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Ballett

Kraftvoll und elegant zugleich

Friedemann Vogel, Erster Solist in Stuttgart, ist mit 40 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere – der einzige deutsche Tänzer von Weltrang.

13.12.2019

Von Susanne Wiedmann

Anmutiges Muskelpaket: Friedemann Vogel in Aktion auf der Bühne. Foto: Youn Sik Kim

Stuttgart. Vom dritten Rang aus sah er sich die Ballette an. Seit er fünf Jahre alt war, kam Friedemann Vogel ins Opernhaus. Bald kannte der Junge das Repertoire: Onegin, Romeo und Julia, die Klassiker ohnehin, aber auch abstrakte Werke. Oft begleitete ihn seine Mutter, manchmal nahm ihn sein Bruder mit. Roland Vogel, zwölf Jahre älter und damals schon Profitänzer beim Stuttgarter Ballett. Friedemann Vogel sagt: „Ich wollte erreichen, was auch er geschafft hat.“

Er hat es längst erreicht. Erst kürzlich wählte ihn eine Jury aus internationalen Kritikern der Fachzeitschrift Tanz zum „Tänzer des Jahres“. 2015 verlieh ihm das Land Baden-Württemberg den Titel „Kammertänzer“. Friedemann Vogel ist derzeit der einzige deutsche Tänzer von Weltrang. Es gab nie diesen Moment, in dem er entschied, Tänzer zu werden. Wie selbstverständlich stand es fest. Für ihn jedenfalls, noch nicht für seine Eltern. Daher schickten sie ihn zunächst in eine private Ballettschule nach Tübingen, nicht weit entfernt von Dettenhausen, wo er mit vier Brüdern aufwuchs und die Eltern noch heute leben.

Friedemann Vogel sitzt in einer Garderobe des Theaters. Obwohl er gerade von den Proben kommt, wirkt er nicht angestrengt. Er trägt einen dunkelblauen Trainingsanzug, Turnschuhe, lächelt und sagt: „Die Auszeichnungen ehren mich unheimlich. Aber ich bin noch dieselbe Person, die ich immer war. Der Erfolg ändert nichts daran.“

Er ist jetzt mit 40 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im Mai debütierte er als Kronprinz Rudolf in Kenneth Mac Millans „Mayerling“. Drei Stunden Spieldauer, Friedemann Vogel fast ununterbrochen auf der Bühne, fünf Ballerinen an seiner Seite, sieben Pas de deux. Die anspruchsvollste Rolle, die er je tanzte, physisch und psychisch, ein komplexer Charakter, eine brutale Welt. Gescheitert an den Zwängen des Wiener Hofes und am Leben, krank, zerrissen und zerbrochen. Rudolf betäubt sich mit Drogen, erschießt seine Geliebte und dann sich selbst. „Ein verrückter Kopf, der so hart handelt. Die Rolle ist sehr weit entfernt von allem, was ich selbst je erlebt habe“, sagt der Tänzer. Es war schwierig, in diese Figur hineinzufinden, für ihn und für sein Umfeld. „Wenn man sechs Stunden am Tag im Wahn und mit Dämonen lebt, ist es nicht leicht, da sofort wieder rauszukommen.“

In nur vier Spielzeiten hatte sich Friedemann Vogel vom Corps de Ballet in die Riege der Ersten Solisten getanzt. „Schon früh wurden ihm Solorollen anvertraut. Er war sehr jung, aber wir haben verstanden, dass man dieses Talent nicht bremsen kann“, sagt Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts.

Als Herzog Albrecht in Giselle, Prinz Desiré in Dornröschen, als liebender Romeo: Mit seiner jugendlich-sympathischen Ausstrahlung, seiner präzisen Technik, kraftvoll und weich und elegant zugleich, war er die perfekte Besetzung für die edlen Jünglinge und den feingeistigen Dichter Lenski, die zweite männliche Hauptrolle in John Crankos „Onegin“. Erst mit Mitte Dreißig tanzte er den hochmütigen, unzugänglichen Onegin. Tamas Detrich sagt: „Friedemann brauchte diese Zeit, um reif zu werden als Künstler. Was er jetzt macht, geht tief in die Seele hinein.“

Wenn der Vorhang aufgeht, ist seine Technik nur noch Beiläufer, der Körper sein Instrument. Dass er funktioniert, dafür trainiert Friedemann Vogel im Ballettsaal sechs Tage in der Woche. Nach Vorstellungen schläft er schlecht und nur sehr kurz. „Mein Körper braucht eigentlich den Schlaf, aber der Hormoncocktail aus Adrenalin und Endorphine, der ausgeschüttet wurde, bleibt im Körper drin.“ Wenn das Handlungsballett allerdings ein Happy End hatte, fühle er sich am nächsten Tag nicht erschöpft. Obwohl es für den Körper sehr anspruchsvoll war. Wenn er dagegen Romeo, Onegin, Kameliendame, Mayerling tanze, sei er am nächsten Tag wie gerädert. „Das Drama bleibt im Körper stecken, auch die Gewalt.“

Sein Repertoire ist so groß, dass er es nie nur an einem Theater hätte aufbauen können. Friedemann Vogel nennt es Glück, dass er viele Rollen schon getanzt hat, die es in Stuttgart nie gab. Manon von Mac Millan oder dessen Romeo. Stuttgart ist seine Heimat und seine perfekte Basis. Aber es drängt ihn auch unentwegt in die Welt hinaus. Da trifft es sich gut, dass er an den bedeutendsten Theatern als Gasttänzer gefragt ist: Ob Pariser Oper, Mariinski-Theater St. Petersburg, Bolschoi-Theater Moskau, Mailänder Scala, ob Hongkong oder Tokio. Dabei legt er Wert darauf, dass ihn die angebotenen Rollen künstlerisch weiterbringen.

Friedemann Vogel ist auch in der Modewelt unterwegs. Mit seinem langjährigen Partner Thomas Lempertz, Kostümdesigner und ehemaliger Solist beim Stuttgarter Ballett, gründete er das Label „Goldknopf“. Einige Jahre betrieben sie einen Laden in Stuttgart, brachten eigene Kollektionen heraus. Ab und zu steht er noch vor der Kamera und wird in Modezeitschriften porträtiert. Eine gute Plattform, findet er, um seine Kunst weiter bekanntzumachen.

Seit er 40 Jahre alt geworden ist, wird er öfter gefragt, wie lange er wohl noch auf der Bühne tanzen werde. Aber Friedemann Vogel ist keiner, der die Zukunft durchplant. Sowieso sei der Beruf so fragil, dass es nie vorauszusehen war, was die Zukunft bringt. „Es hätte auch sein können, ich mache mit Anfang 20 einen Sprung und das Knie ist kaputt.“ Er hatte Glück, dass keine seiner Verletzungen seine Karriere beeinträchtigte. „Es ist der Lauf der Zeit, dass man sich von Dingen verabschieden muss – auch wenn es schmerzhaft ist. Dass ich nicht ewig Romeo sein werde, ist mir total bewusst. Und ich habe keine Angst davor. Wenn der Moment kommt, wird es mir mein Körper zeigen, womöglich auch mein Kopf, der dann sagt: Nö, möchte ich nicht mehr.“

Friedemann Vogel kann viele Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere bleiben, meint Tamas Detrich. „Er hat einen Körper, der unglaublich schön ist für den Tanz, er hat Disziplin und Ehrgeiz – und diese große Hingabe.“

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Erstellt:
13. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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