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Küsse und Ängste
„Grübel einfach nicht zu viel, Aza.“ Die Protagonistin in John Greens Roman aber leidet unter großen Ängsten. Foto: Moment RF/Getty Images
Literatur

Küsse und Ängste

Ein Roman nicht nur für Jugendliche: Der Amerikaner John Green erzählt in „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ die Geschichte eines psychisch kranken Teenagers.

23.11.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Und dann küsst die 16-jährige Aza endlich ihren geliebten Davis. Nur dass sich in ihrem Kopf schnell eine unerträgliche Gedankenspirale in Gang setzt: „Seine Zunge war in meinem Mund gewesen“ – nass und lebendig und mikrobiotisch. Einmal geknutscht, und dann leben 80 Millionen Organismen in einem! „Alles ist gut, bleib einfach normal“, versucht sich Aza zu beruhigen, aber ihr anderes Ich zwingt sie dazu, sofort auf dem Smartphone zu recherchieren: Was passiert da? Vielleicht hat Davis Campylobacter, vielleicht asymptomatische E.-coli-Träger? „Und wenn du dich damit ansteckst, verschreiben sie dir Antibiotika, und dann holst du dir C.difficile und du bist zack in vier Tagen tot.“

Das ist keine Teenager-Komödie. Das ist ein sehr ernstes Buch von John Green über ein schlaues, eigentlich sehr patentes und sowieso sympathisches, aber psychisch krankes Mädchen mit vielen Ängsten: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ heißt der lange erwartete neue Roman des Weltbestseller-Autors auf Deutsch. Der Anklang an Greens letzten Hit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist kein Zufall. Dieser herzzerreißende Roman, 2012 erschienen, handelt von krebskranken Jugendlichen und liest sich so traurig wie komisch, aber voller Trost. Protagonistin ist ebenso eine verliebte 16-Jährige: Hazel.

Verliebter Teenager

Green schreibt mit klarer, pointierter Sprache aus der Perspektive von Teenagern, die schon ziemlich viel erlebt haben und neugierig sind auf eine Welt, die sie nicht wirklich begreifen – was aber nicht unbedingt an ihnen selber liegt. Den Erwachsenen geht es auch nicht besser. Weshalb das Etikett „Jugendbuch“ nicht greift, es ist Literatur für alle Altersklassen (die offizielle Empfehlung lautet: ab 14 Jahren). Und wer einmal einen Green gelesen hat – „Eine wie Alaska“ war sein Debüt 2005, und natürlich ein 16-Jähriger, Miles, spielt die Hauptrolle –, der wächst und altert mit. Allein schon fünf Millionen Fans folgen John Green auf Twitter.

Es ist faszinierend, dass ausgerechnet ein Schriftsteller aus Trump-Land komplexe Sachverhalte sehr intelligent und differenziert erzählt. Das Schicksal von Aza, die mit ihrer Mutter in Indianapolis lebt, die den Tod ihres Vaters nicht verwunden hat, die sein Handy mit alten Fotos wie eine Reliquie verehrt, geht einem nah. Die Stärke des Romans ist, dass Green das Psychogramm seiner Protagonistin anschaulich, auch mit Humor darstellt, die Ich-Erzählerin sehr reflektiert über ihre Ticks reden lässt. Auch nimmt Green eine kluge Psychiaterin ins Personenensemble auf, zu der Aza regelmäßig geht.

Einfache Lösungen bietet der Autor nicht an – höchstens: gute Freunde haben. In den „Danksagungen“ aber schreibt der 40-jährige Green, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Indianapolis (US-Bundesstaat Indiana) wohnt, dass zwei Psychiater sein Leben „unbeschreiblich viel besser gemacht“ haben. Psychische Krankheiten seien behandelbar: „Es gibt immer Hoffnung, selbst wenn einem die eigenen Gedanken vormachen, es gebe keine.“

Jetzt muss freilich mal klargestellt werden, dass „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ natürlich kein Therapie-Ratgeber, sondern ein Unterhaltungsroman ist. Green trägt da ein bisschen dick auf. Aza und ihre – furchtlose – Freundin Daisy hören davon, dass der in offenbar mafiöse Geschäfte verwickelte Milliardär Russell Pickett spurlos verschwunden ist. Eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung ist für Hinweise ausgesetzt – und die will Daisy ausgerechnet mit Aza kassieren.

Immerhin kennt Aza den gleichaltrigen Sohn Picketts, der auf der anderen Seite des Flusses superreich wohnt: Davis. Zwei Sommer lang, nach der fünften und der sechsten Klasse, hatten er und Aza „im Trauerkloßcamp verbracht, wie wir Camp Sperp nannten, das Feriendorf in Brown County für Kinder mit toten Eltern.“ Auch anderen, das ist die Botschaft für Aza, geht es schlecht

Ein abenteuerlicher Krimi? Nicht wirklich, eine Liebesgeschichte mit Lebensweisheiten. Green hätte keinen knalligen Plot konstruieren müssen, um die Story von Aza zu beglaubigen, die ja selbst nicht weiß, ob sie Fiktion ist. Manchmal sieht sie sich wie eine Figur in einem Roman: „Vielleicht bin ich bloß eine Lüge, die ich mir selbst einflüstere.“ Aber es ist eine wahre Geschichte.

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23.11.2017, 06:00 Uhr
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