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Club

Kulturlabor für kleine Fluchten

Der Geist der 68er: Vor 50 Jahren begann die beeindruckende Geschichte der Manufaktur in Schorndorf. Der Erfolg dauert dank eines ausgesuchten Programms bis heute an.

09.02.2018

Von UDO EBERL

Black Sabbath gaben in der Manufaktur 1969 ihr erstes Deutschland-Konzert. Foto: Lothar Schiffler

Schorndorf. Die 68er stehen für vieles, vor allem aber für einen gesellschaftlichen Aufbruch, das Ringen um neue Werte und Lebensformen. Auch 30 Kilometer östlich von Stuttgart in Schorndorf rumorte es, auch dort suchte die außerparlamentarische Opposition Freiräume und Spielplätze für neue Kultur und den offenen Diskurs. In einem Keller der ehemaligen Porzellanmanufaktur wurde der geeignete Platz gefunden – nicht zur Freude der umliegenden Bevölkerung. Von Beginn an war ein Verein der Rahmen für alle Aktivitäten, angetrieben von der jungen Kabarettgruppe „Die Widerständler“.

Mittendrin: Werner Schretzmeier, der später Chef des Theaterhauses in Stuttgart werden sollte und es bis heute ist. Damals war er beim Umbau in Schorndorf dabei: „Da fuhr der Abele mit seiner Mischmaschine vor und ließ 13 Tonnen Beton einfach in den Keller laufen, und wir standen mit unseren Gummistiefeln mitten drin“, erinnert er sich im Jubiläumsbuch Christoph Wagners. Wie sehr Schorndorf tatsächlich aufgemischt werden sollte und welch weit schallenden Ruf der Club der Ehrenamtlichen noch bekommen sollte, wussten die Aktivisten da freilich noch nicht. Was spartanisch, provisorisch und mit der Wort für Wort übernommenen Vereinssatzung des bereits 1966 gegründeten Schwäbisch Haller Clubs Alpha 60 begann, führte über 50 Jahre hinweg zu stetem Wandel.

Jeder Zweite per Anhalter

Vom subkulturellen Club wurde die Manufaktur auch dank Schretzmeiers intensiver „Jugendarbeit“ für den Süddeutschen Rundfunk zur alternativen Musikkneipe. Bands, die für die Popsendung „P“ angereist waren, spielten einfach noch in der Manufaktur oder einer ehemaligen Möbelfabrik, die deutlich mehr Platz bot. Die Konzerte fanden meist sonntags und um 16 Uhr statt. „Spätestens so um acht mussten wir fertig sein, weil viele der Leute von relativ weit hergekommen waren und irgendwie wieder nach Hause kommen mussten. Bestimmt 200 bis 250 waren per Autostopp da, also die Hälfte derjenigen, die so im Schnitt gekommen sind“, erinnert sich Schretzmeier. Die Rockfans erlebten die ersten Deutschlandkonzerte von Bands wie Black Sabbath, The Nice oder Taste mit einem gewissen Rory Gallagher an der Gitarre. Aber auch Kabarett, Theater oder Lesungen spielten eine immer größere Rolle.

Ein Einschnitt war der Umzug in die „neue“ Manufaktur 1993. Mit dem Neubau im Stadtteil Hammerschlag lag das Kulturzentrum zwar etwas abseits, kam aber wieder besser im Stadtleben an. Andrea Kostka, seit 1997 Geschäftsführerin, und Werner Hassler, seit der Jahrtausendwende fürs Programm zuständig, hatten neben dem kulturellen Anspruch stets das Ziel „kommunale Aufgaben zu übernehmen. Wir bieten hier nicht allein Musik- und Bühnenprogramm. Die Manufaktur bietet auch Tanz- und Sportkurse an, hat eine eigene Club-Kneipe, und unser Kino ,Kleine Fluchten' bietet ein sehenswertes Programm. Wir sind also ein Treffpunkt für mehrere Generationen hier in der Stadt“, betont Hassler.

Über Schorndorf hinaus ist die Manufaktur vor allem für das ausgesuchte Live-Programm bekannt. Den Anspruch des Kulturlabors, beim Aufspüren von neuen künstlerischen Tendenzen die Nase ganz vorn zu haben, spürt man hier immer. Man schwimme nicht in Zuschüssen, könne aber durchaus Kultur veranstalten, bei der es nicht immer um den größtmöglichen Gewinn gehe. So kam es 2002 zum ersten Gig der White Stripes, auf der gewaltigen Liste der Konzerte finden sich auch Judas Priest, Townes von Zandt, Wanda, Don Cherry, Tortoise, Anthony & The Johnsons oder The Fall.

Zwei Millionen Besucher

In 50 Jahren sollten es so um die 5000 Veranstaltungen gewesen sein, seriös gezählt wurde in den Anfängen nicht. Über den Daumen gepeilt könnten es unterm Strich gut zwei Millionen Besucher gewesen sein. „Die Balance im Programm muss stimmen, aber wir können durchaus auch Wagnisse eingehen, experimentieren und so etwas wie Aufbauarbeit leisten, denn das gehört, so sehen wir das, zu unserem Auftrag“, sagt Hassler. Zum Stammpublikum gehören Schorndorfer, Bewohner des Remstals, Stuttgarter, oft aber auch Musikliebhaber aus einem Umkreis von mehr als 100 Kilometern.

Das größte Lob ist damals vor 50 Jahren wie heute, wenn sich Besucher auf die Socken machen, um sich im Club Manufaktur auf etwas einzulassen, das sie vorher nicht gekannt haben, findet Hassler: „Wenn man uns und unserem Programm so viel Vertrauen schenkt, dann könnte ich Purzelbäume schlagen.“

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Erstellt:
9. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Februar 2018, 06:00 Uhr

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