Sportbekleidung bei Olympia

Beachvolleyball: knapp und eng anliegend

Wie viel Haut müssen Frauen zeigen? Auch darum geht es in der Debatte um „angemessene“ Sportanzüge. Und um einen voyeuristischen Blick auf Athletinnen.

31.07.2021

Von Elisabeth Zoll

Beachvolleyballerin Julia Sude, hier im Match gegen die Niederlande, spielt im Bikini. Foto: Imago

Tokio. Es geht um wenige Zentimeter Stoff und ganz viel Selbstbestimmung und Respekt. Seit die norwegischen Beachhandballerinnen bei der EM in Bulgarien gerade statt der vorgeschriebenen Bikini-Höschen etwas längere Shorts getragen haben, ist die Debatte über „angemessene“ Sportkleidung für Frauen neu entbrannt. Auch bei den Olympischen Spielen in Tokio. Was sollen, was müssen Sportlerinnen tragen, wenn sie um Bestleistungen bei den internationalen Wettbewerben kämpfen? Oder geht es den Verbänden gar weniger um Leistung als viel mehr um eine möglichst adrette Vermarktung der oftmals nicht so stark wahrgenommenen Frauensportarten?

Sex sells. Sex verkauft sich. Die Losung der Werbeindustrie gilt auch im Sport. Knapp müssen die Höschen und Oberteile der Sportlerinnen sein. Gemessen wird in Zentimetern. Bis zur Olympiade in London durfte der seitliche Steg des Bikini-Höschens, mit dem Beachvolleyballerinnen die Turniere bestreiten, nur sieben Zentimeter breit sein. Inzwischen sind auch Shorts erlaubt, die im längsten Fall drei Zentimeter über den Knien enden.

Der Internationale Handballverband, der erst noch um die olympische Reife der Strandvariante der ursprünglichen Hallensportart kämpft, wollte wohl Sommerfeeling vermitteln. „Frauen sollten Bikinis tragen. Das Oberteil sollte ein eng anliegender Sport-BH mit tiefen Ausschnitten an den Armen sein. Das Höschen darf an den Seiten nicht mehr als zehn Zentimeter Tiefe haben“, so die Regeln des Verbandes, die der norwegischen Frauenmannschaft gerade so unangenehm aufgestoßen sind. Denn die Botschaft ist klar: Sportlerinnen dürfen nicht Haut zeigen. Sie müssen es.

Fühlen sich in Shorts wohl: die norwegischen Beachhandballerinnen. Sie mussten eine Strafe bezahlen. Foto: Screenshot: Norges Håndballforbund/facebook

Und das nicht nur in den Strand-Sportarten. Als gesetzt galt für Tennisspielerinnen lange Zeit das kurze Röckchen, das nicht nur beim Smash wenig Schutz vor voyeuristischen Blicken bot. Die Top-Spielerin Serena Williams musste noch 2018 bei den French Open darum kämpfen, in einem Bodysuit auf den Platz zu dürfen. Oder der hautenge einteilige Anzug für die Turnerinnen, der den Körper von Mädchen und Frauen mehr bloßstellt als verhüllt, wenn sie am Boden oder am Schwebebalken einen Spagat wagen.

Inzwischen wehren sich immer mehr Sportlerinnen zur Schau gestellt zu werden. So traten in Tokio die deutschen Turnerinnen beispielsweise mit einem Ganzkörperanzug an. Die Kunstturnerin Sarah Voss hatte das im April bei der EM in Basel schon einmal vorgemacht. Der 21-jährigen Mehrkampf-Meisterin ging es dabei weniger um persönliche Belange. Gegenüber „Spiegel-Online“ sagte sie: „Als Teil der deutschen Turn-Nationalmannschaft sind wir für viele jüngere Sportlerinnen auch ein Vorbild und möchten ihnen damit eine Möglichkeit aufzeigen, wie sie sich auch in einer anderen Bekleidungsform ästhetisch präsentieren können, ohne sich bei bestimmten Elementen unwohl zu fühlen.“

Denn der knappe „Leotard“, wie das einteilige Kleidungsstück aus Oberteil und angeschnittenem Slip heißt, ist für die Turnerinnen nicht immer erste Wahl. Er kann verrutschen und gibt damit mitunter mehr frei, als den Turnerinnen lieb ist.

Erfolgreich auch im Ganzkörperanzug: Die Turnerin Elisabeth Seitz aus Stuttgart bei den Spielen in Tokio. Foto: Imago

Sarah Voss wirbt für eine Wahlfreiheit der Sportlerinnen. Und, dass das Reglement des Internationalen Turnverbandes den Sportlerinnen Spielräume eröffnet. Danach sind Unitards (Ganzkörperanzug mit langen Armen und Beinen) bei Wettbewerben erlaubt.

Auf so eine Wahlfreiheit müssen die Beachhandballerinnen noch hoffen. Nach dem Vorstoß der Norwegerinnen, der mit einer Strafzahlung von 1500 Euro endete, wird sich die Beachhandball-Kommission bei ihrer Sitzung im August mit dem Thema befassen und der Internationale Handball-Föderation (IHF) Vorschläge für Bekleidungsregeln unterbreiten.

Auch Kunstturnerin Elisabeth Seitz (27) trat beim olympischen Turn-Wettbewerb mit einem langbeinigen Anzug auf. Doch auch für sie ist das kein Dogma. Die Botschaft solle sein: „Jeder soll tragen, was er will, je nach Lust und Laune. Wir wollen daraus keine Pflicht machen“, argumentiert die 23-malige deutsche Meisterin. Ihr Programm könne sie mit jeder Sportkleidung turnen, sagte sie der „Bild“. „Aber beim langbeinigen können keine falschen Gedanken bei denen aufkommen, die sich falsche Gedanken machen wollen. Der Fokus beim Spagat-Sprung liegt eben nicht mehr auf dem Schritt, das ist angenehm als Frau.“

Es geht aber nicht nur um längere Beinkleidung statt kürzerer. Es geht um den sexualisierten Blick auf Frauen im Sport ganz allgemein und um Bekleidungsvorschriften, die sich männliche Sportfunktionäre für sie ersonnen haben.

So spricht sich Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo für mehr Selbstbestimmung aus. Sie trage bewusst sehr kurze Hosen und fühle sich wohl dabei. Auch die Beachvolleyballerin Karla Borger wendet sich gegen Einschränkungen. „Es geht darum, sich anziehen zu können, was man möchte. Ich finde, jeder sollte die Wahl haben zu spielen, in was er möchte.“ Als sie und ihre Teamkollegin Julia Sude im März beim World-Tour-Turnier in Katar aufgefordert wurden, in T-Shirts und Hosen bis zum Knie zu starten, sagten sie ab. Ihnen ging es nicht darum, in dem muslimisch geprägten Emirat Haut zu zeigen. Sie wollten bei sommerlichen Temperaturen schlicht nicht mit langen Hosen in den Wettbewerb gehen.

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Erstellt:
31. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2021, 06:00 Uhr

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