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Bosch

Kreatives aus Knetmasse und Kunst

Mitarbeiter des Technik-Konzerns dürfen sich in Renningen auf einem Stockwerk austoben – oder einfach nur die schöne Aussicht genießen. Unkonventionelles soll Ideen bringen.

07.04.2018

Von THOMAS VEITINGER

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Renningen. Ein Stuhl für Tennis-Schiedsrichter ist höher als ein Stuhl im Wohnzimmer, damit die Unparteiischen auf dem Platz den Überblick behalten. Gleichzeitig sind es nur ein paar Stufen vom Boden aus. Aber hier, in der 12. Etage des Entwicklungszentrums von Bosch, muss der Sitz dort oben regelrecht erklommen werden. Wenn dann noch eine große schwarze Stoffhaube über einen gestülpt wird, entsteht der Eindruck, wo ganz anders zu sein: In der Erde, unter einer Decke, in einem anderem Raum.

Auch darum geht es in der „Platform 12“. Anderes zu spüren, anders zu denken und anders zu handeln. Und dadurch Dinge infrage zu stellen, herumzuspielen, nachzudenken, kreativ zu sein. Etwa oben unter der schwarzen Stoffhaube auf dem Schiedsrichterstuhl. Oder beim Spiel mit Legosteinen, Knetmasse, Holz und Spielzeugautos.

„Wir reden hier miteinander, wir lassen den Zufall zu“, sagt Birgit Thoben, die sich selbst als Mittlerin bei Bosch sieht, „um Kollegen zu helfen, die Innovationskultur weiter zu stärken und das Unternehmen voranzubringen“. Wie passen die offizielle Anordnung des Bosch-Konzerns, nach der jeder Mitarbeiter seinen Schreibtisch abends aufzuräumen hat (Clean-Desk-Regel) und das auf der 12. Etage in Renningen herrschende Chaos, etwa auf der Werkbank, zusammen? Das passt sehr gut, ist die Innovationsmanagerin überzeugt. „Hier ist ein Freiraum entstanden, in dem Grenzen überschritten werden sollen.“

„Gewöhnungsbedürftig ist das Zusammensein schon“

Via Installationen können die Besucher des Stockwerks ins Gespräch kommen. Etwa über eine große Weltkugel oder Lampen, die keinen anderen Sinn haben, als pink zu sein. Auf einem so genannten Tages-Bett sitzt ein ordentlich gekleideter Bosch-Mitarbeiter und sichtet Blätter mit Tabellen. Am Eingang diskutiert eine größere Gruppe Männer ein Thema. Sie benutzen dazu viele Abkürzungen. „Alle Mitarbeiter können hierherkommen, von der Werkbank bis zum Top-Management“, berichtet Thoben, die Energie- und Verfahrenstechnik studiert und über Brennstoffzellen promoviert hat. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Forschern stehen bei Bosch 10?Prozent ihrer Arbeitszeit frei zur Verfügung, über die sie keine Rechenschaft ablegen müssen. Das hat sich Bosch von IT-Giganten wie Google und Facebook aus dem mittlerweile legendären kalifornischen Silicon Valley abgeschaut. Die Deutschen wollen dabei aber ihren eigenen Weg gehen.

Manchmal ist es voll auf der Etage, dann wieder tagelang nahezu leer, berichtet Thoben. Einzige Regel: Wenn mehr als 120 Menschen da sind, schließt die Ideenschmiede aus Platzgründen. Ansonsten ist an sechs Tagen die Woche von 6 bis 22 Uhr geöffnet. Längere Zeiten erlaubt das Landratsamt aus Brandschutzgründen nicht.

Aber was bringt das ganze Anderssein dem Unternehmen in der ökonomisch harten Wirklichkeit? „Eine von 100 Ideen ist erfolgreich“, sagt Thoben allgemein, ohne die spezielle Erfolgsquote zu verraten: „Das würde Druck aufbauen.“ Wer eine Idee hat, kann sie schnell ins Intranet einspeisen, wo sie sich von allen 400?500 Mitarbeitern lesen lässt. In einem mehrstufigen Prozess werden potenzielle Geschäftsideen herausgefiltert. Ein Beispiel nennt die Managerin dann doch. Bei einem Gespräch über Lambda-Sonden im Auto, die auch Feuchtigkeit messen, wurde der Bogen zu Haushalts-Herden geschlagen, in denen die Technik nun anhand der nachlassenden Feuchtigkeit feststellt, wenn ein Essen gar ist.

Eine Umgebung mit sehr wenigen Regeln

„Sie werden träumen und darin die Realität finden“, steht in großen Buchstaben auf dem Boden geschrieben. Dabei helfen sollen Künstler, die alle drei Monate wechseln. Alexander Werle ist Künstler Nummer 12. Er will ins Gespräch kommen über Mensch-Technik-Themen und hat dafür ein Völkerballspielfeld draußen, vor dem zwölfstöckigen Gebäude am Rande eines ehemaligen Flugfeldes abgesteckt. In unmittelbarer Umgebung des Spielfeldes befinden sich kleine Teiche. Da sie tiefer als 80 Zentimeter sind, muss Bosch dafür extra Rettungsboote bereithalten. „Gewöhnungsbedürftig ist das Zusammensein schon“, sagt Werle.

In diesem klar strukturierten Konzern mit vielen Regeln sollen Innovationen in einer Umgebung mit sehr wenigen Regeln entstehen. „Am Anfang haben uns schon manche Mitarbeiter gefragt, ob das eigentlich unser Ernst sei.“ Einen Kaffee zu trinken, die Fenster zu bemalen und die schöne Aussicht während der Arbeitszeit zu genießen, das passe doch so gar nicht zu dem arbeitsamen Konzern. Thoben: „Eben“.

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„Ja, was ist denn das für eine Kugel?“ „Keine Ahnung!“ Wenn es solche Dialoge vor der Holzkugel oben gegeben haben sollte, sind sie für den auf Effizienz getrimmten, straff organisierten und hierarchischen Konzern Bosch regelrecht revolutionär. Auf „Platform 12“ wird aber auch diskutiert und (auf der Fensterscheibe!) gearbeitet. Foto: x

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Erstellt:
7. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. April 2018, 06:00 Uhr

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