Konflikt um den gläsernen Steg

Baustelle: Nicht alles nach Plan beim Pauline-Krone-Heim

Das Pauline-Krone-Heim ist seit Jahresbeginn eine Baustelle. Es wird für 12 Millionen Euro saniert. Aber nicht alles läuft nach Plan.

30.07.2021

Von Christiane Hoyer

Wird der Steg im Zuge der Sanierung des Pauline-Krone-Heims bald abgerissen? Rechts der geplante neue Eingang zum Pflegeheim. Bild: Anne Faden

Undichte, zugige Fenster und Türen, im Sommer 37 Grad unterm Dach, fehlende Pausenräume für die Pflegekräfte, etliche Doppelzimmer, kein richtiger Eingangsbereich für Besucherinnen und Besucher, Wasserrohrbrüche: Die Liste der Mängel und Unzulänglichkeiten des Altenpflegeheims aus dem Jahr 1984 ließe sich noch fortsetzen. Seit Mitte Januar aber müssen Bewohner und Mitarbeiter Baulärm aushalten, logistisch ist vieles neben dem Pflegealltag zu bewältigen. Die Geschäftsführerin Anke Baumeister musste daher die Heimbelegung von 90 auf 60 Dauerpflegeplätze „herunterfahren“. Wegen der Sanierung, sagt die zuständige Bürgermeisterin Daniela Harsch „musste aber niemand umziehen“. Das habe man über eine „natürliche Fluktuation“ regeln können. Demnächst müssen einige Beschäftigte von der Heimverwaltung mit ihren Büros vorübergehend ins Bürgerheim umziehen.

Jetzt, in der ersten Bauphase, werden eine neue Lüftungsanlage eingebaut, der Haupteingang verlegt und Umkleide- samt Technikräume gebaut. Wo früher ein Friseur seine Dienste anbot und ein Plauderstübchen zum Verweilen animierte, soll eine Empfangstheke mit Leitsystem für Besucher entstehen. Unterm Dach, das sich im Sommer schon mal auf knapp 40 Grad aufheizt, entsteht ein neuer Bereich für ganzjährig 10 Kurzzeitpflegeplätze – energetisch saniert und ohne Gauben.

Träger des Pauline-Krone-Heims an der Wilhelmstraße/Ecke Nordring ist die gemeinnützige Altenhilfe Tübingen (AHT). Sie betreibt außerdem das Bürgerheim und das Kleinpflegeheim in Pfrondorf. Außerdem plant sie derzeit ein neues Pflegeheim mit 60 Plätzen am Hechinger Eck. Harsch ist Vorsitzende der AHT und erklärt: „Wir haben die Verantwortung, dass unsere Pflegeplätze auch in Zukunft sozialhilfefähig sind.“ Die teure Sanierung wirke sich auch auf die Heimkosten aus. Was verbaut wird, müsse man über den Investitionskostenanteil jedes Bewohners wieder hereinholen – momentan liegt dieser mit 8,48 Euro am Tag vergleichsweise niedrig. Doch seitdem es keine Zuschüsse mehr für Sanierungen oder Neubauten gibt, müssen Heime diese Kosten selber tragen und nach einem vorgegebenen Schlüssel auf die Bewohner umlegen – ein Problem, das „auf der bundespolitischen Ebene gelöst werden muss“, so Harsch.

Noch juristischen Klärungsbedarf gibt es jedoch zwischen Heimträger und Eigentümern des betreuten Wohnens. Mit dem Heimanbau 2002 ließ die Kreisbau (Gesellschafter sind unter anderem der Landkreis und die Städte Tübingen, Rottenburg und Mössingen) 36 Eigentumswohnungen in Erbpacht bauen und verkaufte diese. Manche erwarben eine Wohnung als Wertanlage, um sie weiterzuvermieten, andere leben selber darin. Über eine monatliche Betreuungspauschale erhalten die Bewohner einen Notruf und können bestimmte Angebote im Pflegeheim mitnutzen. Über einen gläsernen Steg sind beide Wohnanlagen miteinander verbunden. Allerdings: Der Steg führt zwar ins Pflegeheim, nicht aber in einen allgemein nutzbaren Bereich, sondern quasi ins Wohnzimmer einer Pflegegruppe. Bereits seit September 2019 können Anwohner des betreuten Wohnens daher diesen Steg nicht mehr nutzen: Die neue Landesheimverordnung verlangt eine klar getrennte Privatsphäre für Heimbewohner.

Die Altenhilfe Tübingen möchte den Steg nun im Zuge der Generalsanierung abreißen lassen, stößt aber auf den Widerstand der Eigentümer. Diese, so die AHT, verlangen eine Entschädigung für den Abriss. Juristischen Dissens gibt es auch über eine neue Brandmeldeanlage, die nach den neuesten Vorschriften in der betreuten Seniorenwohnanlage für rund 31 000 Euro eingebaut werden muss – bislang war dies technisch noch über eine Aufsteckanlage im Pflegeheim möglich. Die AHT hat den Eigentümern zwar angeboten, die Kosten für den Abriss des Stegs sowie die Löschung im Grundbuch und eine Fassadenerneuerung zu übernehmen. Doch in der letzten Versammlung wollten die meisten Eigentümer dem Vernehmen nach nicht die notwendige Brandmeldeanlage bezahlen. Die Kreisbau wollte sich auf TAGBLATT-Nachfrage dazu vorerst nicht äußern.

Auch in anderer Hinsicht kam es zu unschönen Korrespondenzen zwischen einzelnen Eigentümern und der AHT. Beim ersten Baugesuch im Jahr 2018 war der Steg in den Planungen nur im Text erwähnt, nicht aber bei den Entwürfen. Das überarbeitete Baugesuch im Frühjahr 2019 hat die Hausverwaltung der Kreisbau nach eigenen Angaben „nie erhalten“. Dabei wurde es dem Baurechtsamt in zehnfacher Ausfertigung übergeben, so Baumeister.

Wird der Steg im Zuge der Sanierung des Pauline-Krone-Heims bald abgerissen? Rechts der geplante neue Eingang zum Pflegeheim. Bild: Anne Faden

Fakten zum Pauline-Krone-Heim

Das Altenpflegeheim in der Wilhelmstraße 87 wurde 1984 fertig gestellt. 2002 war der Anbau bezugsfertig. Träger ist die Altenhilfe Tübingen – eine gemeinnützige GmbH und 100-prozentige Tochtergesellschaft der Stadt Tübingen mit Bürgermeisterin Daniela Harsch als Vorsitzende im Aufsichtsrat.

Geschäftsführerin der AHT ist seit Oktober 2015 Anke Baumeister.

2003 entstand die betreute Seniorenwohnanlage mit 36 Eigentumswohnungen. Bauträger war die Kreisbau. Sie veräußerte die Wohnungen und ist Hausverwalterin.

Die AHT hat in ihren drei Einrichtungen insgesamt 145 Pflegeheimplätze, 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 15 Auszubildende.

Für die Generalsanierung ist das Esslinger Büro „Fuchs Architekten“zuständig. Die Bauleitung für die AHT hat der Tübinger Architekt Heiner Holme übernommen. Die Sanierung soll bis Ende 2022 fertig sein. Kosten: 12 Millionen Euro.

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Erstellt:
30. Juli 2021, 19:45 Uhr
Aktualisiert:
30. Juli 2021, 19:45 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2021, 19:45 Uhr

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