Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Große Landesausstellung erzählt eine Kunstgeschichte der Ökonomie

Kohle im Casino

"Gutes böses Geld" heißt eine wertvolle, ertragreiche Große Landesausstellung der Kunsthalle Baden-Baden. Auch das berühmte Casino gibt seinen Einsatz und öffnet die Säle für zeitgenössische Werke.

05.03.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Baden-Baden. Üppige Kronleuchter, neobarocker Stuck und reichlich Plüsch. Und dann liegen in einer Glasvitrine neben den Roulette-Tischen im luxuriösen Casino von Baden-Baden ein paar stinknormale schwarze Sportsocken. Rien ne va plus? Auf dem Kunstmarkt geht noch ziemlich viel.

"Socks" heißt die provokative "Skulptur" des Schweizers Christoph Büchel, der im Jahre 2009 auf der Londoner Kunstmesse Frieze seine getragenen Textilien für 20 000 Pfund anbot, um mit dem völlig überzogenen Preis die absurden "Wertschöpfungsmargen" des Kunstmarkts anzuprangern. Oder auch nur auszutesten. Denn schon am ersten Messetag soll es gleich zwei Kaufinteressenten gegeben haben. Was "Socks" wohl mittlerweile so einbringen würde?

Auch Damien Hirsts "Gold Summer" hängt jetzt im Casino: bunte Schmetterlinge und metallische Farbe auf Leinwand. Der Engländer versteigerte just am 15. September 2008, als die Mitarbeiter der pleite gegangenen Investmentbank Lehman Brothers auf der Straße landeten, in London bei Sotheby s 128 extra für diese Auktion geschaffene Kunstwerke unter dem Titel "Beautiful Inside My Head Forever" und erlöste damit 198 Millionen Dollar. Was ist das alles nur? Geldanlage, Gier, Kunst, Genie, Wahnsinn?

Oder auch ein Spiel mit dem Nervenkitzel? Die Anziehungskraft des Glücksspiels berge ein "potenzielles Risiko", warnt ein schwarzes Faltblatt der baden-württembergischen Spielbanken. Für den Kunstmarkt gilt das offenbar auch. Noch so ein pädagogisch schöner Satz über verantwortliches Spielen gefällig? "Spielen ist für Sie eines von mehreren Freizeitvergnügen", beschwören die Betreiber ihre Kunden. Ein anderes Freizeitvergnügen jedenfalls sind die Kunst und der Museumsbesuch. So ist das schon eine fabelhafte Idee, dass die Große Landesausstellung "Gutes böses Geld" eine "Bildgeschichte der Ökonomie" nicht nur in der Kunsthalle Baden-Baden und im örtlichen Stadtmuseum (mit einem spielbaren 100-Quadratmeter-Monopoly und sozialdokumentarischen Fotografien) erzählt, sondern auch im Casino, also gewissermaßen an einem Originalschauplatz.

Das beginnt schon ohrenbetäubend in der Tiefgarage. "Jackpot" nennt Benedikt Braun seine Geldmaschine. Auf zwei entgegenlaufenden Förderbändern und zwei kürzeren Blechschütten werden 50 000 Ein-Cent-Münzen in einem scheinbar endlosen Kreislauf transportiert. "Der schöne Klang des Geldes wird zum unerträglichen Lärm." Stimmt. Ob das die üblichen Casino-Besucher amüsiert? Wer gewonnen hat, könnte seine Jetons ja gegen teure Kunst eintauschen - als Geldanlage. Wenn auch nicht gleich vor Ort.

Der gute alte Joseph Beuys, dieser Protagonist der sozialen Skulptur, hat das alles längst analysiert und ein sehr einfaches wie schlüssiges Bild dafür gefunden. Er malte 1979 mit einem schwarzen Farbstift auf einen 20-DM-Schein die Gleichung "Kunst = Kapital". Er wusste, wie das funktioniert und signierte den Schein mit Vor- und Nachnamen, weshalb diese Banknote als Original eine doch erhebliche Wertsteigerung erfährt.

Die pekuniäre Kunstgeschichte des Kunsthallen-Chefs Johan Holten hat aber noch viele andere Buchungs-Posten und fängt sehr früh an, mit den so genannten Biccherne aus dem mittelalterlichen Siena: zwei bemalten Buchdeckeln der Rechnungsbücher. Die fratzenhaften "Zinswucherer" des Marinus von Rymerswaele (1540) blicken einen an, niederländische Genremalerei des 16. und 17. Jahrhunderts schildert fröhliches Markttreiben, Carl Wilhelm Hübners Gemälde "Die schlesischen Weber" aus dem 19. Jahrhundert dokumentiert das Elend ausgebeuteter Arbeiter, und Peter Hasenclever malte sie realistisch-historisch 1850 im Aufstand gegen den Magistrat. Allegorien von Tugend und Laster fehlen nicht. Das Finanzwesen und die Moral, der Kaufmann und die Kunden, Börsenspekulation und Armutsbericht. Eine ganze Menge an Themen geht aufs Konto des Kurators. Der Besucher nimmt ordentlich Mehrwert mit.

Wobei die Mischung aus alter, moderner und ganz aktueller Kunst für besonderen Gewinn beim Ausstellungsrundgang sorgt. Beeindruckend der Raum mit Hanne Darbovens fotografischer Serie "Soll und Haben" auf Basis eines Rechnungsbuchs. Den Konsumwahn prangert Sylvie Fleurys vergoldeter Einkaufswagen auf drehendem Sockel an. Originell fällt Christin Lahrs Kritik der politischen Ökonomie aus. "Macht Geschenke: Das Kapital": Seit 2009 überweist die Leipzigerin täglich per Postbank einen Cent an das Bundesministerium der Finanzen. Und dabei schreibt sie in die Betreffzeile in Fortsetzung "Das Kapital" von Karl Marx. Das wird noch bis 2052 dauern.

Über Glücksspielerlöse freuen sich die Staatskassen allerdings mehr. Im Casino Baden-Baden liegt die Kohle schon bereit, an einem offenen, verschnörkelten Kamin. Die Berliner Bildhauerin Alicja Kwade hat handelsübliche Briketts mit Blattgold umhüllt. Diese Kunst wird weder verheizt noch verspielt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.03.2016, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular