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Klopfen im Kopf
Foto: Fotolia
Migräne bekommen schon Kinder – Ohrpiercing ist umstritten

Klopfen im Kopf

Es gibt viele Kopfschmerz-Arten. Eine davon betrifft etwa acht Millionen Menschen: Migräne. Und es gibt einen Kopfschmerztag – der ist heute.

05.09.2016
  • IRIS HUMPENÖDER

Ulm. Übelkeit und Kopfschmerzen hatte sie schon als Vierjährige, mit 17 stand die Diagnose fest: Migräne. Heute ist Margit Bösmann 77 und hat noch immer vier- bis fünfmal im Jahr Attacken. „Zwischen meinem 40. und 50. Lebensjahr waren es aber zwei bis drei pro Woche und bei Stress oft mehr“, erzählt die ehemalige Buchhalterin. Seit 28 Jahren leitet sie die Migräne-Selbsthilfegruppe in Aalen. Margit Bösmann weiß: „Das einseitige Klopfen im Kopf ist das kleinere Übel. Viel schlimmer ist, dass es einem schlecht wird, man sich übergeben muss oder Durchfall bekommt – und wenn man Pech hat, auch noch der Kreislauf zusammenbricht.“

Etwa acht Millionen Menschen sind allein in Deutschland von Migräne betroffen. „Schon 74 Prozent der Siebstklässler klagen über primäre Kopfschmerzen“, betont Prof. Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel und Initiator der Aufklärungsaktion „Kindheit ohne Kopfzerbrechen“. Die Hälfte davon hat Migräne, also meist einseitige, pochende Kopfschmerzen, die bei körperlicher Anstrengung zunehmen können. Migräne kann Stunden bis Tage dauern, von Übelkeit, Erbrechen, Lärm- oder Lichtempfindlichkeit begleitet sein.

„Migräne ist die dritt-teuerste neurologische Erkrankung, also auch volkswirtschaftlich relevant“, sagt Dr. Hannes Hofbauer, stellvertretender Leiter der Sektion Schmerztherapie am Uniklinikum Ulm. Chronisch wird sie, wenn mehr als 15 Attacken im Monat auftreten. „Wir versuchen dann durch Prophylaxe mit Medikamenten wie etwa Betablockern die Frequenz zu halbieren“, erklärt Hofbauer.

Bei chronischer Migräne kommen möglicherweise auch Botox-Spritzen in Frage, die die Freisetzung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin blockieren und die Muskulatur entspannen. Außerdem hemmt es weitere Botenstoffe, die entzündlich wirken und bei Migräne-Patienten zu Phasen mit übermäßiger Schmerzempfindlichkeit führen. „Es kann ebenfalls die Anfälle reduzieren“, sagt Hofbauer.Eine weitere Möglichkeit ist die Vagusnervstimulation, eine milde elektrische Stimulation des Vagusnervs, der durch den Hals läuft und Informationen aus dem Körper an das zentrale Nervensystem leitet. Die Stimulation mit einem speziellen Gerät können Patienten zuhause selbst durchführen.

Wichtig sei in jedem Fall, den Migränekopfschmerz genau abzugrenzen vom „Übergebrauchskopfschmerz“. Den bekommen Betroffene, die zu viele Schmerzmittel einnehmen, erklärt Hofbauer. „Vermeiden Sie die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln an mehr als zehn Tagen“, rät denn auch die Migräne-Liga Deutschland.

Hofbauer empfiehlt, zunächst vom Neurologen die genaue Diagnose einzuholen. „Steht die fest, ist auch nichts dagegen zu sagen, dass sich Patienten selbst Aspirin, Ibuprofen oder Triptane gegen ihre Migräne in der Apotheke besorgen.“ Da letztere gefäßverengend wirken, sollten sie eher nicht während der so genannten Aura eingenommen werden. Sie ist eine Art Vorbote des Kopfschmerzes und macht sich etwa durch Sehstörungen bemerkbar. Auch dabei ziehen sich Gefäße zusammen. „Nimmt man dann noch Triptane, könnte das Risiko für einen Schlaganfall erhöht sein“, warnt Hofbauer.

Wer nur ab und zu unter Migräne leidet, kann es auch mit Akupunktur versuchen. Laut Hofbauer „kein Allheilmittel, aber alles, was nicht invasiv ist, ist okay“. Aus Studien wisse man, dass bei Migräne-Patienten in 30 Prozent der Fälle auch Placebos, also Scheinmedikamente ohne Wirkstoffe, nutzen können.

Über die Wirkung von Verfahren, die dem „alternativen“ Spektrum zuzurechnen sind, lässt es sich ohnehin trefflich streiten. So berichten im Internet derzeit viele Migräne-Patienten über die „Wunderwirkung“ des Ohr-Piercings und immer mehr Piercing-Studios bieten das Stechen im Bereich des Ohrknorpels an. „Es gibt bislang keinen wissenschaftlichen Beleg für die Empfehlung, Ohrpiercing als neues Therapieverfahren einzusetzen“, informiert dazu die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft auf ihrer Internetseite. „Dagegen sind zahlreiche Fälle publiziert, in denen es zur Entzündung des Ohrknorpels mit nachfolgend kosmetisch unschöner Verformung der Ohrmuschel kam.“

Und obwohl auch er Patienten rät, durchaus unterschiedliche Behandlungsmethoden auszuprobieren, hält Dr. Jan Brand von der Kopfschmerzklinik Königstein, Migräne-Piercing für „Quatsch“. Erfolgversprechend seien dagegen derzeit laufende Studien zu einer Art Impfung gegen Migräne. Dabei werden monatlich Antikörper gespritzt, die das so genannte CGRP ausschalten sollen, ein Eiweißmolekül, das bei einer Attacke die Blutgefäße der Hirnhaut erweitert.

„Auf keinen Fall sollten Migräne-Patienten aufgeben“, appelliert Brand. Und Margit Bösmann bestätigt: „Weniger oben ohne, also weniger Migräne-Attacken – das kann man hinbringen.“

Info migraeneliga.de; dmkg.de

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05.09.2016, 06:00 Uhr
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