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Kampf für ein tumorfreies Leben

Krebspatient streitet mit Medizinern der Krankenkassen über Zelltherapie

Eine erfolgreiche Behandlung gegen Darmkrebs ermöglicht Georg S. ein fast normales Leben. Sie ist preiswerter als die Chemotherapie. Dennoch lehnen Mediziner der Krankenkassen die Kostenübernahme ab.

09.02.2013

Von MARTIN HOFMANN

"Es war fünf nach Zwölf", sagt Georg S. Kurz vor Weihnachten 2008 stand die Diagnose zweifelsfrei fest: Mastdarmkrebs im Endstadium. Tausende Gedanken rasten dem 47-Jährigen durch den Kopf, als er von der Arztpraxis im kalten Dezemberregen nach Hause ging.

Im März 2009 entfernen Chirurgen im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus nach einer ersten Chemotherapie den Tumor und dessen Metastasen in der Leber. Die Chemotherapie wird fortgesetzt. Ständig Kontrollen. "Die Operation ist sehr gut verlaufen", sagt Georg S. heute. Der kaum zu erschütternde Optimist nimmt den Kampf gegen den Krebs auf. Seine Familie und sein gut trainierter Körper helfen ihm.

Im Herbst 2009 der nächste Tiefschlag: Der Krebs hat die Leber erneut befallen. Eine zweite OP. Ein Segment des Organs muss entfernt werden. Wieder Chemotherapie. Mit den Nebenwirkungen zehrt sie an der Konstitution des Kranken. Psychisch ist er erschöpft. Doch die Rehabilitation verläuft gut.

Anfang 2010: Ein behandelnder Arzt schlägt S. vor, einen anderen Weg im Kampf gegen die Krankheit einzuschlagen. Er nimmt den Rat an. Seit drei Jahren wird er mit dendritischen Zellen (Abkürzung: DZ) behandelt. Sie sind die Wächter des Immunsystems und erkennen mit ihren sternförmigen Auswölbungen Eindringlinge wie Krankheitserreger. Sie zerlegen diese in Bruchstücke und übertragen die Information an die Killerzellen. Diese können nun die Fremdkörper identifizieren und angreifen. Eine dendritische Zelle kann bis zu 3000 Killerzellen auf ein Ziel abrichten. Dann kommt es zum Kampf - Zelle gegen Zelle - mit Todesfolge für beide.

Bei der Krebstherapie werden dem Patienten unreife dendritische Zellen entnommen und mit einem Antigen seines Tumors versehen. In ausgereiftem Zustand werden sie dem Kranken wieder verabreicht: eine Impfung in die Bauchdecke mit präparierten Wächterzellen.

Bei Georg S. ist die Therapie ein voller Erfolg. Er ist tumorfrei und muss die schweren Nebenwirkungen von Chemotherapie und Bestrahlung nicht ertragen. Bis auf kleine Einschränkungen, die sein Umfeld längst akzeptiert, ist er voll arbeitsfähig. Während der Chemotherapie und der Erholungsphase danach war dies undenkbar.

Total enttäuscht ist der Patient dennoch. Seit der zweiten Impfung streitet er um die Übernahme der Therapiekosten. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) lehnt die Finanzierung ab. Begründung: Es handle sich um eine neue Methode, die als Kassenleistung nicht zugelassen sei. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe sich nicht mit ihr befasst. In diesem Gremium klären Krankenkassen, Kassenärzte und Kliniken, welche Leistungen das Solidarsystem trägt.

Zu Gesicht bekommt Georg S. die Stellungnahme des MDK nicht. Umgekehrt haben die begutachtenden Mediziner den Patienten nie gesehen. Sie entscheiden nach Aktenlage. Nicht nur dieses Verharren in der Anonymität ärgert Georg S. gewaltig. "Wozu gibt es ein Solidarsystem", fragt er. Wenn die erfolgreiche Therapie einer lebensbedrohlichen Krankheit nicht bezahlt wird, versagt es kläglich. Dabei kann es an den Kosten nicht liegen. Der Familienvater zahlt für seine Zell-Spritzen 6400 Euro pro Jahr. Für die Chemotherapie müsste die Kasse bis zu 15 000 Euro aufwenden. Ohne Zögern würde sie dies finanzieren.

Georg S. legt Widerspruch ein, dann zieht er vor das Sozialgericht. Zuletzt schließt er einen Vergleich mit der Kasse, von der er sich sonst gut betreut fühlt. Sie übernimmt 90 Prozent der Kosten, nachdem sein Arzt bescheinigt, die Therapie sei notwendig: "Die meisten Patienten entwickeln in den ersten zwei Jahren erneut Metastasen - trotz OP und Radiochemotherapie."

Seither findet ein unwürdiges Feilschen statt. 2012 bietet die Kasse an, 80 Prozent der Behandlung zu finanzieren. Jetzt steht die nächste Impfung an. 70 Prozent? S. denkt nüchtern: Die Kasse spare im Vergleich zur Chemo viel Geld. Die DC-Gabe verhindere die Tumorbildung. So sei er voll erwerbstätig und zahle auch den Krankenkassenbeitrag. Er fügt dies nicht hinzu, aber dieser deckt die Therapiekosten.

Nein, ein Wundermittel sei die DZ-Behandlung nicht, betont Frank Gansauge vom Zentrum für onkologische, endokrinologische und minimalinvasive Chirurgie in Neu-Ulm. Die Therapie aber in eine Hokuspokus-Ecke zu drängen, sei absurd. Mit S. seien fünf seiner Krebspatienten tumorfrei.

Zufall? Der Arzt und Privatdozent befasst sich seit elf Jahren mit den Dendriten. Er will keine falschen Hoffnungen wecken, denn in den "seltensten Fällen" verschwindet der Krebs ganz. Das Immunsystem reagiert aber immer auf DZ-Gabe. Die Zahl der Abwehrzellen steigt.

Jetzt legt Gansauge eine rückblickende, von unabhängigen belgischen Experten geprüfte Analyse seit 2001 behandelter Patienten vor. Bei 134 Menschen mit inoperablem Bauchspeicheldrüsenkrebs leben 55 Prozent noch nach einem Jahr, wenn sie zur Chemotherapie mehrmals DC erhalten. Die Hälfte der Patienten lebt nach 13,4 Monaten noch. Beim wirksamsten Arzneimittel sind es nur 23 Prozent. Die Hälfte der Chemotherapierten hält dem Krebs nur sieben Monate stand. Bei 34 Patienten mit Dickdarmkrebs bilden sich nach Entfernen der Tumore und einer Chemotherapie bei 40 bis 50 Prozent der Erkrankten Metastasen. Bei zusätzlicher DC-Gabe sind es 9 Prozent. Die Hälfte lebt noch nach 28 Monaten, bei Standardtherapien 20 bis 23.

"Mit DZ-Gabe sinkt das Risiko der Metastasenbildung von 31 auf 8 Prozent. Die 5-Jahres-Überlebensrate steigt von 74 auf 97 Prozent", fasst der Arzt seine Ergebnisse zusammen. Dazu kommt: Die Immunisierung erspart Patienten Übelkeit, Hautausschläge, Gewebeschwellungen und weitere Nebenwirkungen. Und sie ist in keinem Fall teurer als die Arzneimittel, meist sogar preiswerter.

Georg S. bringt die Vor- und Nachteile auf seinen Nenner: "Meine Krebsärzte haben mir das Leben geschenkt. Die Chemotherapie hat versagt und meine Leber gekostet." Er hofft, dass die Mediziner der Krankenkassen dies einsehen. Nervenaufreibender Streit stärkt sein Immunsystem gewiss nicht.

Ein Mitarbeiter pipettiert in einem Labor in der Pathologie an der Charité in Berlin Zellkulturen. Foto: Britta Pedersen/dpa

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Erstellt:
9. Februar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Februar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Februar 2013, 12:00 Uhr

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