Werdich

„Kleine Betriebe stehen vor der Pleite“

Der modische Fachhandel droht wegen der Lockdowns auf der Strecke zu bleiben, sagt der Familienunternehmer und Schuhhändler Friedrich Werdich.

12.05.2021

Von ALEXANDER BÖGELEIN

Schuhhändler Friedrich Werdich in einem seiner prall gefüllten Lager: Er ist Mitbegründer der Iniative „Handel steht zusammen“. Foto: Fotos: Matthias Kessler

Dornstadt. Friedrich Werdich durchlebt seit Monaten ein Wechselbad der Gefühle – wie der gesamte modische Fachhandel. Statt einem Start in die Frühjahrssaison mit Farben, Leichtigkeit und guten Umsätzen, belasten die Händler immer noch Zwangsschließungen und Einschränkungen. Doch der gebürtige Allgäuer ist niemand, der die Hände in den Schoß legt. Aus einem „Gefühl der Ohnmacht“ heraus hat er im Herbst 2020 mit anderen familiengeführten Betrieben die Initiative „Handel steht zusammen“ gegründet. Die hat bis heute 17 000 Unterstützer, wovon die Hälfte Unternehmen sind, die mehr als 100 000 Mitarbeiter beschäftigen, und ist Sprachrohr des Fachhandels.

Das sei aus zwei Gründen wichtig: Zum einen, so Werdich, finde der Einzelhandel wegen seines geringen Anteils am Bruttosoziaprodukt in der Politik viel schwerer Gehör als die Autoindustrie. Zum anderen leiste der Branchenverband HDE zwar gute Arbeit. Doch der vertrete ein Spektrum von Amazon über den Fach- bis zum Lebensmittelhandel. Ein Gespräch über eine Branche im Existenzkampf.

Wie verkraftet der stationäre Schuhhandel die Situation?

Friedrich Werdich: Die monatelangen Schließungen sind für den Handel eine betriebswirtschaftliche Katastrophe. Der modische Einzelhandel ist ausgezehrt.

Wie sehr belastet Corona den innerstädtischen Handel finanziell?

Von 100 Euro Umsatz bleiben in „normalen“ Jahren zwischen zwei und vier Prozent übrig. Von dieser Marge müssen wir aber nicht nur leben, sondern auch sämtliche Zukunftsinvestitionen stemmen. Das ist ein schmaler Grat.

Wird die Lage des Fachhandels falsch eingeschätzt?

Ich glaube, ein Großteil der Bevölkerung kann nicht einschätzen, wie dramatisch die Lage ist. 2020 haben die Bundesminister Altmaier und Scholz gesagt: Die Bazooka ist geladen. Das hat in der Bevölkerung den Eindruck vermittelt, dass der Fachhandel gut unterstützt wird. Dass aber die Novemberhilfen erst im März – und selbst dann äußerst schleppend – ausgezahlt werden, ist eine Zumutung. Besonders kleine Betriebe stehen vor der Pleite. Das macht mich wütend.

Wie stark haben Sie von Kurzarbeit Gebrauch gemacht?

Von unseren 500 Mitarbeitern waren rund 480 in Kurzarbeit. Manche Verwaltungsbereiche haben wir aufrechterhalten müssen. Beispielsweise kaufen wir die Ware rund sechs Monate bevor sie in unseren Regalen steht. Was unsere Mitarbeiter/innen in den geschlossenen Filialen angeht, sind wir dankbar für das Instrument der Kurzarbeit. Hätte der Staat uns das nicht so unkompliziert an die Hand gegeben, hätten wir viele Mitarbeiter freistellen müssen.

Wie groß ist Ihr Verständnis für die Politiker?

Auch die arbeiten an der Belastungsgrenze. Wir alle beschäftigen uns seit mehr als einem Jahr mit der Pandemie in schärfster Form. Doch es herrscht große Unsicherheit. Das ist das Schlimmste, was dem Markt und den Marktteilnehmern passieren kann. Nichts ist planbar. Daraus entsteht eine Situation, in der Verbraucher sich zurückhalten und Unternehmen Investitionen zurückstellen. Dieser Effekt wird leider durch den Schlingerkurs der Politik verstärkt.

Wie könnte ein Ausweg aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Politik auf ein Konzept verständigt, das meinetwegen auch strikt durchdekliniert wird. Schließlich müssen wir die Pandemie gemeinsam überwinden. Damit wäre allen geholfen. Die Bürger brauchen ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können – und der Fachhandel eine Basis, um verlässlich zu planen.

Sie kritisieren, dass die Hilfen der Bundesregierung ungerecht gestaltet sind. Wie meinen Sie das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Unternehmer betreibt einen Laden in seiner eigenen Immobilie. Jeden Tag steht er vor Kunden, zahlt sich selbst aber keinen Unternehmerlohn aus, sondern lebt vom Gewinn. Dieser darf sich in Bezug auf die Corona-Hilfen kein Gehalt ansetzen, weil er es ja bisher auch nicht getan hat. Dieser fleißige Unternehmer durfte sich in den ersten Entwürfen der Hilfe kein Gehalt ansetzen. Aktuell besteht wenigstens die Chance, dass der Unternehmerlohn knapp bis zu der der gesetzlichen Pfändungsfreigrenze in Höhe von 1180 Euro angesetzt werden kann. Viel zu wenig, aber wenigstens eine Anerkennung seiner Leistung.

Welcher Ansatz wäre besser?

Grundsätzlich wollen wir alle für uns selbst sorgen können. Da die Situation aber ist, wie sie ist, sollten wir nicht von Hilfen, sondern von Entschädigungen sprechen. Der Unterschied ist enorm. Hilfen orientieren sich an Reglementierungen auf europäischer Basis und gleichen die erlittenen Schäden keinesfalls aus. Entschädigungen stellen einen anderen Rahmen dar. Die geschlossenen Betriebe müssen für die erlittenen Schäden infolge der Zwangsschließung entschädigt werden.

Was bedeutet das?

Viele Händler können eine solche Krise zeitlich nur sehr begrenzt aushalten. Wir haben der Politik daher die Entschädigung nach dem Rohertragsverfahren vorgeschlagen. Das wäre gerecht, unbürokratisch und schnell umsetzbar. Leider ist dieses am Finanzministerium gescheitert. Ein Kernthema bleibt daher, Druck zu erzeugen, dass die versprochenen Hilfen wenigstens ankommen.

Sind geschlossene Läden und Innenstädte mit weniger Passanten dauerhafte Kollateralschäden?

Das ist eindeutig so. Dabei ist es empirisch nachweisbar, dass der Einzelhandel bei den Infektionsketten keine wesentliche Rolle spielt. Man sieht das auch daran, dass keiner unserer Mitarbeiter/innen sich in den Filialen angesteckt hat. Ähnlich sieht es bei unseren Netzwerkpartnern aus. Die meisten Infektionen passieren im privaten Umfeld. Das spricht dafür, dass die Hygienekonzepte wie Desinfektion, Einlassbeschränkungen, Masken und Plexiglaswände gut funktionieren. Im Übrigen stuft auch das RKI die Ansteckungsgefahr im Einzelhandel als sehr gering ein.

Wie sehr bedroht Corona den stationären Handel in der City?

Die kulturellen Wurzeln unserer gesellschaftlichen Entwicklung gehen auf die Marktplätze der Städte zurück. Es wäre schlimm, dieses Kulturgut aufzugeben. Ich bezweifle stark, dass Innenstädte funktionieren, wenn sie nur noch aus Gastronomie und Wohnen bestehen. Dort, wo es so ist, sinkt die Wohnattraktivität erheblich.

Was machen Sie mit der ganzen Ware aus der Vorsaison?

Wir haben zwei große Lagerflächen, die sind zwar voll – aber noch funktioniert es. Umso wichtiger ist es für uns, dass wir online weiter verkaufen und einen Ausblick auf geregelte Verhältnisse bekommen. Diese Ware kommt irgendwann auf den Markt.

Graut Ihnen vor dieser Zeit und den Preiskämpfen?

Ich glaube nicht, dass man dem ausweichen kann. Insbesondere im Modegeschäft. Wieder ein Beispiel für die schlechte Ausgestaltung der Überbrückungshilfe III. Im Mode-Handel können Händler Saisonware, die diese belastet, angeben. Und zwar mit der Differenz aus Einkaufskosten und dem vermuteten Abgabepreis.

Was ist die Folge?

Händler, die zu wenig Lagerkapazität haben, werden die Ware sogar zum Einkaufspreis oder darunter verkaufen, einfach um Flächen freizubekommen: entweder ins Ausland oder an sogenannte Aufkäufer. Diese bieten die Ware nach dem Lockdown weit unterhalb des eigentlichen Wertes an und werden so zur Konkurrenz des Händlers, der sie im Voraus verkauft hat. Das setzt sehr ungünstige Mechanismen in Gang. Die Preisspirale dreht sich nach unten, die Margen sinken weiter.

Ohne Schuhpflege geht Friedrich Werdich nicht aus dem Haus. Foto: Matthias Kessler

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Erstellt:
12. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2021, 06:00 Uhr

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