Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
„Können nichts erzwingen“
Christian Ströbele hält am Dialog mit den Muslimen fest. Foto: Akademie RS
Muslime

„Können nichts erzwingen“

Der Theologe Christian Ströbele sieht das Verhältnis zwischen Islamverbänden und Land getrübt. Dennoch sei man auf einem guten Weg.

23.04.2018
  • FABIAN ZIEHE

Ulm/Stuttgart. Flüchtlingskrise, Anschläge, aktuell die Entwicklungen in der Türkei und Syrien: Krisen und Konflikte trüben auch die Kooperation zwischen Islamverbänden und Politik im Land – was die Debatte um die Nähe des Verbands Ditib zum türkischen Staat zeigt. Christian Ströbele betreut für die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart den interreligiösen Dialog. Er warnt davor, das gemeinsam Erreichte infrage zu stellen.

Hat der Dialog zwischen Islamverbänden und Zivilgesellschaft im Südwesten Schaden genommen?

Christian Ströbele: Die Großwetterlage, etwa die Entwicklung in der Türkei, hat schmerzliche Gräben aufgerissen – auch innerhalb muslimischer Gruppen und Familien. Aber: Begegnung und Zusammenarbeit vollziehen sich vor Ort. Hier kennt man sich seit Jahren, pflegt ein gutes Mikroklima. Das sollten wir nicht abstrakten Bedenken opfern.

Lange haben Formalien die Kooperation erschwert: Wer gehört zum Islamverband, wer ist Ansprechpartner? Hat sich das verbessert?

Die erwähnte Großwetterlage trägt nicht dazu bei, dass man nur von Verbesserungen sprechen kann. Trotzdem: Viele Verbände sind mitten im Prozess von Strukturaufbau und Professionalisierung. Um sie für dringend nötige Praxisfelder wie die Seelsorge in Krankenhaus oder Gefängnis oder auch den Schulunterricht zu qualifizieren, gibt es inzwischen erste Angebote. Entscheidend dazu trägt die Islamische Theologie bei, die es zum Beispiel an der Uni Tübingen seit 2011 gibt.

Die Landesregierung hat wiederholt die Bildung eines islamischen Dachverbands gefordert. Die Verbände verweisen auf ihre unterschiedlichen konfessionellen, historischen und ethnischen Wurzeln.

Diese Pluralität macht politische Prozesse naturgemäß schwierig. Sie hat aber auch Vorteile. Wenn Sie nur einen Dachverband haben, kann es leicht sein, dass Minderheiten zurückstehen. Und davon gibt es nicht eben wenige. Viele Verbände sind gestartet als informelle Selbstorganisation von Migranten und haben sich zunehmend geöffnet über ihre Herkunftsbezüge hinaus. Die Zuwendung zu Geflüchteten hat das vielerorts noch verstärkt.

Es ist aber auch verständlich, dass das Land möglichst einen verlässlichen Ansprechpartner wünscht.

Traditionell ist dem Islam eine solche kirchenähnliche Struktur eher fremd. Sie werden aber, wenn Sie all die verschiedenen Ausprägungen des Christentums zusammen nehmen, auch da in manchen Fragen nur schwer eine einheitliche Stimme ausmachen können. Trotzdem gibt es gemeinsame Gremien, Arbeitsgemeinschaften und Kompromisslinien. Für deren Diskussion braucht es gemeinsame Orte. Das muss kein Dachverband sein.

Was wäre eine Alternative?

Für verbindliche Regelungen kommt auch eine Mehrzahl islamischer Vertragspartner in Frage. Wichtig sind zudem Orte gemeinsamen Austauschs. Hier können neben Verbandsvertretern weitere muslimische Stimmen einbezogen werden. Je nach Rahmenbedingungen und Mitwirkenden gelingt das vielerorts bereits gut. Erfreulicherweise wird das Land Runde Tische auf kommunaler Ebene ausbauen.

Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob es Staatsverträge mit Islamverbänden geben könnte. Das Thema ist versandet – warum?

Das Land braucht für manche Themen ein passendes Gegenüber . Der Staat erwartet politische Neutralität. Ditib formuliert als Maßgabe für sich selbst, dass deren Moscheen „Orte der Spiritualität, nicht der Politik/Polemik“ sein sollen. Das muss nun auch gelebt werden. Für den Weg vertraglicher Regelungen wird das mittelfristig eine anspruchsvolle Bedingung sein.

Warum braucht man überhaupt einen Staatsvertrag?

Über kurz oder lang muss man für dringende Belange Arrangements finden – etwa in der Seelsorge, im Bestattungswesen, in der Arbeitswelt oder der Schule. Ob dafür ein bündelnder Staatsvertrag das Erfolgsmodell darstellt, dazu gibt es verschiedene Meinungen.

Islamunterricht gibt es seit 2006 im Südwesten. Er gilt als Erfolgsmodell, bleibt aber weiter ein Modellprojekt. Wie könnte ein Weg zum Regelunterricht aussehen?

Es fehlen im Moment die nötigen Lehrkräfte. Das braucht Zeit, man hat in der Grundschule begonnen, gerade eben sind die ersten fünf Absolventen aus Tübingen ins Referendariat am Gymnasium gestartet. Die Notwendigkeit ist aus meiner Sicht jetzt nicht, hurtig in einen Regelunterricht zu wechseln. Für diesen bräuchte es die bereits angesprochenen rechtlichen Voraussetzungen – darauf können wir unmöglich tatenlos warten, wir können diese aber auch nicht erzwingen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.04.2018, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular