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Immer öfter geht es um Prügel

Kommission Sexueller Missbrauch: Pfarrer Kruschina hat sich schuldig gemacht

Die Vorwürfe gegen Stefan Kruschina haben sich erhärtet: Der 1991 gestorbene frühere Wurmlinger Pfarrer habe sich „sexuell missbräuchlicher Handlungen und zuletzt auch schwerer körperlicher Gewalt schuldig gemacht“, teilte die Kommission Sexueller Missbrauch in der Diözese nach ihrer gestrigen Sitzung mit.

13.04.2010

Von willibald Ruscheinski

Rottenburg. Schon bei der Pressekonferenz vor einem Monat hatte die vom Bischof eingesetzte Kommission keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der früheren Opfer Kruschinas geäußert, der von 1953 bis 1965 Pfarrer in Wurmlingen war. Zunächst, so ihr Vorsitzender Robert Antretter, sei allerdings der Vorwurf pädophiler Übergriffe eindeutig im Vordergrund gestanden. Inzwischen habe das Gremium auch ganz „plastisch“ geschildert bekommen, wie der damalige Ortspfarrer ihm Schutzbefohlene verprügelte.

Mit Anton Birlinger, der in seinem jüngsten Gedichtband die damaligen Vorgänge erst publik gemacht hatte, habe Bischof Gebhard Fürst bereits am Gründonnerstag ein persönliches Gespräch geführt, sagte Pressesprecher Thomas Broch. Gespräche Fürsts mit zwei weiteren Opfern aus Wurmlingen sind für den laufenden Monat April vereinbart.

„Unbestreitbar“ werde es darüber hinaus noch weitere Menschen in Ort geben, die von Stefan Kruschina missbraucht und verletzt worden sind, sagte Norbert Reuhs, Diözesanrichter und Mitglied der Kommission. Obwohl diese ihre Arbeit bekannt gemacht und sich auch im Gemeindeblatt als Ansprechpartner angeboten habe, sei aber kein weiterer Zeuge mehr auf sie zu gekommen.

In ihrer Stellungnahme wies die Kommission gestern auch noch einmal auf die „unbestreitbaren Verdienste“ Kruschinas hin – etwa um den Erhalt der Wurmlinger Kapelle, den Aufbau der Vertriebenenseelsorge im Bistum Rottenburg oder nach 1965 als Leiter der Philosophisch-Theologischen Hochschule Königstein. Dieser schwer aushaltbare Widerspruch zwischen den Meriten und den nunmehr aufgedeckten Vergehen, so Thomas Broch, habe mittlerweile „zu einer tiefgehenden Spaltung innerhalb der Kirchengemeinde geführt, bis hin zu massiven Beleidigungen.“ Sogar Bischof Fürst werde inzwischen von Gemeindemitgliedern schon „als Judas beschimpft“.

All das habe die Kommission nicht daran gehindert, den Vorwürfen nachzugehen. „Keinen Rat“ allerdings könne und wolle sie mit ihrer Stellungnahme der Stadt Rottenburg geben. Laut Oberbürgermeister Stephan Neher möchte diese zunächst noch einmal den Wurmlinger Ortschaftsrat und dann den Gemeinderat in deren nächsten Sitzungen über eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Stefan Kruschinas entscheiden lassen. Neher hält eine nicht-öffentliche Beratung für angemessen, weil so ja auch über die Verleihung dieses Ehrentitels beraten werde.

Nichts Neues hatte die Kommission im Fall jener 57-jährigen Frau mitzuteilen, die dem TAGBLATT eröffnet hatte, dass sie als Klosterschülerin in Obermarchtal von einer Ordenschwester sexuell belästigt worden war. Wie schon am Samstag berichtet, hat Weihbischof Thomas Renz angekündigt, zwischen den Beteiligten vermitteln zu wollen.

Derzeit liegen dem Gremium Hinweise auf 48 verschiedene Missbrauchs-Fälle im Bistum Rottenburg vor. 15 davon betreffen Diözesanpriester, die übrigen Ordensleute, Laien-Mitarbeiter und Ehrenamtler. „Inzwischen kommen zunehmend körperliche Misshandlungen zur Sprache“, sagte Robert Antretter; die meisten gemeldeten Verdachtsfälle lägen aber zwischen zwei und vier Jahrzehnte zurück.

Auch unter den neun neuen Fällen, mit einen sich die Kommission auf ihrer gestrigen Sitzung beschäftigte, stammte nur einer aus jüngerer Zeit. Ihn – er betrifft einen Priester – hat das Gremium jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben. Eine durchgängige Anzeigepflicht, wie sie die bayerischen Bischöfe forderten, hält Antretter indessen für kontraproduktiv, weil sie in Einzelfällen dem Opferschutz nicht genügend Rechnung trage.

Ehrenbürger Wurmlingens ist er seit 1968: das Grab Stefan Kruschinas auf dem Kapellenfriedhof. Bild: Mozer

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Erstellt:
13. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. April 2010, 12:00 Uhr

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