaates zu ergründen
Jäger und Wilderer als Motiv auf der Schützenscheibe „Jessas, d'Jaga“ (1887) der K.?P. Schützengesellschaft Schliersee. Foto: Haus der Bayerischen Geschichte Foto: Haus der Bayerischen Geschichte
„In Bayern dahoam“

Landesausstellung im Kloster Ettal tut sich schwer damit, den Mythos des Freistaates zu ergründen

Bayern nimmt ja in diesem Jahr kräftig an Fahrt auf, wird immer mehr zum Reizthema, zum strotzenden und ausscherenden Bundesland. Die Feierlichkeiten zur Ausrufung des Freistaates im November vor 100 Jahren – ausgerechnet durch den zottelbärtigen Räte-Sozialisten Kurt Eisner – stehen erst an.

04.05.2018
  • PATRICK GUYTON

Ettal. Der neue CSU-Ministerpräsident Markus Söder ist emsig dabei, mit Kreuz-Erlass und anderem das Erzkonservativ-Eigenwillige des Landes noch weitaus stärker herauszustreichen als bisher schon. Mitte Oktober ist eine für die CSU schicksalhafte Landtagswahl.

Und nun eröffnet das Haus der Bayerischen Geschichte in der aus mehreren Gründen bekannten Benediktinerabtei Ettal seine diesjährige Landesausstellung mit einem Titel, der Vergangenheit und Gegenwart wie unter einem Brennglas fokussiert: „Mythos Bayern“.

Wo also befindet sich dieser Mythos Bayern? Und was macht ihn aus? Große Fragen, die auf 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche in Räumen des Benediktinerklosters mit seiner Schule und dem Internat besprochen werden sollen. Um es gleich zu sagen: Die Ausstellung scheitert an dem Anspruch, den „Mythos Bayern“ ergründen zu wollen – jenseits von bäuerlichem Alpenklischee, Zwiebelturm, Brauchturm und dem von der CSU so oft benutzten Schlagwort „Laptop und Lederhose“.

„Am Anfang war der Wald“, heißt es ein wenig raunend zu Beginn der Schau. Schon in ganz frühen Jahren war der Wald enorm wichtig für die Entwicklung des Landes, so die Botschaft. Um 900 v. Chr. haben sie einen monumentalen, 20 Meter langen Einbaum als Boot geschnitzt, der im Starnberger See an der Roseninsel gefunden worden ist. Der Wald lieferte im 13. und 14. Jahrhundert Bau- und Brennstoff sowie Nahrung. Als Waldbesitzer wurden die Fugger reich. Allerlei Exponate werden gezeigt: Die Besitzurkunde für das Kloster Ettal von 1332, ein Porträt Kaiser Ludwigs des Bayerns aus der gleichen Zeit oder Flinten des Kurfürsts Max III. Joseph 400 Jahre später. Die Forstverwaltung hat bei diesem Ausstellungsauftakt gehörig mitgemischt, das sieht man. Aber er wirkt zerstückelt, und der Wald ist nichts exklusiv Bayerisches.

Weiter geht es: „Auf ins Gebirg“. Die offiziell anerkannte Zugspitzen-Erstbesteigung durch den Tiroler Josef Naus im Jahr 1820 wird dargestellt. Auf dem Textplakat der Ausstellung heißt es ganz ohne Ironie oder Widerhaken: „Die herrlichsten Landschaften findet man in Bayern. Und sie prägen den Mythos.“ Ja, mia san mia.

Schöne Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts sind zu sehen etwa von Johann Georg von Dillis, der Tegernsee, der Hohe Göll bei Alpenglühen, der Chiemsee. 1806 wurde Bayern zum Königreich, Königin Marie von Bayern schwärmte 1842: „Bergsteigen! Nichts lieber“. Im Ausstellungstext heißt es zum damaligen Lebensgefühl: „Im Himmel der Bayern herrschte Glückseligkeit.“ Historische Steinmaßkrüge und Lederhosen werden gezeigt. Auf der Texttafel steht: „Ein eigener Menschenschlag – das sind die Bayern bis heute in den Augen vieler – und auch in ihren eigenen: selbstbewusst und widerständig. In der Welt zuhause, aber in Bayern dahoam.“ Wird hier ver- oder aufgeklärt?

Dass es sich dabei um Bayern-Klischees handelt, die bis heute bedient werden, benennt die Ausstellung selbst. Gut ist dargestellt, wie das Bauerntheater für Urlauber oder der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer dafür verwendet wurden. „Fesche Sennerinnen, schneidige Jäger, hinterwäldlerische Dörfer“, lauten die Schablonen. Ein sehr schönes Ausstellungsstück ist etwa der präparierte Gamsfuß aus dem Nachlass Ganghofers, der als Briefbeschwerer fungierte. Die NS-Zeit scheint in dem einen oder anderen Exponat bruchstückhaft auf, eingeordnet wird sie nicht. Unerwähnt bleibt Hitlers Faszination vom Voralpenland, vom Obersalzberg.

Über den Kloster-Hinterhof mit einer großen Ludwig II.-/Neuschwanstein-Schau in einem XXL-Holzpavillon geht es im letzten Teil der Ausstellung in die Zeit des Freistaats von 1918 an. Das Thema wird knapp und collagenhaft aufgearbeitet: Aus dem Lautsprecher tönt die „Bayernhymne“, das Ende des Zweiten Weltkriegs wird mit dem Foto der herabgestürzten Löwenfigur am Münchner Siegestor behandelt, dann kam 1946 die Bayerische Verfassung.

Es ist eine Geschichts- und Leistungsschau des oberbayerischen Voralpenlandes. Die regionale Fokussierung ist legitim, andere Landesausstellungen widmeten sich in der Vergangenheit anderen Gegenden. Es sind aber wenige Bemühungen erkennbar, den Mythos tiefer zu ergründen.

Im prächtigen Innenhof des Klosters, die Basilika an der Seite, sieht man zur Eröffnung Massen von Trachtlern, Schützen und Priestern im schwarzen Talar. Sie feiern sich in dieser Bergkulisse. In jüngster Zeit wurde der Mythos Ettal von Gewalt und Missbrauch an vielen Schülern des Gymnasiums erschüttert, doch davon jetzt kein Wort. Vielmehr lädt der Klosterladen zum Shoppen ein – Ettaler Bier gibt es, Zinnkrüge, Rosenkränze und Klostergeist. Hier wird er weiter befeuert, der Mythos.

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04.05.2018, 06:00 Uhr
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