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Rottenburg · Coronavirus

Lächeln statt Händeschütteln

Von Hysterie will niemand reden. Doch eine gewisse Angst vor dem Coronavirus verändert den Alltag – in Firmen, Arztpraxen und selbst in der Kirche.

29.02.2020

Von Angelika Bachmann

Das Weihwasserbecken im Dom und in anderen katholischen Kirchen bleibt vorerst leer. Bild: Angelika Bachmann

Wer demnächst beim Kundengespräch in einer Firma oder einer Bank nicht mit Handschlag begrüßt wird, sollte das nicht als Unhöflichkeit interpretieren. Viele Betriebe reagieren auf die Gefahr einer Corona-Pandemie, indem sie ihre Mitarbeiter für das Thema Hygiene sensibilisieren.

In den Schalterhallen der Volksbank Herrenberg-Rottenburg-Nagold etwa werden demnächst Schilder aufgestellt, auf denen die Kunden erfahren, dass man zum Schutz aller und zur Minimierung der Ansteckungsgefahr derzeit lieber darauf verzichtet, Hände zu schütteln. Es ist eine der Maßnahmen, die der Krisenstab der Volksbank kürzlich beschlossen hat. „Das ist natürlich alles prophylaktisch“, sagte Vorstandssprecher Jörg Stahl im Telefonat mit dem TAGBLATT.

Die Mitarbeiter im Schalterbereich bekommen zudem Desinfektionsmittel ausgehändigt, um bei Bedarf Flächen, etwa an der Service-Theke, abwischen zu können. Die Bank hat deshalb zusätzliches Desinfektionsmittel geordert. Die SB-Bereiche mit den Eingabefeldern an den Automaten werden häufiger gereinigt.

Bei der Kirche geht man jetzt auf Abstand – räumlich gesehen. „Auch ein freundliches Lächeln oder Zunicken“ könne ein Zeichen des Friedens sein, steht in einem Aushang an der Tür des Rottenburger Doms zu lesen. Dort erklärt die Diözese, dass man bei den Gottesdiensten auf das Händereichen beim Friedensgruß verzichten wolle. Die Gefahr der Ansteckung mit Infektionskrankheiten erfordere „auch im Gottesdienst erhöhte Achtsamkeit und den Schutz vor Ansteckungen“.

Das gilt erst recht für die Kommunion. Normalerweise entscheidet der Gottesdienstbesucher, ob ihm die Hostie in die Hand gelegt (Handkommunion) oder in den Mund gegeben wird (Mundkommunion). Ab sofort empfiehlt die Diözese, auf die Mundkommunion und auch auf die Kelchkommunion zu verzichten, so steht es in einem Schreiben des für die Liturgie zuständigen Weihbischofs Gerhard Schneider.

Der vielen Gottesdienstbesuchern in Fleisch und Blut übergegangene Griff ins Weihwasserbecken geht ins Leere. Was sonst nur an Karfreitag der Fall ist, ist vorerst generelle Vorsichtsmaßnahme: Das Weihwasserbecken bleibt leer. Der Weihbischof empfiehlt stattdessen ein einfaches Kreuzzeichen. Auch dieses stehe, wie das Weihwasser, für die Zusammenkunft der Getauften – und sei in diesem Fall „ein Zeichen der Verantwortung“. Bei den Industriebetrieben, die international tätig sind, haben Vorsichtsmaßnahmen schon vor einigen Wochen begonnen, sagt Karl Friedrich Baur, der Betriebsarzt in mehreren Firmen der Umgebung ist. „Da wurden die Mitarbeiter in Fernost schon vor drei Wochen zurückgerufen.“

Nicht alle sind so rigide wie etwa die EnBW in Karlsruhe, die alle Besucher der Firma an der Pforte eine Sicherheitsabfrage ausfüllen lässt und dabei abfragt, ob man in den vergangenen 14 Tagen von einer Reise in China oder Italien zurückkehrte oder zu einem Erkrankten, der aus jenen Ländern kommt, Kontakt hatte.

Ob man Kunden nach solchen Kontakten abfragen sollte, das überlegt man sich derzeit auch bei Somfy in Rottenburg. Sehr zurückhaltend ist man dort derzeit mit Firmenreisen, sagt Unternehmenssprecherin Anja Ebert. Der Hauptsitz von Somfy liegt im französischen Clues. „Wir machen nicht für alles eine Geschäftsreise. Uns ist es aber schon wichtig, dass man sich regelmäßig sieht.“ Derzeit habe man aber die Devise ausgegeben, auf Skype und Online-Konferenzen auszuweichen, soweit das geht. Zwei wichtige Messen in Frankfurt und Nürnberg, an denen Somfy ansonsten immer im März teilnimmt, sind bereits von den Veranstaltern abgesagt.

Hausarzt Karl Friedrich Baur erreichen wir übrigens am Handy – in Berlin. Ob er sich davor scheue, in der U-Bahn zu fahren? Ach was, sagt Baur. „Man soll achtsam sein, es aber nicht übertreiben.“ Wichtig sei, die grundlegenden Hygieneregeln zu beachten: mehrmals täglich gründllich Hände waschen, Abstand halten, wenn jemand hustet oder schnäutzt. „Mehr kann man nicht machen“, sagt Baur. Noch am Vortag in der Praxis hat er übrigens die Erfahrung gemacht, dass die Leute selbst ganz vernünftig mit dem Thema umgingen und nicht sehr ängstlich waren.

Für ihn als Arzt gilt selbstverständlich erhöhte Aufmerksamkeit. Er frage die Leute mit Grippesymptomen schon danach, ob sie in Oberitalien oder in Asien waren. Das Problem ist, „es gibt kein einziges spezifisches Symptom für das Coronavirus“, das sich von den Symptomen einer Grippe oder eines grippalen Infekts unterscheidet. Wären Husten, Fieber oder Schnupfen mit einem Verdachtsfall gleichzusetzen, müsste der Hausarzt wahrscheinlich täglich 30 oder 40 Leute in die häusliche Quarantäne schicken.

An der Hochschule für Forstwirtschaft sind derzeit Semesterferien. Die Prüfungen sind vorbei und gestern Abend war Abschiedsfeier der Absolventen in der Festhalle. „Und die findet auch statt“, sagte Hochschulrektor Bastian Kaiser gestern. Vorbereitet hat man, wie man im Notfall Dozenten und Mitarbeiter rechtzeitig über Unterrichtsausfall oder gar eine zeitweilige Schließung der Hochschule informieren würde – falls eine solche Anordnung vom Gesundheitsamt oder Ministerium käme.

Ansonsten ist man im Schadenweiler eher gelassen: Weder stehen Dienstreisen nach Oberitalien oder Asien an, noch werden Gastwissenschaftler von dort erwartet. „Es kommen Erasmusstudenten aus Paraguay. Da sind wir im Moment noch entspannt.“ Und beobachten, wie sich die aktuelle Lage verändert: Kaiser: „Solange die Augen nicht fiebrig tränen, fahren wir auf Sicht.“

Wegen der Coronavirus-Ausbreitung vorsorglich abgesagt hat der Landfrauenverband Tübingen den für kommenden Dienstag, 3. März, angekündigten Frauentag in der der Stäblehalle in Remmingsheim.

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Erstellt:
29. Februar 2020, 07:30 Uhr
Aktualisiert:
29. Februar 2020, 07:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Februar 2020, 07:30 Uhr

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