Tübingen · Feuerman-Skulptur

Kommission: Kein hochrangiges Kunstwerk

Die Kunstkommission für den öffentlichen Raum lässt kein gutes Haar an Carole A. Feuermans Skulptur „Midpoint“ – und rät von einer Aufstellung ab.

10.02.2020

Von Peter Ertle

Eine Feuerman-Skulpur am Rande der Biennale in Venedig. Bild: Monika und Hermann Liske

Lange hat sie gekreißt, jetzt übergab die Kunstkommission ihre Stellungnahme zur Skulptur „Midpoint“ von Carole A. Feuerman Oberbürgermeister Boris Palmer und diskutierte sie mit ihm. Zu einem Ausräumen der unterschiedlichen Auffassungen führte dies nicht, zu einem Zerwürfnis auch nicht. Von Seiten der Stadt ist weiterhin eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Kommission gewünscht. Die wiederum – so gestern Kommissionsmitglied Walter Springer auf unsere Nachfrage – auch nicht den Bettel hinschmeißt, wenn die Skulptur trotzdem aufgestellt wird. Was allerdings einer Nichtbeachtung ihrer Expertise gleichkäme. Denn die spricht sich klar gegen Feuermans Badende aus. Ob und wo die Skulptur aufgestellt wird, will die Stadt bis zum Beginn des Sommers entscheiden.

Die Mitglieder der Kommission kritisieren in ihrer Stellungnahme die Vorgehensweise, stellen die hohe künstlerische Qualität des Objekts in Frage und haben Zweifel bezüglich des Standortes.

Zur Vorgehensweise:

Die Kunstkommission habe erst wenige Tage vor der Kulturausschusssitzung, in der der Gemeinderat und die Öffentlichkeit informiert wurden, von der geplanten Skulptur erfahren. Eine fundierte Stellungnahme in diesem kurzen Zeitraum sei nicht möglich gewesen. Die wenig später von der Kunsthalle veröffentlichte Pressemitteilung habe Irritationen hervorgerufen. In ihr hieß es: „Die städtische Kunstkommission hat über das Projekt beraten und sich positiv zur Qualität des Werkes geäußert.“ Dies sei nicht der Fall gewesen.

Carole A. Feuerman bei ihrem Besuch in der Tübinger Kunsthalle. Da wurde der Deal eingefädelt. Archivbild: Ulrich Metz

Zur Bedeutung und Stellung von Carole A. Feuerman im Kunstbetrieb:

Die Behauptungen, Carole Feuerman sei neben Duane Hanson und John de Andrea eine Pionierin des Hyperrealismus sei nicht haltbar. Die Werke seien eher dem Bereich Design oder Kunsthandwerk zuzuordnen. Die Skulpturen würden darüber hinaus in hoher Auflage hergestellt. Es handle sich um eine Kunstmarktproduktion und nicht um ein hochrangiges Kunstwerk. Die in Feuermans Webseite aufgeführten Angaben zu Preisen und Auszeichnungen, auch die Präsenz ihrer Werke in bedeutenden Kunstsammlungen, könne nicht bestätigt werden. Sowohl das Metropolitan Museum in New York als auch die Ermitage in St. Petersburg betonten, keine Arbeiten von Carole Feuerman zu besitzen. Die Behauptung, die Skulpturen seien Teil der Biennale in Venedig gewesen, stimme nicht. Ihre Galerie habe die Objekte vor den Toren der Biennale in einem Park installiert. Dass Feuermans Arbeiten, wie Nicole Fritz betonte, derzeit auf den Champs-Elysées platziert seien, sei nicht zutreffend. Sie stünden auf einem Parkplatz in einer Seitenstraße. Die Künstlerin werde auch nicht von einer prominenten Galerie vertreten, sondern von „Bel Air“, einer Kunstkaufhauskette mit etwa 40 Dependenzen weltweit. Auf prominenten Kunstmessen sei Feuerman nicht zu finden.

Zu Qualität und Konzept des Werkes:

Auf die Argumente, mit denen Kunsthallenchefin Nicole Fritz die Plastik und deren Konzept verteidigt, geht die Kunstkommission im Detail ein, Argument für Argument. Wir zitieren einige davon im Wortlaut und fügen der Klarheit halber die Sprecher hinzu:

Nicole Fritz: Die Skulptur ist zeitgemäß, weil sie die Rolle der Frau thematisiert. Die Frau wird dabei nicht wie in der Werbung zum Objekt, sondern selbstbewusst und selbstbestimmt mit sich und der Natur im Einklang dargestellt.

Kunstkommission: Die Skulptur unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in der Werbung vorgeführten, oft durch Voyeurismus geprägten Frauenbild, mit dem die Künstlerin gezielt spielt (..)

Nicole Fritz: Die Skulptur bricht mit der pietistischen Tradition der Stadt, deren Bilderfeindlichkeit zu einer weitgehenden Abwesenheit von Kunst im öffentlichen Raum geführt hat.

Kunstkommission: In Tübingen gibt es über 100 Skulpturen und Bildwerke auch moderner KünstlerInnen im öffentlichen Raum, von einer „weitgehenden Abwesenheit von Kunst“ im Stadtraum kann daher nicht die Rede sein.

Nicole Fritz: Die junge Frau strahlt Selbstbewusstsein und Gelassenheit aus. „Midpoint“ ist zeitgemäß, weil das Werk den Körper als Instanz der Selbstvergewisserung im wahrsten Sinne des Wortes auf den Sockel hebt und die Betrachtenden nicht zuletzt auch auf ihre eigene Körperlichkeit zurückwirft.

Kunstkommission: (...) Es handelt sich um ein hochstilisiertes Körperbild nach einem festgelegten Schönheitsideal, (...) Dies ist im Vergleich zu anderen neuen hyperrealistischen skulpturalen Arbeiten als künstlerischer Anachronismus zu bewerten: Deutlich wird das etwa an Werken von Ron Mueck, Berlinde de Bruyckere und anderen, die nicht nur die makellosen, stilisierten Oberflächen, sondern auch ihre realen Gegenbilder, die Unebenheiten sowie besonderen Eigenheiten von Hautoberflächen mit Haaren und Falten thematisieren und sich in etwas differenzierterer Weise mit Körperbildern auseinandersetzen. „Midpoint“ idealisiert gänzlich den weiblichen Körper, gerade da, wo der gegenwärtige Hyperrealismus bewusst bestimmte Charakteristika auf vielfältige Weise überhöht und überzeichnet. Daher bleibt es fraglich, ob gerade ein solcher, nach dem Abguss eines Fotomodels hergestellter Idealkörper als Maßstab und Identifikationsfläche für die Betrachtenden dienen kann, um sich mit der eigenen, unperfekten Körperlichkeit auseinanderzusetzen.

Nicole Fritz: Die Forderung, die Skulptur dürfe nicht an einem so prominenten Standort platziert werden, weist Kunst eine Rolle im Hinterhof zu (...)

Kunstkommission: (...) Die Neckarinsel und die historische Neckarfront haben keinen überzeugenden Bezug zu einer „Schwimmenden“ aus dem 21. Jahrhundert (...)

Nicole Fritz. Archivbild: Ulrich Metz

Erste Stellungnahme von Nicole Fritz:

Die Stellungnahme der Kunstkommission habe ich erst heute (am Montag, Anm. d. Red.) erhalten, weshalb ich zu einem späteren Zeitpunkt darauf eingehen werde. Als Institutionsvertreterin begrüße ich aber alle Initiativen, die Tübingen als Standort für Gegenwartskunst stärken. Die Initiative zu „Midpoint“ von Carol Feuerman entstand, da hyperrealistische Kunst bereits in der Kunsthalle Tübingen gezeigt wurde und es deshalb eine gewisse Seherfahrung bei den Menschen gibt. (..) Gerade die jüngere Künstlergeneration greift auf serielle und neue technische Verfahren zurück - wie beispielsweise 3D-Druck, was heute in der Kunst zeitgemäße Arbeitsweise ist. Carol Feuermans Arbeiten sind an vielen Orten in der Welt im öffentlichen Raum zu sehen und spiegeln uns nicht zuletzt, welche große Aktualität das Thema Körper in einer digitalisierten Welt gerade heute hat.

Siehe auch den Kommentar zum Thema von TAGBLATT-Redakteur Peter Ertle.

Was ist die Kunstkommission? Stellungnahme im Wortlaut

Die Kunstkommission wurde 2016 vom Gemeinderat ins Leben gerufen. Zentrale Aufgaben sind die Forcierung einer öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte sowie die Beratung von Gemeinderat, Verwaltung und Öffentlichkeit. Sie agiert unabhängig von der Stadtverwaltung und formuliert ihre Position zu aktuellen Diskussionen über Kunstwerke und Denkmäler der Stadt. Der Kommission gehören an: Steffen Braun (Stadtplaner, Fraunhofer-Institut, Stuttgart), Professor Dr. Hans-Joachim Lang (Historiker und Kulturwissenschaftler, Ofterdingen), Professor Dr. Anna Pawlak (Kunsthistorikerin, Universität Tübingen), Birgit Rehfeldt (Bildhauerin, Ostfildern) und Dr. Walter Springer (Kunsthistoriker, Tübingen).

Hier die Stellungnahme der Kunstkommission vom 17. Januar 2020 im Wortlaut:

Grundsätzlich begrüßt es die Kunstkommission, dass auf Initiative des Oberbürgermeisters ein Ankauf für ein Objekt im öffentlichen Raum getätigt wurde. Kunst im öffentlichen Raum sollte in Tübingen einen höheren Stellenwert erhalten und wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten.

Die Mitglieder der Kommission kritisieren allerdings die Vorgehensweise, stellen die von einigen Beteiligten betonte hohe künstlerische Qualität des Objekts in Frage und haben Zweifel bezüglich des Standortes.

Vorgehensweise

Laut Auskunft des Oberbürgermeisters entstand die Idee, eine Arbeit von Carole Feuerman im öffentlichen Raum in Tübingen zu installieren, anlässlich der Ausstellungseröffnung „Almost Alive“, eine Wanderausstellung des Instituts für Kulturaustausch, die im Herbst 2018 in der Kunsthalle Tübingen gastierte.

Im Leitbild der Kunstkommission, das 2017 vom Gemeinderat verabschiedet wurde, heißt es, dass die Kunstkommission „neue Kunst-Vorhaben kritisch - bezogen auf die inhaltliche Qualität und nicht nur auf die entstehenden Kosten (Quantität) - bewerten und Empfehlungen an die Verwaltung und den Gemeinderat abgeben soll“. Obwohl das Projekt „Midpoint“ schon ca. ein Jahr von Oberbürgermeister Palmer und Kunsthallendirektorin Dr. Fritz geplant und vorbereitet war, wurde der Kunstkommission die Skulptur erst wenige Tage vor der Kulturausschusssitzung, in der der Gemeinderat und die Öffentlichkeit informiert wurde, von der Kulturamtsleiterin vorgestellt. Eine fundierte Stellungnahme in diesem kurzen Zeitraum war nicht möglich. Das Informationsmaterial, das der Kunstkommission vorlag, war ein DIN-A4-Blatt mit einer Abbildung des Objekts und der Information, dass die Finanzierung bereits über Sponsoren gesichert und als Standort der Neckar (Neckarinsel gegenüber der Neckarfront) vorgesehen sei.

In einer ersten kurzen Beurteilung betonte die Kunstkommission, dass eine seriöse Expertise spontan und ohne eigene Recherchen auf dieser Grundlage nicht ad hoc gemacht werden könne. Das Objekt sei zweifellos dekorativ, technisch perfekt gemacht, aber über den vermeintlichen künstlerischen Wert wurden erhebliche Zweifel geäußert. Der vorgesehene Standort wurde einhellig als nicht geeignet beurteilt.

Die Kunstkommission war darum irritiert, als die Kunsthalle in einer Pressemitteilung mitteilte: „Die städtische Kunstkommission hat über das Projekt beraten und sich positiv zur Qualität des Werkes geäußert: „Die Skulptur ist hochkarätig und bietet ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten“.

Die oben beschriebene Vorgehensweise stimmt nicht mit dem Leitbild der Kunstkommission und deren Aufgaben überein. Wenn die Stadtverwaltung und der Gemeinderat nicht die Beratung durch die Kunstkommission in Anspruch nehmen, wird sie überflüssig.

Eine Feuerman-Skulpur am Rande der Biennale in Venedig. Bild: Monika und Hermann Liske

Bedeutung und Stellung von Carole Feuerman im Kunstbetrieb

Die Behauptungen, Carole Feuerman sei neben Duane Hanson und John de Andrea eine Pionierin des Hyperrealismus ist nicht haltbar. Der Großteil ihrer realistischen Skulpturen, u.a. die Darstellung der Schwimmerinnen, sind erst nach 2000 entstanden. Damit sind sie epigonal.

Die Werke von Feuerman lassen wenig bildhauerische Qualitäten im eigentlichen Sinne erkennen. Das Gesicht ihrer Figuren wird mit mittels Silikonmasse abgegossen, die Körper werden mittels Laserscanner vermessen und durch 3D-Drucker in Form gebracht. Es gibt keine Entwurfsskizzen, die auf eine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit dem zu erschaffenden Werk hindeuten. Die Werke sind daher eher dem Bereich Design oder Kunsthandwerk zuzuordnen.

Die Skulpturen werden darüber hinaus in hoher Auflage hergestellt. Es gibt mehrere Varianten von „Midpoint“, die sich durch die Art der Badekappen (gelb, rot, oder mit Svarowski Kristallen verziert) unterscheiden. Die Figur „Christina“ unterscheidet sich durch das Design der Badeanzüge (vier Varianten). Die Objekte gibt es zudem in hoher Auflage in einer verkleinerten Version. Es lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass die Badenden der letzten Jahre, in vielfachen Varianten desselben Themas und in unterschiedlichen Größen von life-size bis monumental, vor allem eine Kunstmarktproduktion darstellen. „Midpoint“ als hochrangiges Kunstwerk zu bezeichnen, ist somit bewusst irreführend.

Die in Feuermans Webseite aufgeführten Angaben zu Preisen und Auszeichnungen, auch die Präsenz ihrer Werke in bedeutenden Kunstsammlungen, konnten durch Recherchen der Kunstkommission nicht bestätigt werden. Sowohl das Metropolitan Museum in New York als auch die Ermitage in St. Petersburg betonte, keine Arbeiten von Carole Feuerman zu besitzen.

Die Behauptung, die Skulpturen von Carole Feuerman seien Teil der Biennale in Venedig gewesen, stimmt nicht. Ihre Galerie „Bel Air“ hat die Objekte vor den Toren der Biennale in einem Park installiert. Dass Feuermans Arbeiten, wie Dr. Nicole Fritz betonte, derzeit auf den Champs-Elysées platziert seien, konnte direkt vor Ort widerlegt werden. Sie stehen, ebenfalls von der Galerie „Bel Air“ organisiert, auf einem Parkplatz in einer Seitenstraße.

Ein weiterer Hinweis auf die Position von Carole Feuerman innerhalb des internationalen Kunstmarkts findet sich in der Tatsache, dass die Künstlerin nicht von einer prominenten Galerie vertreten wird, sondern von „Bel Air“, einer Kunstkaufhauskette mit ca. 40 Dependenzen weltweit. Auf prominenten Kunstmessen ist Feuerman nicht zu finden.

Carole A. Feuerman - Midpoint. Bild: Kunsthalle

Qualität und Konzept des Werkes

Auf die Argumente, mit denen Dr. Nicole Fritz die Plastik und deren Konzept verteidigt, möchte die Kunstkommission noch im Detail eingehen.

„Die Skulptur ist zeitgemäß, weil sie die Rolle der Frau thematisiert. Die Frau wird dabei nicht wie in der Werbung zum Objekt, sondern selbstbewusst und selbstbestimmt mit sich und der Natur im Einklang dargestellt.“

Die Skulptur unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in der Werbung vorgeführten, oft durch Voyeurismus geprägten Frauenbild, mit dem die Künstlerin gezielt spielt. Schon die Badekappe verweist eindeutig auf den von gesellschaftlichen Normen geprägten kulturellen Kontext einer Badeanstalt, in der das Schwimmen mit offenen Haaren nicht gestattet ist.

„In gewisser Weise greift die Skulptur einen empathischen Naturbezug auf – wie ehemals die Dannecker Nymphen – und führt diesen dem Betrachter auf hyperrealistische Weise vor Augen.“

Es ist auf mehreren Ebenen schwer nachvollziehbar, den Körperabguss eines Fotomodels in eine Traditionsreihe mit den Danneckerschen Nymphen zu stellen. Beiden Werken einen gemeinsamen „emphatischen Naturbezug“ zu bescheinigen, bleibt schon alleine wegen des des Badeanzugs und der Badekappe problematisch.

„Die Skulptur bricht mit der pietistischen Tradition der Stadt, deren Bilderfeindlichkeit zu einer weitgehenden Abwesenheit von Kunst im öffentlichen Raum geführt hat.“

In Tübingen gibt es über 100 Skulpturen und Bildwerke auch moderner KünstlerInnen im öffentlichen Raum, von einer „weitgehenden Abwesenheit von Kunst“ im Stadtraum kann daher nicht die Rede sein. Zu beklagen ist vielmehr, dass für die Pflege und Instandhaltung dieser Werke nur ein geringer, nicht ausreichender Etat zur Verfügung steht.

„Die junge Frau strahlt Selbstbewusstsein und Gelassenheit aus. „Midpoint“ ist zeitgemäß, weil das Werk den Körper als Instanz der Selbstvergewisserung im wahrsten Sinne des Wortes auf den Sockel hebt und die Betrachtenden nicht zuletzt auch auf ihre eigene Körperlichkeit zurückwirft.“

Dieses Argument ist nur schwer nachvollziehbar: Dass die stark idealisierte Skulptur die Betrachtenden tatsächlich auf ihre eigene Körperlichkeit verweist, bleibt eine spekulative Interpretation. Es handelt sich um ein hochstilisiertes Körperbild nach einem festgelegten Schönheitsideal, das sowohl die Gesichtszüge, als auch Hauttöne in der Darstellung der „Schwimmerin“ Yadira Pascault Orozco vereinheitlicht hat. Dies ist im Vergleich zu anderen neuen hyperrealistischen skulpturalen Arbeiten als künstlerischer Anachronismus zu bewerten: Deutlich wird das etwa an Werken von Ron Mueck, Berlinde de Bruyckere und anderen, die nicht nur die makellosen, stilisierten Oberflächen, sondern auch ihre realen Gegenbilder, die Unebenheiten sowie besonderen Eigenheiten von Hautoberflächen mit Haaren und Falten thematisieren und sich in etwas differenzierterer Weise mit Körperbildern auseinandersetzen.

„Midpoint“ idealisiert gänzlich den weiblichen Körper, gerade da, wo der gegenwärtige Hyperrealismus bewusst bestimmte Charakteristika auf vielfältige Weise überhöht und überzeichnet. Daher bleibt es fraglich, ob gerade ein solcher, nach dem Abguss eines Fotomodels hergestellter Idealkörper als Maßstab und Identifikationsfläche für die Betrachtenden dienen kann, um sich mit der eigenen, unperfekten Körperlichkeit auseinanderzusetzen.

Die Feuerman-Skulptur am Ufer der Tübinger Neckarinsel: Bild: Ulrich Metz, Fotomontage: Studio Feuerman

Standort

„Die Forderung, die Skulptur dürfe nicht an einem so prominenten Standort platziert werden, weist Kunst eine Rolle im Hinterhof zu. Wenn die Qualität des Kunstwerks außer Frage steht, dann kann diese auch einen prominenten Standort haben.“

Auch dieser Aussage von Dr. Nicole Fritz widerspricht die Kunstkommission. Zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum sollte in einem sinnstiftenden Bezug zu dem umgebenden urbanen Raum stehen. Im Leitbild der Kunstkommission heißt es dazu: „Das Kunstwerk hat idealerweise einen inhaltlichen Bezug zur Stadt(geschichte) Tübingens und den es umgebenden Raum und ist in seiner Konzeption nicht beliebig oder willkürlich. Das Kunstwerk enthält idealerweise aktivierende Elemente für die Betrachterin und den Betrachter. Das Kunstwerk ist in ein Begleit- und längerfristiges Vermittlungsprogramm eingebettet, ein Wissenstransfer findet statt.“

Die Neckarinsel und die historische Neckarfront haben keinen überzeugenden Bezug zu einer „Schwimmenden“ aus dem 21. Jahrhundert. Zudem wird die „Schauseite“ der Stadt dadurch nachhaltig verändert. Argumente für einen prominenten Standort, der nur ausgewählt wird, um touristische Interessen zu bedienen und einen „Selfie Point“ zu liefern, sind eher dem Stadtmarketing als einer seriösen kulturellen Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum zuzurechnen.

Darüber hinaus geben Restauratoren zu bedenken, dass „Midpoint“ im Außenraum nur bei einem hohen Pflegeaufwand bestehen kann. Insbesondere Algen und Pilze werden die realistische Oberflächenbemalung in kurzer Zeit überlagern und beschädigen. Es wird daher dringend geraten, nach einem anderen Standort zu suchen. Dies wäre idealerweise ein Innenraum mit einem thematischen bzw. funktionalen Bezug wie eines der Hallenbäder.

Auch der Bezug zu hyperrealistischen Ausstellungen in der Kunsthalle ist nicht gegeben. Bei „Almost Alive“ handelte es sich um eine seit 2016 tourende Wanderausstellung, die vom Institut für Kulturaustausch konzipiert wurde und unter dem Titel „Reshaped Reality“ bisher unter anderem in Mexiko, Dänemark und Australien zu sehen war (derzeit gastiert die Ausstellung in Lüttich). Die Werke von Duane Hanson waren hingegen schon 1991 in Tübingen zu sehen, weshalb man nur schwerlich von einer Tradition solcher Ausstellungen in Tübingen sprechen kann.

Abschließende Bemerkung

Nach dieser Stellungnahme wird sich die Kunstkommission nicht weiter mit „Midpoint“ beschäftigen. Handlungsoptionen sind daraus ersichtlich, aber nicht Aufgabe der Kunstkommission.

Steffen Braun
Prof. Hans-Joachim Lang
Prof. Anna Pawlak
Brigit Rehfeldt
Dr. Walter Springer

Zum Artikel

Erstellt:
10. Februar 2020, 15:21 Uhr
Aktualisiert:
10. Februar 2020, 19:32 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2020, 19:32 Uhr

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Renna 10.02.202020:43 Uhr

Ich finde die Argumentation der Kunstkommission sehr überzeugend.

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