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Zeit-Fragen

Kollektiver Geist der 68er-Jahre

Auch in der Region sind im Gefolge der Studentenbewegung eine Reihe von selbstverwalteten Betrieben entstanden. Wir stellen einige Beispiele im Raum Reutlingen und Tübingen vor. Einer dieser Betriebe ist mittlerweile sogar eine Aktiengesellschaft geworden. Inzwischen steht praktisch überall der Generationenwechsel an. Aber der Geist der Anfangsjahre soll bleiben.

14.12.2018

Von TEXT: Matthias Reichert|FOTOs: Ulrich Metz, Horst Haas

Die Gesellschafter der Echaz-Schreinerei, die seit 17 Jahren in Kirchentellinsfurt sitzt: Roland Brixner-Kahlert, Thomas Kessmeyer, Andrej Bauer, Jürgen Braun, Ernst-Martin Hauerwas, Walter Hummel (von links).

In die Ökologiebewegung der frühen 1980er fallen die Anfänge des Fahrradgeschäfts TransVelo. Am 30. Mai 1982 steuerte eine bundesweite Radfahrer-Sternfahrt mit 2000 Teilnehmern Reutlingen an, um für das Fortbewegungsmittel zu trommeln. Auf dem Marktplatz stellten sich selbstverwaltete Betriebe vor. Dort entstand die Idee für eine kleine Selbsthilfe-Werkstatt: „Wir zeigen den Radfahrern, wie es geht, und die Kunden reparieren selbst“, erinnert sich Christoph Joachim. Der 60-Jährige ist das einzige verbliebene Gründungsmitglied von TransVelo.

Der erste Sitz war in einem WG-Keller in der Reutlinger Gustav-Werner-Straße. Die Idee ging auf, das Geschäft florierte, es brauchte immer mehr Ersatzteile. 1983 meldeten die drei Gründer die Werkstatt als Betrieb an: „Entweder, wir lassen es bleiben, oder wir machen es richtig“, so Joachim. Wann daraus die heutige TransVelo GmbH wurde, weiß er gar nicht mehr genau. Keiner der Gründer hatte eine kaufmännische Ausbildung – in den 1990er-Jahren mussten sie sich das nötige Controlling mühsam erarbeiten. Nach mehreren Umzügen sitzt die Reutlinger Zentrale heute in der Kaiserstraße. 2001 kam eine Zweigestelle im Stuttgarter Heusteigviertel dazu, 2008 der Tübinger Standort in der Poststraße.

TransVelo verkauft Fahrräder und Zubehör, Reparaturwerkstätten sind angeschlossen. 80 Prozent des Umsatzes werden heute mit E-Bikes gemacht. „Ich frage immer: Wollen Sie ein normales Rad oder eines ohne Strom?“, spaßt Joachim. Die GmbH hat inzwischen (inklusive vier Azubis) 40 Mitarbeiter, darunter acht gleichberechtigte geschäftsführende Gesellschafter. Der Umsatz liegt im hohen einstelligen Millionenbereich. In den Anfangsjahren hat jeder maximal 800 Mark im Monat verdient. „Reich wird bei uns keiner“, sagt Joachim heute noch. „Es war nicht das Anliegen von TransVelo, dass wir uns bereichern. Wir wollten im Kollektiv operieren und eine Arbeit machen, die sinnvoll ist und ökologisch verträglich.“ Und natürlich die Bevölkerung aus den Autos herausbekommen.

Inzwischen ist der Generationswechsel ein Problem geworden. Heutzutage wollten immer weniger Menschen Verantwortung übernehmen, klagt Joachim. Dabei legen die Gesellschafter den Neuen keine unüberwindlichen Hürden in den Weg. Nach zwei bis drei Jahren bei TransVelo können die Mitarbeiter sich als Anwärter für das Kollektiv anmelden. Immerhin vier Interessenten gibt es derzeit. Neu-Gesellschafter bezahlen dem alten Kollektiv den entsprechenden Anteil am Einkaufspreis der vorrätigen Ware. Das ist die niedrigstmögliche Zahlung. „Genau so viel werde ich auch mitnehmen, wenn ich in den Ruhestand gehe – und keinen Cent mehr“, so Joachim.


Der anstehende Generationenwechsel beschäftigt auch die Echaz-Schreinerei in Kirchentellinsfurt. Die Gründung 1985 sei im Prinzip eine Bauchentscheidung gewesen, blickt Ernst-Martin Hauerwas zurück. Fünf befreundete Handwerker und Ex-Studenten träumten damals von einer Verbindung von Handwerk und Pädagogik für Jugendliche, die es schwer haben. Daraus ist eine über die Region hinaus bekannte Qualitätsschreinerei geworden. Erster Standort war ein Backsteingebäude in der Reutlinger Emil-Adolff-Straße. Vor 17 Jahren ist die Schreinerei an den heutigen Firmensitz nach Kirchentellinsfurt gezogen.

Die Echaz-Schreiner waren von Anfang an selbstverwaltet. Alle 14 Tage wurde im Büro gewechselt. „Jeder machte zunächst alles. Aber nach ein, zwei Jahren war das rum und jeder machte das, was seine Stärken waren“, blickt Hauerwas zurück. Anfangs fertigten sie nur in Echt- und Massivholz, mittlerweile verwendet die Schreinerei für größere Aufträge auf Wunsch auch Spanplatten. Wenn auch nicht mit übergroßer Begeisterung, so Hauerwas: „Wir versuchen immer, werthaltige Möbel zu bauen.“

Derzeit sind es sechs geschäftsführende GmbH-Gesellschafter. Der Umsatz liegt bei rund zwei Millionen Euro. Die Hierarchien unter den 20 Mitarbeitern (inklusive fünf Lehrlinge) sind sehr flach, Entscheidungen wie größere Anschaffungen werden breit diskutiert. Dieses Klima sei für viele ein Grund, bei der Echaz-Schreinerei zu arbeiten, sagt Hauerwas: „Wegen Reichtum schafft bei uns keiner, da sind wir auch nicht anders als andere Betriebe.“

Auch die Reutlinger Zimmerei Syndikat wollte heraus aus den patriarchalischen Strukturen früherer Zeiten. Das Syndikat begann als loser Verbund von sechs Zimmerern, die sich aus der Berufsschule kannten. „Für damalige Verhältnisse waren wir nicht die typischen Lehrlinge“, findet Mitgesellschafter Andres Lächele. Die meisten hatten Abitur, teils waren sie schon Mitte 20. Im Jahr 1993 gründeten sie die Gesellschaft bürgerlichen Rechts „Syndikat freie Zimmerer“ – natürlich selbstverwaltet. Und der Name war eine bewusste Provokation. Daraus wurde 1996 „aus steuerlichen und haftungsrechtlichen Gründen“ eine Aktiengesellschaft. Die Gründungsmitglieder wurden nun Aktionäre. „Das gab’s bisher noch nicht“, so Lächele. „Das war etwas anderes, das hatten bis dahin nur die Großen.“ Damals war die einzige AG in der Gegend Hugo Boss in Metzingen.

„Kollektiv“ hätten sie sich nie genannt, unterstreicht Lächele. „Und wir haben nie gesagt, alle Mitarbeiter sind auf einer Stufe und alle gleichberechtigt.“ Aber unter den Kunden waren viele Alt-Achtundsechziger, dort fand die AG ihre Nische. Die Zimmerei begann früh mit Holzrahmenbauweise und setzte ökologische Materialien ein. Das Syndikat profitierte auch von der Aufbruchsstimmung nach der Wiedervereinigung. Eine der größten Baustellen der Anfangsjahre war in Brandenburg. Dort baute ein ehemaliger Reutlinger ein Wohnhaus und brachte die Zimmerer gleich mit.

Die heute sieben Gesellschafter halten sämtliche Aktien. Das bedeute geteilte Verantwortung, aber die Entscheidungsprozesse würden länger dauern als in anderen Betrieben, sagt Lächele. Die AG hat inzwischen 24 Mitarbeiter, darunter sechs Lehrlinge. Der Umsatz liegt bei 2,7 Millionen Euro. Einer der Gesellschafter, Wolfgang Weiss, hat es zum Tübinger Innungs-Obermeister gebracht. Der Firmensitz im Industriegebiet Mark West liegt knapp auf Kusterdinger Gemarkung, deshalb zählt es zum Kreis Tübingen. Auch das Syndikat steht vor dem Generationenwechsel. Bis auf Julian Ringel, 31, sind alle Gesellschafter über 50. Lächele ist mit 53 Jahren der Jüngste der ersten Generation.


Auch bei den vier Gesellschaftern der Siebdruckfirma Graffiti, die seit 18 Jahren im Reutlinger und Kirchentellinsfurter Gewerbegebiet „Mahden“ sitzt, hat der Generationswechsel begonnen. Der 45-jährige Ingo Grabenhorst ist für Gründungsgesellschafter Gerhard Ruß eingestiegen. Das Quartett will am kollektiven Geist der Anfangsjahre festhalten. „Die spannende Frage ist, wie man das in einem veränderten Markt bewerkstelligt“, sagt Mitgesellschafter Martin Gengnagel.

1978 haben vier Pädagogen aus einer Studentengruppe von der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen und der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen den selbstverwalteten Betrieb gegründet. Es war eine politische Zeit. Der erste Aufkleber, den das junge Kollektiv druckte, richtete sich gegen die Jugendpolizei, die damals in Reutlingen geplant war. Konzepte wie die ästhetische Erziehung bestimmten die Debatten. Aus dem gleichen Geist wurde damals das Melchinger Lindenhof-Theater gegründet. Bis heute gibt es bei Graffiti flache Hierarchien. Denn ganzheitliche Produkte erfordern Kommunikation. Die Beschäftigten sind per Du, mittags wird gemeinsam im Betrieb gegessen. Man spürt den kollektiven Geist der Anfangsjahre – auch wenn sich die GmbH heute schwerer tut, neue Mitarbeiter zu finden. Unter den 14 Beschäftigten sind zwei Azubis. „Wir denken immer noch handwerklich“, sagt Gengnagel. „Wir bekommen eine Aufgabe und versuchen, sie aus dem Rohmaterial so herauszuarbeiten, wie die Kunden das wollen, ohne dabei zu manipulieren.“

Heute ist die Firma im Umbruch. Standard-Aufträge wie Aufkleber werden von der Online-Konkurrenz übernommen. Der Umsatz beträgt noch 1,6 Millionen Euro. Der Markt für Siebdrucke verändere sich stark, sagt Mitgesellschafter Martin Gengnagel. „Wir stellen uns wesentlich breiter auf.“ Unter anderem legt der Kunstbereich zu. Neben Werken des verstorbenen James Rizzi druckt Graffiti inzwischen auch Kunstwerke von Altrocker Udo Lindenberg. Graffiti will weiter auf ganzheitliche Lösungen und individuelle Beratung setzen: „Wir konzentrieren uns auf unsere wirklichen Stärken“, sagt Gengnagel.

Christoph Joachim, der einzige im Betrieb verbliebene Mitgründer von TransVelo, in der Tübinger Filiale.

Martin Gengnagel von der Siebdruckfirma Graffiti im Kirchentellinsfurter und Reutlinger Gewerbegebiet „Mahden“.

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Erstellt:
14. Dezember 2018, 06:05 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2018, 06:05 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 06:05 Uhr

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