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Knochenbrüche und Chaos: Brutales Straßenrennen mit bitterem Ende
Sturzfahrt mit 70 Stundenkilometern: Kurz vor dem Ziel schied der in Führung liegende Vincenzo Nibali aus. Foto: afp
Sturzfahrt ins Jammertal

Knochenbrüche und Chaos: Brutales Straßenrennen mit bitterem Ende

Ein von Polizisten gesprengter Rucksack am Ziel. Viele Stürze und Ausfälle. Das Straßenrennen hatte es in sich. Sieger: Greg Van Avermaet aus Belgien.

08.08.2016
  • WOLFGANG SCHEERER

Rio de Janeiro. Rasende Schussfahrt, 11,8 Kilometer vor dem Ziel. Genau dort unten, an der abgesperrten Strandpromenade der Copacabana, ging plötzlich ein Aufschrei durch die Reihen der italienischen Radsportfans, unter ihnen auch Staatspräsident Matteo Renzi. Die mitgebrachten Fähnchen sanken vollends, als die Wiederholung auf der Videowand bestätigte: Superstar Vincenzo Nibali, zu diesem Zeitpunkt mit dem Kolumbianer Sergio Henao und dem Polen Rafal Majka in Führung, stürzte spektakulär in einer Kurve, als es von der Vista Chinesa mit der bekannten Pagode mit 70 Stundenkilometern und mehr hinabging.

Auch Henao erwischte es. Nur Majka schlängelte sich irgendwie durch („Keine Ahnung, wie ich da vorbeigekommen bin“) – und von hinten rauschten schon Greg Van Avermaet aus Belgien und der Däne Jakob Fuglsang heran.

Ein, zwei Kilometer vor dem Zielstrich dann ein kurzes Taktieren zwischen diesen Dreien. Es ging nach knüppelharten sechs Stunden und 237,5 Kilometern im Sattel schließlich noch um die wichtigste Frage: Wer schnappt sich welche Medaille?

Auf den letzten 200 Metern zeigte sich, dass Van Avermaet noch ein paar entscheidende Körner mehr hatte als Fuglsang und Majka. Als erster Belgier seit 64 Jahren holte der 31-Jährige aus Lokeren eine Goldmedaille. Silber ging an Fuglsang, Majka musste mit Bronze zufrieden sein. Von den deutschen Fahrern außer Emanuel Buchmann war am Ende nichts mehr zu sehen. Für Tony Martin war bereits nach knapp 120 Kilometern Schluss, Maximilian Levy rollte kaum 30 Kilometer mit.

Martin stieg auch mit Rücksicht auf seine Paradedisziplin, das Zeitfahren am Mittwoch vorzeitig vom Rad, Levy war als eigentlicher Bahnfahrer ohnehin nicht fürs Straßenrennen vorgesehen, musste aus Regelgründen aber zumindest antreten. Der Wahl-Freiburger Simon Geschke zählte hingegen lange zu einer mutigen Spitzengruppe, Emanuel Buchmann aus Ravensburg griff zunächst ebenfalls an und hielt zumindest bis zum Ende durch.

Doch Temperaturen von über 30 Grad, Wind, extreme Steigungen und Kopfsteinpflaster-Passagen forderten bei vielen Fahrern wie befürchtet ihren Tribut. Immer wieder sah man, wie die Profis krampfende Oberschenkel massierten und weiterstrampelten. Selbst bei Weltmeisterschaften werden Straßenrennen mit Steigungen von bis zu 20 Prozent und insgesamt 4600 Metern Höhendifferenz kaum je gefahren.

Es war auf alle Fälle das härteste Olympia-Rennen aller Zeiten, da waren sich die Fahrer einig. Die gewaltigen Anforderungen führten nicht nur im Fall von Nibali, dem Tour-Gewinner des Jahres 2014, zu kurzen Konzentrationsschwächen und entscheidenden Stürzen: Auch andere Top-Fahrer wie der Australier Richie Porte und der Brite Geraint Thomas fanden sich irgendwann auf dem Asphalt wieder. Dabei gilt speziell Nibali als exzellenter Abfahrer. Er erlitt einen Schlüsselbeinbruch, Henao einen Beckenbruch. Richie Porte hat sich das Schulterblatt gebrochen. Thomas kam ebenfalls ins Krankenhaus, aber glimpflich davon.

Der bei der Tour de France gefeierte Brite Christopher Froome verpasste klar die Chance, kurz nach dem Sieg in Paris einen weiteren Triumph zu feiern. Mit knapp drei Minuten Rückstand kam der Brite, der als ganz großer Favorit fürs Zeitfahren gehandelt wird, auf Rang zwölf. Zusammen und zeitgleich mit Froome auf einem respektablen 14. Platz gewertet: Der erst 23 Jahre alte Emanuel Buchmann, der schon bei der Tour einmal mehr seine Klasse demonstriert hatte. Auch Simon Geschke zählte am Ende zu den 81 Fahrern im 144-köpfigen Feld, die nicht ankamen.

Dramatisch war nicht nur das Rennen an sich, sondern auch eine Szene, die sich im Zielraum abspielte, als das Fahrerfeld noch etwa 50 Kilometer zurückzulegen hatte. Ein Räumkommando der Polizei brachte einen herrenlosen Rucksack kontrolliert zur Explosion. Ein Pulk von Zuschauern musste deshalb für einige Zeit den Zieleinlauf verlassen. Die Szene passte irgendwie zu diesem ziemlich chaotischen Radsport-Tag in Rio.

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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