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Ein Rutsch besonderer Art

Korntal-Münchingen: Rathaus versinkt im Boden

Rückenprobleme bekommen in Korntal-Münchingen nicht nur Bauarbeiter, sondern auch Beamte. Sie sitzen in einem absackenden Rathaus. Das strapaziert sowohl die Gesundheit als auch den Geldbeutel.

02.01.2012

Von DANIEL VÖLPEL, DPA

Korntal-Münchingen Längst ist kein Messgerät mehr nötig, um die Verformungen an dem Bau in der Korntaler Ortsmitte zu sehen. Verschobene Verkleidungen und Risse in den Wänden finden sich auf allen Stockwerken im Gebäude: Das Rathaus der Stadt Korntal-Münchingen (Kreis Ludwigsburg) senkt sich langsam zur Seite. Das Phänomen ist in der 18 000-Einwohner-Stadt am Rande Stuttgarts seit langem bekannt und hat immer gravierendere Folgen. Messungen im Jahr 2010, deren Ergebnisse jetzt vorliegen, ergaben ein durchschnittliches Gefälle von 14 Zentimetern im Haus. In den oberen Etagen sind es sogar mehr als doppelt so viel.

Markus Bruckner vom Stuttgarter Bauingenieurbüro Bogenschütz sagt, das Haus habe "im momentanen Verformungszustand ausreichende Tragfähigkeit mit geringen Reserven". Darauf hat die Stadtverwaltung reagiert: "Wir machen jedes Jahr Messungen im Gebäude", sagt der Leiter des Stadtbauamts, Ralf Uwe Johann. "Wir müssen auf jeden Fall ausschließen, dass eine Gefahr besteht." Bürgermeister Joachim Wolf versicherte im zuständigen Ausschuss des Gemeinderates: "Es gibt keinen Grund zur Panik. Wir müssen nicht mit einem Einsturz rechnen."

Weil einzelne Räume eine Höhendifferenz von sieben Zentimetern aufweisen, klagen schon vier Beschäftigte über Gesundheitsprobleme durch eine einseitige Haltung. Von "erheblichen negativen orthopädischen Rückmeldungen" spricht Wolf. Vor allem die Stadtkasse im Obergeschoss gerät in Schieflage. In zwei Zimmern gleichen Podeste die Neigung aus.

Die Ursache der Setzungen, so der Fachbegriff, liegt im Untergrund des Ortsteils Korntal: Die Gebäude stehen auf Gipskeuper. Dringt Wasser in diesen Boden ein, wird der Gips ausgewaschen und es entstehen Hohlräume. Dies verursachte im ganzen Ort immer wieder teure Reparaturen. In einem Sportplatz klafften Löcher, die Bahn musste für rund neun Millionen Euro mehr als 600 Meter Gleis stabilisieren und neu verlegen.

Beim Bau des Rathauses Ende der 1950er Jahre war allerdings aus Kostengründen auf Stützpfähle im Untergrund verzichtet worden - obwohl bereits das Vorgängergebäude an dem Standort abgerissen wurde, da es sich verformt hatte. 1984 mussten am Rathaus alle Fenster ausgetauscht und den Verformungen angepasst werden. Ende der 1980er Jahre wurden die Steinplatten an der Außenfassade gesichert, um zu verhindern, dass sie herunterfallen. 1992 ließ die Stadt die nachgebende Südwestseite mit Pfählen stabilisieren. Dies verlangsamte das Absinken. Doch der in dieser Ecke des Rathauses angesiedelte Polizeiposten musste komplett saniert werden.

An teure Stützmaßnahmen oder gar einen Neubau mag in der Stadt derzeit niemand denken. Für die lange geplanten Sanierungen des Gymnasiums und der beiden Ortskerne will sich die Kommune in den kommenden Jahren mit bis zu zehn Millionen Euro verschulden.

Mittelfristig rechnet die Stadtverwaltung damit, dass sich eine Sanierung des in die Jahre gekommenen Rathauses wegen der Neigung nicht mehr lohnt. Dann kämen Neubaukosten in Millionenhöhe auf die Kleinstadt zu. Der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat, Egon Beck, nahm es angesichts dieser Aussichten bei einer Diskussion mit Galgenhumor: "Wenn es sich dramatisch entwickelt, können wir es immer noch als internationale Sehenswürdigkeit vermarkten."

Eine Wasserwaage zeigt die Neigung des Rathauses in Korntal: Aus Kostengründen wurde auf Stützpfeiler im Gipskeuper verzichtet. Foto: dpa

Riss in einer Wand des Rathauses von Korntal: Auch die Stadtkasse gerät in eine Schieflage. Foto: dpa

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Erstellt:
2. Januar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Januar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Januar 2012, 12:00 Uhr

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