Ohne den Tsunami geplant

Kraftwerksingenieur: Haben einst von "General Electric" kopiert

Im Kraftwerk Fukushima 1 gibt es weiter gravierende Probleme mit der Kühlung der Reaktoren und neuen Bränden. Ein Ingenieur erhebt unterdessen schwere Vorwürfe gegen Japans Atomindustrie.

17.03.2011

Von MARTIN KOELLING

Die Lage im Kernkraftwerk Fukushima 1 ist gestern weiter eskaliert. Entsetzt vom Ausmaß der Katastrophe hat sich nach Masahi Goto, dem ersten Industrie-Insider, der vor einem neuen Tschernobyl gewarnt hat, nun ein zweiter Toshiba-Ingenieur vorgewagt: Shiro Ogura. Seine Aussage lässt Japans Atomindustrie schlecht aussehen. Von seinen 35 Arbeitsjahren als Atomkraftwerksbauer hat er die erste Hälfte in der Entwicklung von Pumpen und Wärmetauschern gearbeitet, die zweite in der Instandhaltung. "Ich habe die Geräte nach den Designvorgaben entwickelt", sagt er, die Vorgabe war, dass kein Erdbeben der Stärke 8 oder höher möglich sei.

"Ich bin überrascht, dass das Erdbeben viel größer als die Designvorgaben war", sagt er. Außerdem sei erstaunlich, dass die mehrfach vorhandenen Sicherheitssysteme alle versagt hätten. "Der Tsunami ist einer der wichtigen Faktoren, die die Schäden verursacht haben." Allein: Er sei bei der Planung der Anlagen nicht berücksichtigt worden. Einst "haben wir die Pläne von General Electric einfach kopiert", erinnert sich Ogura, "Tsunamis waren darin nicht vorgesehen. Als wir eigene Atomkraftwerke entwickelt haben, haben wir diese Praxis offenbar fortgeführt." Erst kurz bevor er in Rente ging, sei erstmals getestet worden, ob die Anlagen vor Tsunamis sicher sind. Aber der simulierte Tsunami war viel kleiner als der jetzige.

Michel Theoval, Vize-Vorsitzender des europäischen Wirtschaftsrats in Japan, wundert das nicht. "Es gibt eine inzestuöse Zusammenarbeit zwischen den Kontrollbehörden und den Unternehmen." Nachdem die Kontrolleure aus dem Amt scheiden, werden sie von den kontrollierten Unternehmen mit gut dotierten Posten abgefunden. In seiner früheren Rolle als Japan-Chef des französischen Rüstungs- und Elektronikkonzerns Thales hat er das jahrelang erlebt. Er glaubt, dass ein Zuständigkeitschaos die Arbeit der Retter verlangsamt. Premierminister Naoto Kan seien die Hände gebunden, weil kein nationales Notstandsgesetz ihm durchgreifende Befugnisse einräumt. Fehlende Pumpen könnte vielleicht die Feuerwehr liefern. Doch die werde sagen, die Pumpen vertragen kein Salzwasser. Die Küstenwache habe Löschboote. "Aber die haben bestimmt auch erstmal die Arme vor der Brust verschränkt", meint Theoval. Von Flughäfen könnte man Löschfahrzeuge holen - theoretisch. Praktisch dürfte das scheitern, weil die meist aus dem Westen importierten Fahrzeuge keine Straßenzulassung haben. Auch die Medien seien ein Problem: Sehen sie Rauch aufsteigen, wissen sie die Lösung. "Dabei müssen die Experten erst einmal für drei bis fünf Stunden selbst rätseln, was dort gerade im Reaktor stattgefunden hat. Und auch dann wissen sie es nur zur Hälfte."

Die beschädigten Reaktorblöcke 3 (links) und 4 (hinten) des havarierten Kernkraftwerks Fukushima 1. Foto: afp/HO/TEPCO via Jiji Press

Zum Artikel

Erstellt:
17. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. März 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App