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Aus der Nische zum Erfolg: Wie die Südwest-Grünen zur ganz normalen Partei geworden sind

Kretschmanns Normalos

Seit fünf Jahren sind die Grünen an der Spitze der Macht in Baden-Württemberg. Nur noch ein paar Prozentpunkte trennen sie von der CDU, die Baden-Württemberg mehr als ein halbes Jahrhundert regiert hat.

03.02.2016
  • ANDREAS BÖHME

Das Sein bestimmt das Bewusstsein? Die Südwest-Grünen sind, seit sie regieren, schon rein prozentual zur Volkspartei geworden. Angepasster, kompromissbereiter, dialogfähiger. In der Form und auch im Inhalt sind sie rangerückt an die anderen demokratischen Parteien. Der Weg aus der Alternativnische zur erfolgreichen, staatstragenden Partei dauerte mehr als drei Jahrzehnte. Er mag sich beschleunigt haben in der ablaufenden Legislaturperiode, begonnen hat er schon vor Jahren.

Grob links waren die Südwestgrünen ja ohnehin nie, aber zwischendurch gern mal chaotisch und aufmüpfig. Heute spielt, wenn überhaupt, nur noch die grüne Jugend diese Rolle. Die Landtagsfraktion dagegen steht hinter ihrer Regierung, ohne Wenn, mit wenig Aber. In Winfried Kretschmanns Dienstzimmer findet sich auf dem Sideboard hinter dem Schreibtisch ein einziges Foto. Es zeigt den Ministerpräsidenten im Gespräch mit Edith Sitzmann, der Fraktionschefin. Auf die hält er allergrößte Stücke: "Sehr, sehr, sehr gut" sei die Zusammenarbeit auf der "Stabilitätsachse" zwischen beiden. Fiele Kretschmann heute der berühmte Stein auf dem Kopf, es wäre bei den Grünen nicht anders als über Jahrzehnte bei der Union: Wer die Fraktion führt, war damals Kronprinz und ist heute Kronprinzessin.

Atmosphärisch aber wäre undenkbar, dass Lothar Späth als Regierungschef ein Teufel-Porträt, Teufel eines von seinem Fraktionschef Oettinger und der wiederum, als er regierte, eines von Stefan Mappus im Büro gehabt hätte. "Mappus hat Oettinger doch mindestens alle drei Wochen massiv geärgert", sagt Kretschmann und lacht. Er dagegen räumt mit seiner Fraktionschefin bis kurz vor der Wahl alle Baustellen ab, die den Machterhalt gefährden könnten.

Nur Fundis wie Jürgen Trittin, Kretschmanns langjähriger Gegenspieler im Bund (der den Südwesten mit Wasiristan verglich, Pakistans unkontrollierbarer Bergregion), mögen das für illegitim halten. Der Wähler schätzt diesen ihm als klassische Politik vertrauten Trieb mit nahezu 30 Prozent Zustimmung. Da mag selbst Landeschefin Thekla Walker mit Lob nicht hintanstehen: Die Menschen schätzten nicht nur Kretschmanns unaufgeregten Stil, "sie wissen auch, dass das Land bei ihm in guten Händen ist." Schon 2009 gab Kretschmann vor: Das natürliche Spannungsverhältnis der (auch in den Medien präsenteren) Landtagsfraktion gegenüber der Partei werde "produktiv und professionell" sein. Im Übrigen achte er darauf, dass man sich nicht in die Quere komme.

Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis die Grünen ihrem Frontmann abnahmen, dass die Partei bei ihm in guten Händen sei und man ihn quasi als Alleinstellungsmerkmal akzeptierte. Noch vor gut fünf Jahren stellte ihm der Parteitag ein "Spitzenteam" an die Seite, das auf ihn aufpassen sollte. Gestört hat das den Grünen-Gründer schon, behindert nicht. Silke Krebs, die bei der Spitzenkandidatenkür 2010 die Quotierung von Top-Positionen noch als das Erfolgsmodell propagierte, ist mittlerweile Staatsministerin und hält in der Regierungszentrale für ihren Chef die Fäden mit in der Hand.

Als Kretschmann sein Amt übernahm, standen die Personenschützer schon hinter ihm. "Wir wollen ja neue Schritte in Richtung Bürgergesellschaft machen", sprach er ins Diktiergerät, "da passen Leibwächter nicht gut ins Bild. Aber vielleicht ist das auch einfach nur der letzte Schritt in die Realpolitik." Resigniert klang das nicht.

Viel für die Öffnung der Südwestpartei hat weit früher Andreas Braun geleistet: Der Theologe und Gewerkschafter stabilisierte die Grünen bis Ende 2006; knapp acht Jahre, mit vier weiblichen, in kurzer Folge wechselnden Doppelspitzen. Braun hat nicht nur den Laden zusammengehalten, sondern auch die Köpfe für mehr Realismus geöffnet. Wenn die Grünen heute über eine Ampel mit FDP-Beteiligung nachdenken, dann hat Braun für solche damals undenkbaren Koalitionsoptionen den Grundstein gelegt.

Lieber weniger Autos als mehr: Diesen aus Öko-Sicht nachvollziehbaren Satz zu Beginn seiner Ägide mag Kretschmann oft bereut haben. Vom Funktionieren der Wirtschaft, gesteht er, versteht er immer noch wenig. Entscheidend aber ist, dass der Grüne begriffen hat, wie wichtig Ökonomie an sich (und damit auch die Autoindustrie) für den Wohlstand im Land und die Durchsetzbarkeit ökologischer Ideen ist. "Es ist die Wirtschaft, Dummchen", den Satz des US-Präsidentenberaters James Carville gebraucht Kretschmann heute ganz selbstverständlich. Er hat ihn verinnerlicht, bis hin zur jüngsten Weigerung, den Wunsch des Koalitionspartners mitzutragen, der zu paritätischen Krankenkassenbeiträgen zurück will.

Von Stuttgart 21 bis hin zur gestrafften Asylpolitik verläuft eine steile Lernkurve der Grünen. Stricken auf dem Parteitag? Heute wird die Tagesordnung stringent abgearbeitet. Turnschuhe im Parlament? Bestenfalls der oberste Hemdknopf ist offen, und selbst der einzige Linke im Kabinett, der Verkehrsminister, kommt mit Schlips. Oberflächlichkeiten, aber sie schürten anfängliche Befürchtung, die Ökos könnten in ihrem Unernst das Land ruinieren. Nichts ist davon übrig, Kretschmann ist selbst in der Union beliebter als der eigene Spitzenkandidat. Der Arbeitgeberverband gibt Grün-Rot ein Befriedigend plus und sagt, auch unter den Schwarzen wären kaum bessere Noten denkbar.

"Wir sind", sagt der Ministerpräsident nicht ohne Stolz, "eine richtig gute Regierung geworden." Dass das Land "so gut dasteht wie nie" ist allerdings nicht nur hoher Regierungskunst geschuldet, sondern vor allem dem wirtschaftlichen Erfolg der Konzerne und Mittelständler, denen eine Landesregierung in jedweder Farbe am besten gar nicht im Weg steht. Das wiederum schien früh verstanden: "Vom Wahltag an war klar: Wir müssen für das ganze Land gute Politik machen", sagt Edith Sitzmann: "Wir haben nicht immer eins zu eins grüne Positionen umgesetzt, aber das ist ein ganz normaler Prozess." Und die Grünen eben eine ganz normale Partei.

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03.02.2016, 08:30 Uhr
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