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Auf Körperfühlung mit dem Fremden

Kuschelgruppen ermöglichen Nähe, die Körper und Geist stärkt

Mehr Glückshormone, weniger Schmerzen: Körperkontakt tut einfach gut. So trifft sich in Tübingen monatlich eine Gruppe zum Kuscheln, angeleitet von einer Trainerin. Vier Stunden für ausgiebiges Schmusen.

26.04.2014

Von FRIEDERIKE GRUBER

Tübingen Ein großer Raum im dritten Stock. Matratzen liegen in der Mitte auf dem Boden, Kerzen flackern. Einander fremde Menschen liegen nebeneinander. Sie kennen sich nicht - und doch haben sie die Arme umeinander gelegt und schmusen - bis zu vier Stunden lang. So läuft ein Kuschelabend im Tübinger Sudhaus ab. Obwohl, ganz unbekannt sind sich nicht alle: Einige Teilnehmer sind nämlich schon jahrelang mit dabei.

Reinhard, Christoph, Thomas und Margarete - das sind teils die echten Namen, teils Pseudonyme der Teilnehmer. Nicht jeder möchte erkannt werden. Manche haben Angst vor dem Gerede der Nachbarn und Kollegen, vor irritierten Blicken. "Ich war damals Single", Christoph (38) spricht von seiner ersten Begegnung mit der Kuschelgruppe. Er zögert leicht: "Ich habe im Südwestrundfunk davon gehört und gemerkt, dass ich mir so was wünsche."

Leicht ist es sicher nicht, so offen über seine Bedürfnisse zu sprechen. Christoph hat sich erst Jahre später nach dem Bericht im Radio getraut, die innere Hürde zu überwinden und einen Kuschelabend zu besuchen. Wie Christoph sind auch alle anderen zur Kuschelgruppe gekommen: Alle waren Singles, ihnen fehlte die körperliche Nähe.

Als er zwischendurch eine Beziehung hatte, ist Christoph dem Kuschelabend fern geblieben. "Das hätte ich nicht gewollt, auch andersherum nicht", sagt er. Andere Teilnehmer sehen das ähnlich. "Als ich in einer Beziehung war, habe ich das auch nicht gebraucht", sagt Christoph. Reinhard (62) und Margarete (64) seien eine Ausnahme. Sie sind das einzige Paar, das zusammen auf den Kuschelabend kommt. Die beiden haben sich vor vier Jahren auf einem der Abende kennengelernt. Seitdem sind sie zusammen und besuchen zu zweit die Gruppe. Reinhard und Margarete kuscheln bei den Treffen nie miteinander.

"Paare, die zusammen kommen, möchten meist Erfahrungen mit anderen Kuschelteilnehmern machen", sagt Hildegunde Schaub. Bevor sie Kuscheltrainerin wurde, arbeitete sie an einer Tübinger Klinik als Ergotherapeutin. "Ich bin ein körperbezogener Mensch", sagt sie. Das habe sie dazu bewogen, Kuscheltrainerin zu werden.

"Es ist neurophysiologisch belegt, dass bei Berührungen Kräfte mobilisiert werden", sagt Schaub. Der Körper schüttet bei Berührungen Glückshormone aus. Das Herz schlägt langsamer, das Immunsystem wird stärker. Sogar Schmerzen würden gelindert werden. "Wir haben tatsächlich schon Teilnehmer gehabt, die von ihrem Psychotherapeuten zur Kuschelgruppe geschickt wurden", erzählt Schaub.

Thomas (51) sitzt im gemütlichen Baumwollpullover und in Jogginghose auf dem Sofa. Die Schuhe hat er gegen Wollsocken getauscht. Er ist extra aus Braunschweig angereist und besucht Kuschelgruppen in ganz Deutschland. "Ich habe kein Problem, mit Frauen zu kuscheln. Bei Männern ist das ein bisschen schwierig", gibt er zu.

Kann es auf so einem Abend nicht leicht zu Konflikten kommen? Nein, es wäre noch nie eskaliert, sagt Schaub. "Wenn ich eine Berührung nicht mag, drehe ich mich erstmal weg", erzählt Thomas. "Wenn das nicht reicht, verschiebe ich die Hand entweder oder schiebe sie ganz weg." "Grenzen mitzuteilen ist das A und O des Kuschelabends", stellt Christoph fest. "Die sind ja auch individuell verschieden."

Und wenn jemand nur passiv da liegt und sich kuscheln lässt? "Der liegt dann halt vielleicht eine Weile alleine da", erklärt Trainerin Schaub. Mancher Teilnehmer ist zufrieden, auch wenn er mal nicht so viel gekuschelt wird. Andere bevorzugen ohnehin den aktiven Part, etwa Reinhard: "Geben gibt mir mehr als Nehmen."

Ein Mal pro Monat trifft sich die Tübinger Kuschelgruppe. Foto: Friederike Gruber

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Erstellt:
26. April 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. April 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. April 2014, 12:00 Uhr

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