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Ausstellung · Kiki Smith

Kosmos Körper

Das Münchner Haus der Kunst zeigt das Werk der amerikanischen Bildhauerin Kiki Smith – eine „Procession“ über alle Grenzen hinweg.

14.02.2018

Von LENA GRUNDHUBER

Eine Gekreuzigte? Kiki Smith nennt ihre Plastik schlicht „Untitled“. Foto: Ellen Labenski, courtesy Pace Gallery © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

München. Ist das Verbeugung, Erschöpfung, Unterwerfung oder der nackte Protest dagegen? Es lässt sich nicht eindeutig ausmachen, die Figur hängt kopfüber. Aber ihre Hände halten die Skulptur wie angenagelt an der Wand – eine weibliche Gekreuzigte mit einer Haut aus Papier. Oder ist es doch ein Mann? Eigentlich ist das unerheblich, denn die Skulptur erzählt „untitled“, aber ganz unmittelbar von der Verwundbarkeit und der Ausgesetztheit, der machtvollen Präsenz und der Symbolkraft des menschlichen Körpers.

Kiki Smith, das katholisch sozialisierte Künstlerkind, kann ganz schön knallen, wenn sie will. Aber wenn man ihre Ausstellung im Ganzen gesehen hat, weiß man: Das ist nur ein Effekt in einem viel komplexeren Zusammenhang. Nicht mehr als fünf Räume braucht das Münchner Haus der Kunst für eine eindrucksvolle „Procession“ durch das Werk der 64-jährigen amerikanischen Bildhauerin und Grafikerin. Es ist die erste große europäische Überblicksausstellung für diese große alte Dame der Kunst.

Kiki Smith wird 1954 in Nürnberg geboren, weil ihre Mutter, eine Opernsängerin und Schauspielerin, gerade in Süddeutschland engagiert ist. Vater Tony ist ein berühmter Künstler, Minimalist und Architekt aus dem Kreis der Abstrakten Expressionisten in den USA. Das Mädchen wächst also mit Kunst auf, interessiert sich früh für verschiedene Materialien – ihre Werke bestehen unter anderem aus Glas, Wachs, Haar, Bronze, Stoff und Papier –, sie lebt in der (Sub-)Kultur New Yorks, erlebt, wie die Aids-Epidemie die ersten Opfer fordert, darunter die eigene Schwester. Ein Kunststudium schließt sie nicht ab, dafür eine Ausbildung als Rettungssanitäterin.

Smiths Interesse an Anatomie ist augenfällig. In den frühen Arbeiten aus den 1980ern greift sie in den Körper hinein, zieht die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane heraus und hängt sie gleichberechtigt nebeneinander als Bronzen auf. Präsentiert wie archäologische Funde oder Reliquien liegen Körperteile in der Vitrine aus oder hängen blutrot aus zartem Papier an der Wand.

Was wir absondern und ausscheiden, um es anschließend angeekelt zu verleugnen, stellt Smith uns in großen Gefäßen mit der Aufschrift „Schleim“, „Eiter“ oder „Durchfall“ vor die gerümpfte Nase. Ein schwangerer Bauch wird zum „Schild“ wie der einer Heldin – die ewigen Huren und Heiligen haben neben ihren Frauenfiguren keinen Platz mehr. Eine wächserne „Virgin Mary“ steht da ohne Haut und Haar, mit sichtbaren Muskeln und Sehnen, nicht als Projektionsfläche, nicht als Idealmutter. Sondern als Mensch mit einem Körper.

„Ich versuche, als Bürgerin eine Feministin zu sein, nicht aber in meiner Kunst“, sagt Kiki Smith – denn, so meint sie zurecht, Feminismus sei ohnehin nichts anderes als ein Menschenrechtsthema. Wenn Smiths Kunst also „feministisch“ ist, dann in der Radikalität ihrer Körper-Arbeit, die weit über die Frage nach den Geschlechtern hinausgeht; indem sie Frau, Mann, Mensch in einen umfassenden, unhierarchischen Zusammenhang bringt, zu dem letztendlich auch Tier und Pflanze gehören.

„Unsere Gesellschaft leidet an einer Schizophrenie der Zweiteilung“, sagt Kiki Smith. „Sie trennt die Menschen von ihrer Umwelt, die Kultur von der Natur, Männer von Frauen, den Geist vom Körper.“ Mit einem „Stundenbuch“, vor allem aber mit ihren großen Tapisserien belebt sie die Erinnerung an eine voraufklärerische Welt, nutzt eine mittelalterliche Form, um eine eigene, traumwandlerische Kosmologie zu entwerfen.

In diesen mythisch-märchenhaften Bildern tritt der Mensch nicht als Beherrscher auf, sondern als Mit-Wesen unter Vögeln, Hasen, Fledermäusen und Gestirnen. In den Skulpturen dazu entsteigt eine Bronze-Frau, glatt wie neugeboren, dem Bauch eines Wolfs wie Venus der Muschel, schlüpft eine andere aus einem Reh.

Wo der Mensch wieder einmal zuschlägt, liegen vergiftete tote Krähen auf dem Boden, als hätte sie Hitchcock aus seinem Film geworfen – tatsächlich bezieht sich die Installation auf Vögel, die vergiftet von Pestiziden vom Himmel über New Jersey gefallen waren. Noch so ein plakativer Knaller, der die Pietà auf feinem Nepalpapier daneben zum Glück nicht kaputtkriegt. Die Künstlerin selbst sitzt da, vier Mal gezeichnet, vier Mal trauernd um die tote Katze in ihrem Schoß.

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Erstellt:
14. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 06:00 Uhr

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