Prognose

Land steuert auf Warnstufe zu

Schon nächste Woche könnten 250 Covid-Patienten auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg liegen. Dann gäbe es strengere Regeln für Ungeimpfte.

17.09.2021

Von Julia Horn

In Baden-Württemberg gilt eine neue Corona-Verordnung. Die Lage in den Intensivstationen im Land entscheidet nun, welche Maßnahmen ergriffen werden. Relevant ist vor allem die Zahl der belegten Betten. Foto: Giacinto Carlucci

Restaurantbesuche und Sportveranstaltungen nur noch mit negativem PCR-Test? Das könnte schon kommende Woche für ungeimpfte Menschen in Baden-Württemberg gelten. Der Grund ist die neue Corona-Verordnung des Landes, die am Donnerstag in Kraft getreten ist. Mit ihr wird die Lage auf den Intensivstationen zum zentralen Richtwert. Aktuelle Fallzahlen und Inzidenz spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. „Da immer mehr Menschen geimpft und damit vor schweren Verläufen im hohen Maße geschützt sind, erscheint es nicht mehr angemessen, die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin als maßgeblichen Indikator vorzusehen“, teilt das Landesgesundheitsamt mit.

Relevant ist nun die Intensivbettenbelegung sowie die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz. Sie gibt an, wie viele Patienten in den Kliniken je 100 000 Einwohner in sieben Tagen eingeliefert werden. Die neuen Indikatoren bilden die Eckpfeiler für das mehrstufige Warnsystem, das mit der Verordnung an den Start geht. Derzeit befindet sich Baden-Württemberg in der Basisstufe. Die sogenannte Warnstufe soll landesweit gelten, sobald 250 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt sind oder die Hospitalisierungsinzidenz fünf Werktage in Folge bei einem Wert von 8 liegt. In diesem Fall greift in vielen Bereichen die PCR-Testpflicht für Ungeimpfte. Sie können Restaurants oder Sportstätten in geschlossenen Räumen dann nur noch mit negativem Testergebnis aufsuchen.

Die zweite Stufe, Alarmstufe genannt, ist erreicht, wenn 390 Covid-Patienten auf Intensivstationen behandelt werden oder die Hospitalisierungsinzidenz fünf Tage in Folge den Wert von 12 erreicht. Dann gilt die 2G-Regel: Wer an Kulturveranstaltungen, Messen oder außerschulischen Bildungsangeboten teilnimmt, muss geimpft oder genesen sein.

Die Hospitalisierungsinzidenz in Baden-Württemberg lag laut Landesgesundheitsamt am Mittwoch, 15. September, bei 2,25. Außerdem waren an diesem Tag 193 Covid-19-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung. Davon wurden 103 invasiv beatmet. So die Zahlen aus dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die täglich die Behandlungskapazitäten von etwa 1300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland erfasst.

Modell aus Freiburg

Die aktuelle Bettenbelegung fließt in ein Modell ein, das die Lage in den baden-württembergischen Intensivstationen prognostiziert. Entwickelt wurde es vom Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Berücksichtigt werden neben der Bettenbelegung auch die landesweite Inzidenz des Vortags, der R-Wert und die Impfquote. Laut dem Modell ist es wahrscheinlich, dass die erste Warnstufe – also eine Belegung von 250 Intensivbetten mit Covid-Patienten in Baden-Württemberg – schon Anfang kommender Woche erreicht wird.

Voraussetzung für eine verlässliche Einschätzung seien gleichbleibende Bedingungen in den nächsten 14 Tagen, teilt das Landesgesundheitsamt mit: „Die Prognose wird unter der Annahme erstellt, dass die zum Zeitpunkt der Prognoseabfrage bestehenden Infektionsparameter unverändert bleiben.“

Aus dem Bericht des Landesgesundheitsamts geht hervor, dass die Zahl der belegten Betten aktuell zurückgeht: Am Mittwoch, 15. September, waren es 13 weniger als am Vortag. Allerdings sind laut Bericht auch 12 Personen mit oder an Covid-19 gestorben.

„Sorgen vor einer neuen Welle habe ich nicht“, sagt Michael Bamberg, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Tübingen. Die Zahlen der Corona-Patienten befänden sich in Tübingen seit zehn bis zwölf Tagen auf einem Plateau. 10 bis 15 Menschen würden dort im Schnitt behandelt werden. Aktuell lägen fünf auf der Intensivstation. „Davon sind vier ungeimpft“, sagt Bamberg.

Auf weitere Erkrankte sei man vorbereitet – sowohl personell als auch, was die Anzahl der Betten angeht. 23 freie Plätze stünden zur Verfügung, zur Not könne man auch noch aufstocken. „Das würde aber zur Last anderer Eingriffe gehen. Die müssten dann warten“, erklärt Bamberg. Die Bettenbelegung als Indikator zu nutzen, findet er grundsätzlich sinnvoll. „Das ist eine vernünftige Entscheidung, um das normale Leben nicht zu sehr einzuschränken.“

Der zweite Indikator, die Hospitalisierungsinzidenz, steht derzeit dagegen in der Kritik. Recherchen von Zeit Online ergeben, dass der vom Robert Koch-Institut (RKI) herausgegebene Wert verzerrt ist. Die Hospitalisierungsinzidenz liege im Schnitt um 79 Prozent höher als der Wert des RKI. Damit werde die Belastung der Kliniken in Baden-Württemberg systematisch unterschätzt.

Auswirkung der Impfquote auf die Bettenbelegung

Schätzungen desRobert-Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass sich eine Steigerung der Impfquote bei den 12- bis 59-Jährigen positiv auf die Intensivbettenbelegung auswirkt: Mit einer Impfquote von 65 Prozent wäre mit bis zu etwa 6000 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung zu rechnen.

Bei einer Impfquote von 75 Prozent zeigt das RKI-Modell lediglich 2000 belegte Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern an. Sowohl bei einer 85-prozentigen als auch bei einer 95-prozentigen Impfquote steigt die Intensiv-Auslastung nicht mehr über 1000 Betten.

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Erstellt:
17. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2021, 06:00 Uhr

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