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Lamm Gottes hyperrealistisch

Kostproben von Francisco de Zurbaráns magischer Mystik in Düsseldorf

Bei keinem anderen Maler ist das Heilige so greifbare Wirklichkeit geworden wie bei diesem rätselhaften Barock-Spanier: Das Museum Kunstpalast zeigt erstmals in Deutschland Francisco de Zurbarán.

30.10.2015
  • CHRISTOPH MÜLLER

Düsseldorf Die zur Weltkultur des christlichen Abendlands zählende spanische Malerei des 17. Jahrhunderts ist in deutschen Museen spärlich vertreten. Greco, Verlasquez und Murillo gibt es nur in wenig repräsentativen Einzelexemplaren - vom dämonischen späteren Goya ganz zu schweigen. Man muss schon nach Madrid, um sie in Hauptwerken kennen und lieben zu lernen. Für den fünften im Bunde, den magisch strengen Mystiker Franciso de Zurbarán (1598-1664) ist seine Geburtsstadt Sevilla unerlässlich. Wer sich dessen bezwingender katholischen Glaubenswelt auch nur von Ferne fröstelnd annähern will, der hat jetzt, erstmals im deutschsprachigen Raum, im Düsseldorfer Kunstpalast die Chance, sich in mehr als 60 authentische Kostproben seines Schaffens zu versenken. Einige deutlich ungelenke Werkstattarbeiten und sieben brave Obststillleben seines Sohnes, die vor allem den großen Qualitätsabstand zum ebenfalls nebenher als genialer Stillleben-Spezialist brillierenden Vater augenfällig machen, ergänzen die Schau.

Die einzige Schwäche dieser grandiosen Ausstellung: ein hochmodern minimalistisches Zurbarán-Stillleben fehlt. Ansonsten geht Düsseldorf über das Angebot von Thyssen-Bornemisza in Madrid hinaus, wo die Hommage zuvor zu sehen war; unter anderem sind in Düsseldorf vier der sieben in Deutschland vorhandenen Werke des Meisters dabei, sodass es gleich sechsmal den Heiligen Franziskus gibt. Der ist quasi das Markenzeichen Zurbaráns: von Kopf bis Fuß in Braun-Orgien verhüllt, oft mit Flickenmuster und mehr Schatten als Licht vor tiefschwarzem abstraktem Hintergrund. Strenger asketisch geht nicht. Des Totenschädels in der Franziskus-Hand hätte es eigentlich gar nicht mehr bedurft. Was hingebungsvoll gottsuchendes Meditieren bedeuten kann, den deutschen Friedenspreisträger Navid Kermani hat dies in "ungläubiges Staunen" versetzt und an seinem bilderfeindlichen Islam zweifeln lassen.

Der Welt Sünde trägt auch stellvertretend das Osterlamm. Zurbarán hat es in mehreren, sich kaum voneinander unterscheidenden Versionen gemalt. Drei davon liegen mit gefesselten Hufen in Düsseldorf extrem naturgetreu auf der Schlachtbank, die nur aus einem aufs Feinste braunschattierten dicken Brett besteht, der Rest ist dunkelste Nacht, in der das kuschelig weiße Wollknäuel schläfrigen Blicks auf seine Opferung wartet. Falls auch Tiere melancholisch sein können: dieses Lamm Gottes ist es als eine poetische Mischung aus purer Alltagsvertrautheit und spiritueller Bedeutungsmission, zum Greifen nah und doch letztlich unbegreiflich. Mehrfach auch Christus am Kreuz, das Schweißtuch der Veronika, Jungfrau Maria als visionär träumendes Kind und gesäumt von wunderbar detaillierten Stillleben-Elementen, die stickende Maria im Haus in Nazareth mit ihrem sich an einer Dornenkrone in die Finger stechenden Sohn und zwei ratlos diese häusliche Szene beobachtenden Tauben im Vordergrund.

Jede Menge Heilige in Ekstase, schreibende Klosterbrüder ganz in Weiß und überflüssigerweise ein paar lustlos gemalte weltliche Porträt-Auftragsarbeiten sowie als Ausweis für eine Zuständigkeit für antike Historiengeschichten à la Rubens die Heldentaten des Herkules. Dass er eben nicht nur Caravaggios schulemachendes Hell-Dunkel noch weiter vertiefen und mysterifizieren konnte, beweist Zurbarán mit den bildfüllend farbenfrohen Gewändern seiner meist ins ganzfigurige Halbprofil gestellten weiblichen Heiligen. Da flirrt und glitzert es nur so, berauscht von der Lust auf maßlose Kostümpracht. Das textile Material, die geometrisch ausgezirkelten Faltenwürfe im Strahleweiß der Mönche, das hat dann schon etwas Selbstzweckhaftes.

Denn diese wie für eine Modenschau aufgebrezelten Lucias und Casildas offenbaren bei aller pflichtgemäßen Traurigkeit im frommen Leidensblick durchaus kokettierende weltlich-weibliche Protz-Gelüste. Francisco Zurbarán, ein Zauberer des Paradoxen, versteht es eben, auch noch nach 300 Jahren die Sinne und Sinnsuche seiner Bildbetrachter zu verwirren. . .

Kostproben von Francisco de Zurbaráns magischer Mystik in Düsseldorf
Francisco de Zurbaráns "Christus am Kreuz mit dem heiligen Johannes, der heiligen Maria Magdalena und Maria" aus dem Jahr 1655 spiegelt sich im Fußboden des Museums Kunstpalast in Düsseldorf. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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30.10.2015, 12:00 Uhr
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