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Kunstexport an die Weser

Künstlerleben in Zeiten des Umbruchs: Jörg Unkair

Nur wenige bildende Künstler kamen aus Tübingen oder hatten eine engere Verbindung zur Stadt. Man kann dies auf ihre jahrhundertlange, bilderfeindliche protestantisch-pietistische Prägung zurückführen, oder auf den Umstand dass keine der klassischen deutschen protestantischen Universitätsstädte in ihrer Geschichte ein beachtenswertes bildkünstlerisches Milieu herausgebildet hat. Aus dem Tübinger Spätmittelalter und der Neuzeit kennen wir deshalb nur sehr wenige Künstlerpersönlichkeiten. Nun wird dem Renaissancearchitekten Jörg Unkair, auch als „Meister Jürgen von Tübingen“ bekannt, gerade eben die Ehre einer nach ihm benannten Straße zuteil.

25.04.2012

In Unkairs Leben spiegelt sich der große Bruch in der deutschen Kunst am Anfang des 16. Jahrhunderts wider. Wahrscheinlich in Lustnau kurz vor oder um 1500 geboren, arbeitete er 1515 als Mitglied einer großen Bauhütte am Ausbau des Klosters von Bebenhausen, wie dies sein dortiges Steinmetzzeichen bezeugt.

Der große, in seinem Kern noch mittelalterliche, kirchliche Baubetrieb in Süddeutschland brach aber infolge der Reformation nach 1520 plötzlich zusammen und Unkair entschloss sich zu einer für die damalige Zeit recht seltenen, berufsbedingten Reise nach Norddeutschland. Das Land an der mittleren Weser bot damals für Steinmetzen und Architekten große Beschäftigungsmöglichkeiten.

Der aufkommende Territorialadel, aber auch die Bischöfe als Landesherren initiierten damals ein umfangreiches Schlossbauprogramm, das entscheidend zur künstlerischen Formierung der sogenannten Weserrenaissance beitrug.

Seit 1524 arbeitete Unkair im Wesergebiet und beschritt sogleich den Weg vom Steinmetz zum Schlossarchitekten. 1524 begann er mit dem langjährigen Umbau des Schlosses Neuhaus bei Paderborn, einer Residenz der Paderborner Fürstbischöfe.

Seine Tübinger Herkunft hat er nicht verleugnet: Zwischen dem vierflügeligen Grundriss von Neuhaus und dem des beinahe zeitgleich entstandenen Schlosses Hohentübingen besteht nämlich eine weitgehende Übereinstimmung.

Beide Schlösser zeigen in den Winkeln des Eingangsflügels sowohl einen vieleckigen wie auch einen quadratischen Wendelstein-Treppenturm. Man kann deshalb mit voller Berechtigung von einem Tübinger Kunstexport – sei es in Form eines schon gebauten Vorbildes oder eines gerade eben entworfenen Bauplanes – an die Weser sprechen. Doch Unkair übertrug an die Weser auch die Portalformen seiner Heimat, so die rundbogigen Portale mit der sogenannten Stabeinfassung und die „Kragenbogenportale“ aus Bebenhausen wie auch die dekorativen süddeutschen Astwerkeinfassungen.

In den dreißiger und vierziger Jahren arbeitete „Meister Jürgen von Tübingen“ an mehreren Schlössern im mittleren Weserraum (Schelenburg, Stadthagen, Petershagen). Für diese Bauten entwickelte er besondere Formen der Zwerchhäuser und der Halbkreisaufsätze, damals auch als „welsche Giebel“ bekannt.

Sein Stil war von der italienischen Renaissance denkbar weit entfernt, er bevorzugte ornamentale Variationen und etwas irreguläre Bauformen. Als allseits gefragter Architekt hat er schulbildend gewirkt. Keinem anderen Tübinger Künstler scheint ein so weitreichender Einfluss beschieden worden zu sein, er gilt als der führende Künstler der frühen Weserrenaissance.

Während des Umbaus des Schlosses in Detmold ist er im Jahre 1553 gestorben. Im Juli 1553 erschienen in Detmold Kunrat Bart und Jakob Müller aus „dem Land Wurtemberge von Lustenouwe /Lustnau/“ und verlangten als die nächsten Verwandten die Herausgabe des Erbes von „Jorg Unkair“. Nur dank dem diese Erbübergabe bezeugenden Dokument kennen wir den wirklichen Namen des Meisters Jürgen von Tübingen. Die Namensgebung der Straße in Lustnau erinnert an einen Künstler, der die norddeutsche Architektur der Renaissance grundlegend geprägt hat.

Sergiusz michalski

Bei allen Unterschieden – in einem sind Jörg Unkairs Schloss Neuhaus bei Paderborn (links) und Schloss Hohentübingen nach dem gleichen Schema gebaut: links vom Portal der vieleckige Turm und rechts der quadratische Eckturm.Bilder: Wikimedia

In unregelmäßigen Abständen will eine Serie an dieser Stelle auf einige Maler, Zeichner, Bildhauer und Baumeister aufmerksam machen, die in irgend einer Weise mit Tübingen verbunden waren oder es noch sind. Sei es, weil sie die Stadt sogar im Namen tragen wie der geheimnisvolle „Hans von Tübingen“, der vor rund 600 Jahren geboren wurde. Sei es, weil sie hier (vorübergehend oder auch länger) arbeiteten oder noch arbeiten. Nach Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Helmuth Seible, Ugge Bärtle, Fritz Springer, Rosemarie Sack-Dyckerhoff und Heiner Bauschert wird die Reihe nun wieder mit einem Alt-Baukunstmeister aufgenommen, der auch der „Meister Jürgen von Tübingen“ genannt (und nach dem nun eine Straße auf dem Lustnauer Weberei-Gelände benannt) wird – Jörg Unkair.

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Erstellt:
25. April 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. April 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. April 2012, 12:00 Uhr

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