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Knochen erzählen die Geschichte der Sprache
Die Forscher untersuchten 265 Schädelfunde aus Afrika, Asien und Ozeanien. Bild: Uni Tübingen
Anthropologie

Knochen erzählen die Geschichte der Sprache

Wie haben sich Sprachgemeinschaften entwickelt? Das wollen Tübinger Forscher über den Vergleich von Schädelknochen herausfinden.

18.11.2016
  • Angelika Bachmann

Welche Zeugnisse hat die Wissenschaft von Menschen, die vor mehr als 10000 Jahren gelebt haben? Neben dem, was die Menschen geschaffen haben – Werkzeuge, Waffen, Schmuck – ist das hauptsächlich das, was von den Menschen selbst übrigblieb: Knochen. Je weiter man in die Menschheitsgeschichte zurückgeht, umso wichtiger werden die fossilen Funde für die Wissenschaft – weil sonst kaum noch etwas von jener Zeit zeugt.

Künftig könnte der Vergleich von Knochen, vor allem von Schädelknochen, einen Wissenschaftszweig voranbringen, der sich mit der Frühgeschichte besonders schwer tut: die Sprachwissenschaft. Populationsgeschichte, so die Forscher, wird sichtbar in der Veränderung der Schädelform und in der Ausbildung unterschiedlicher Sprachfamilien und Sprachen. Diese Veränderungen haben sich in verschiedenen menschlichen Populationen offenbar zeitlich und räumlich parallel vollzogen, erklärten der Sprachwissenschaftler Prof. Gerhard Jäger und die beiden Paläoanthropologen Prof. Katerina Harvati und Hugo Reyes-Centeno.

Gesichtsknochen im Blick

Für ihre Studie untersuchten sie 265 Schädelfunde aus Afrika, Asien und Ozeanien sowie den Wortschatz von über 800 Sprachen und Dialekten aus den genannten Regionen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Scientific Reports“. Sollten sich diese bei weiteren Untersuchungen bestätigen, hätte die Forschung ein Merkmal, mit dem sich die Entwicklung unterschiedlicher Sprachfamilien bis in die Frühzeit des Menschen zurückverfolgen ließe.

Die Sprachwissenschaftler entwickelten dafür eine Methode, um den Grad der Ähnlichkeit zwischen zwei Sprachen komplett automatisiert zu messen, indem sie den Grundwortschatz heute gesprochener Sprachen verglichen. Die Paläoanthropologen fanden Wege, die Ähnlichkeit von Eigenschaften der Form und Gestalt von wenige hundert Jahre alten menschlichen Schädeln bei Messungen zu quantifizieren.

Eines der Ergebnisse: Die sprachliche Verwandtschaft hängt vor allem mit den Eigenschaften der Gesichtsknochen des Schädels zusammen, weniger dagegen mit dem Neurocranium, also den Schädelknochen, die das Gehirn umhüllen.

Bisher gingen Wissenschaftler in der historischen Sprachwissenschaft davon aus, dass sich Sprachen nur als verwandt erkennen lassen, wenn ihre letzte gemeinsame Form vor höchstens 10000 Jahren gesprochen wurde. Es hat bereits Versuche einzelner Wissenschaftler gegeben, diese Grenze weiter in die Vergangenheit zurück zu schieben. Doch sind diese bei Sprachexperten allgemein auf Skepsis gestoßen. Die von den Tübinger Forschern entwickelte Methode könnte das Tor nun deutlich weiter in die Vergangenheit aufstoßen, da die Sprachwissenschaftler damit auch paläoanthropologische Funde für ihre Ziele nutzbar machen könnten.

Jäger, Harvati und Reyes-Centeno gehören zum Kern der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Kolleg-Forschergruppe „Words, Bones, Genes, Tools. Tracking Linguistic, Cultural and Biological Trajectories of the Human Past“, die im vergangenen Jahr ihre Arbeit an der Universität Tübingen aufgenommen hat. ST

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18.11.2016, 01:00 Uhr
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