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La Maison de Cygne: Vom Brüsseler Kommunistentreff zum Prestige-Restaurant
Gildehäuser am großen Marktplatz in Brüssel. Im Gebäude mit der Laube (rechts) feierte der Vater des Sozialismus. Foto: © Mihai-Bogdan Lazar-Fotolia.com
Wo Marx die Korken knallen ließ

La Maison de Cygne: Vom Brüsseler Kommunistentreff zum Prestige-Restaurant

Karl Marx verkehrte in der Brasserie „La Maison de Cygne“, bis er 1848 aus Belgien ausgewiesen wurde. Heute kommen nur noch Vermögende hierher.

17.08.2016
  • KNUT PRIES

Brüssel. Es nennt sich bescheiden „Brasserie“ und entwickelt keinen besonderen Ehrgeiz, Michelin-Sterne anzuhäufen. Trotzdem gehört „La Maison du Cygne“, das Schwanenhaus, zu den Prestige-Restaurants in Brüssel. Das hat zum einen mit der Lage zu tun: Das Lokal liegt, zwischen Biermuseum und Rathaus, an der Grand' Place, dem prächtigen Großen Markt im Herzen der belgischen Hauptstadt. Zum anderen verdankt es den internationalen Ruf dem berühmtesten Gast, der einst hier einkehrte: Der „Schwan“ war, salopp gesagt, Karl Marxens Stammkneipe.

Optisch leuchtet das heute nicht unmittelbar ein. Wer sich durch die Zusammenballungen japanischer Touristen in gelben Regen-Roben zwängt, bekommt ein nur wenig marxistisches Etablissement zu sehen. Das Gebäude, einst Sitz der Schlachter-Zunft, ist ein stattliches Barock-Haus aus vornehm blass-grauem Gemäuer, mit strahlend goldenen Verzierungen. Über dem Eingang breitet ein weißer Schwan vor grünem Schilf die Flügel aus, oben vermerkt ein goldener Schriftzug stolz das Baujahr: „Anno 1698“.

Auch die Speisekarte, die um die Ecke am Aufgang zum Restaurant im ersten Stock hängt, zielt erkennbar nicht auf das Budget eines Arbeiterhaushalts. Für das dreigängige Menu – Duo aus Spargel und Makrele, Kaninchenfilet oder Schellfisch, Dessert/Käse – nimmt der Wirt 65 Euro. Wer das mit einem Häppchen Kaviar abrunden will, muss nochmal 42 Euro hinlegen. Die Vorstellung, in Stadtführern und auf Websites immer noch gern verbreitet, hier habe Marx zusammen mit seinem Kumpel Friedrich Engels getafelt und nebenbei im „Kommunistischen Manifest“ ein Bekenntnis zum „gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung“ zu Papier gebracht, ist eher amüsant als plausibel. Er war hier, das steht fest, aber die Umstände, die waren doch ganz andere.

Drei Jahre lang, von Februar 1845 bis März 1848, lebt Marx in der belgischen Hauptstadt, aus politischen Gründen vertrieben erst aus der deutschen Heimat, dann aus dem französischen Exil. Das junge Königreich Belgien bietet mit einer vergleichsweise liberalen Verfassung mehr politische Bewegungsfreiheit als Frankreich, die Schweiz oder die deutschen Bundesstaaten. Doch materiell geht es der Familie schlecht. Marx verfügt nicht über die Mittel, sich selbst, seine Frau Jenny, das Hausmädchen Lenchen und die drei kleinen Kinder – zwei erst in Brüssel auf die Welt gekommen – anständig zu versorgen. Anfang Dezember 1847 klagt er in einem Brief über die „allerschwierigsten und trostlosesten Verhältnisse“, denen er und die Seinen ausgesetzt seien.

Auf der Suche nach einem erschwinglichen Quartier zieht die Familie fünfmal in Brüssel um. Längere Zeit haust sie in einem Gasthof, am Ende machen beide, der Philosoph und seine Frau, Bekanntschaft mit dem Stadtgefängnis. Das gibt es, im Unterschied zu den diversen Wohnhäusern der Marxens, immer noch. Es liegt gleich um die Ecke der „Maison de Cygne“.

Dort hängt ein Ölbild, das den berühmten Gast mit weißer Hemdbrust und dunklem Anzug als wohlgekleideten Herrn darstellt. Tatsächlich scheint er in seinen Brüsseler Tagen alles andere als eine urban-gepflegte Erscheinung gewesen zu sein. Pawel Annenkoff, ein Mitstreiter aus der Brüsseler Emigrantenszene, beschreibt ihn exakt so, wie der Bourgeois sich den Revoluzzer vorstellt: „Auf dem Kopf eine dicke schwarze Mähne, haarige Hände, die Kleider schief geknöpft, ungelenke, aber furchtlose und selbstsichere Bewegungen und mit Manieren, die allen städtischen Benimm-Regeln zuwider liefen.“

So war denn auch der „Schwan“, wo sich Marx mit seinen Brüsseler Gesinnungsgenossen in einem verrauchten Hinterzimmer traf, nicht das schnieke Restaurant im ersten Stock, sondern eine Erdgeschoss-Kaschemme fürs gemeine Volk. Die ehrfürchtige Überlieferung, wonach hier das Kommunistische Manifest entstanden sei, wird zwar von englischen Touristen weiter gern geglaubt, von der Forschung indes als Legende behandelt. Verbürgt und seit 2006 auf zwei Gedenktafeln an der Fassade in vier Sprachen festgehalten, ist hingegen Folgendes: „Karl Marx feierte 1847/48 in diesem Haus mit dem Deutschen Arbeiterverein und der Association Démocratique Sylvester.“

Kurz darauf war dann Schluss mit dem Gleichmut der Brüsseler Obrigkeit gegenüber dem Treiben der aufmüpfigen Exilanten. Auf die Februar-Revolution von 1848 in Frankreich folgt, was Marx „meine gewaltsame Entfernung aus Belgien“ nennt. Dort fürchten die Behörden, die gefährlichen Ideen des deutschen Denkers könnten auch in ihrem Land umstürzlerische Gedanken ins Kraut schießen und den Funken des Pariser Aufstands überspringen lassen. Abwegig ist das nicht – die Bedingungen für soziale Unruhe sind allemal gegeben, die Lage vieler Bewohner ist erbärmlich. Nach Schätzungen ist ein Viertel der Brüsseler Bevölkerung auf die Wohlfahrt und karitative Zuwendungen angewiesen. Viele können auch mit einem 15-stündigen Arbeitstag sich und ihre Familien nur soeben über Wasser halten.

Doch von einer schlagkräftigen Widerstandbewegung kann keine Rede sein. Das Trüppchen der ausländischen Frühkommunisten ist viel zu sehr mit Theorie-Fehden untereinander beschäftigt, um nennenswerte Wirkung zu entfalten. Zwar bietet König Leopold seinen Rücktritt an, doch zugleich haben Gendarmerie und Militär keine Mühe, aufkeimende Unruhe im Keim zu ersticken. Unliebsame Ausländer werden abgeschoben. Für Marx und seine Familie kommt die Verbesserung der persönlichen Lebensverhältnisse auf unrevolutionärem Wege, in Form einer Vorauszahlung aufs väterliche Erbe. 6000 Francs, eine anständige Summe, sie reicht für einen letzten Umzug. Sein Stammlokal zum Schwanen wird von dem Geld indes nicht mehr viel gesehen haben, denn kurz darauf folgt „die gewaltsame Entfernung“. Am 4. März 1848 muss Karl Marx Belgien endgültig verlassen.

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17.08.2016, 06:00 Uhr
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