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Demonstranten fordern mehr Personal fürs Klinikum

Über 1000 Demonstranten zogen am Mittwochabend durch Tübingen: Sie forderten mehr Personal für die Uni-Kliniken im Land. In Tübingen waren die Beschäftigten am Mittwoch im Warnstreik: Damit wollten sie ihrer Delegation in der laufenden Tarifverhandlung den Rücken stärken. Sie machten lautstark klar: Es geht ihnen weniger ums Geld, sie wollen eine bessere Pflege. Video: Schneck/Bleeser

© ST 02:25 min

Streik der Pflegekräfte: Immer noch eins drauf

Klinik-Beschäftigte streiken für Entlastung und mehr Personal · Arbeitsdruck enorm verschärft

Einen fulminanten Protestauftakt erlebte das Tübinger Klinikum gestern beim ersten ganztägigen Warnstreik der laufenden Tarifverhandlung. Dem Demozug am Abend von der Frauenklinik bis zur Karlstraße schlossen sich mehr als tausend Demonstranten an.

14.12.2017
  • Angelika Bachmann
Klinik-Beschäftigte streiken für Entlastung und mehr Personal · Arbeitsdruck enorm verschärft Die ersten Demonstranten waren schon bei der Rednertribüne in der Karlstraße angelangt, da war das Ende des Protestzugs noch oben in der Mühlstraße. Mehr als tausend Menschen demonstrierten gestern Abend für mehr Personal in der Krankenpflege. Bild: Metz

„Das war noch nicht das Ende!“ rief Fabian Kiehne am Mikrofon an der Zugspitze den Mitstreitern zu. Behängt mit Lichterketten, LED-bekränzte Protestschilder schwenkend, zogen Klinik-Beschäftigte und Sympathisanten durch die Stadt. Die Musik aus den Lautsprecherboxen und eine Trommelgruppe brachte den Protestzug zum Tanzen.

Die große Resonanz auf den Demo-Aufruf gab den Organisatoren von der Gewerkschaft Verdi Rückenwind: „Das ist gelebte Solidarität. Ich wünsche mir, dass die Arbeitgeber die Zeitung aufschlagen und im Fernsehen die Bilder sehen und sagen: Fuck, das wird hart!“, sagte Verdi-Bezirksgeschäftsführer Benjamin Stein. Am Montag steht die nächste Verhandlungsrunde von Verdi mit den Arbeitgebern der vier baden-württembergischen Uni-Klinika an. Die wichtigste Forderung der Gewerkschaft: eine gesetzliche Personalbemessung und Mindeststandards für die Besetzung der Stationen.

„Ich mag meinen Beruf wirklich sehr. Aber es gibt viele Leute, die den Beruf verlassen, weil sie es einfach nicht mehr aushalten“, sagte Kiehne, der als Pfleger an der Kinderklinik arbeitet. Lena Weigold, Pflegekraft an der Medizinischen Klinik, berichtete den Zuhörern, dass es völlig normal sei, ständig aus den freien Tagen auf Station gerufen zu werden um einzuspringen. Nie reiche dort die Zeit, eigentlich sollte man drei Patienten gleichzeitig versorgen können. „Ich bin 25 Jahre alt. Ich habe noch 50 Jahre vor mir. So schaffe ich das nicht!“

Hauptredner Martin Kunzmann, DGB-Landesvorsitzender, kritisierte die Gesundheitspolitik, die Krankenhäuser hauptsächlich als Unternehmen sehe, in denen der Profit zählt. Die Organisatoren von Verdi vor Ort zeigten sich erbost über das Vorgehen und den Verhandlungsstil des Arbeitgeberverbunds: Die Universitätsklinika hatten bis Dienstagabend versucht, den Warnstreik gerichtlich unterbinden zu lassen. Im Gerichtsprozess hätten sie zudem eidesstattliche Erklärungen mit Aussagen aus der Verhandlungskommission vorgelegt. Das sei „Bespitzelung“, warf ihnen Angela Hauser von der Verdi-Verhandlungskommission vor.

Tagsüber waren am Klinikum mehr als die Hälfte der Operationen abgesagt worden. Im Streikcafé auf dem Schnarrenberg trafen sich Beschäftigte und tauschten sich aus. „Die Pflegekräfte jammern. Zurecht“, sagte ein Krankenpfleger, der auf der Neurochirurgie arbeitet. „Aber sie tun auch wenig dafür, dass sich ihre Situation ändert.“ Man müsse sich organisieren und für seine Sache einstehen – sonst werde sich nichts ändern.

Immer die Hektik kaschieren

Der Stellenausstattung wird im Alltag oft Makulatur. Meldet sich jemand krank, ist die examinierte Krankenschwester mit dem Krankenpflegehelfer allein auf Station. Beschäftigte berichten von Nachtdiensten, in denen sie allein für 40 Patienten zuständig waren und sich damit massiv überfordert fühlten. „Eigentlich war für den Streiktag ausgemacht, dass die Stationen wie am Wochenende besetzt sind“, sagt eine andere Mitarbeiterin. Tatsache sei, dass man im Alltag häufig sogar noch schlechter besetzt sei als an diesem Streiktag.

Um in der Bilanz des Klinikums die „schwarze Null“ zu halten, wurden in den vergangenen Jahren die Fallzahlen extrem gesteigert. Die Folge: „extremer Zeitdruck“, so eine OP-Mitarbeiterin. Ist der Operationsplan eigentlich schon voll, wird trotzdem noch überlegt, ob man nicht zwei weitere Patienten einbestellen könne, berichtet die 55-Jährige. Ihre Aufgabe ist es, die Patienten genau auf den Punkt für die Operation vorzubereiten, die Verängstigten unter ihnen zu beruhigen (der Blutdruck darf nicht zu hoch sein!), die stetige Hektik zu kaschieren und trotzdem schnell genug zu sein, damit der OP-Plan flutscht. „Nichts ist so teuer für ein Klinikum, wie ein leerer Operationssaal.“ Ihre Kollegin fügt hinzu: Die Arbeitsbelastung habe sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Von kritischen Situationen berichten Beschäftigte der Psychiatrie. Seit Jahren steigen dort die Patientenzahlen an. Ist das Betreuungsverhältnis ausgedünnt, fühlen sich die Pflegekräfte zunehmend alleingelassen, wenn sie mit schwierigen und zum Teil aggressiven Patienten zurecht kommen müssen – und helfende Kollegen nicht in Sicht sind.

Vor der nächsten Verhandlungsrunde am Montag tagt der Aufsichtsrat des Klinikums um 9Uhr auf dem Schnarrenberg. Die Beschäftigten, so kündigte deren Vertreter in diesem Gremium, Johann Graf, an, würden den Aufsichtsrat an diesem Morgen empfangen und ihm ihre Sicht der Dinge klarmachen.

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14.12.2017, 01:00 Uhr
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