Nahrungsergänzungsmittel

Klein, bunt, gesund?

Sie sollen die Menschen fitter machen und sogar vor Covid-19 schützen. Doch die meisten Präparate sind nutzlos – einige sogar gefährlich.

03.05.2021

Von MICHAEL GABEL

Nahrungsergänzungsmittel Gesundheit zum Schlucken? Foto: Georg Wittmann/epd

Berlin. Sie werden als Helfer in allen Lebenslagen angepriesen: Nahrungsergänzungsmittel in Tabletten-, Kapsel- oder Pulverform. Doch die Gesundheitswirkung der meisten Präparate ist nicht belegt. Manche können sogar Schaden anrichten. Nun befassen sich Bundestag und EU mit dem Thema. Ein Überblick.

Das Versprechen Gesund leben, so heißt es in der Werbung, ist ganz einfach – es reicht, eine Pille zu schlucken oder ein Pülverchen zu sich zu nehmen, und schon laufen von Gelenkschmerzen geplagte Senioren über die Wiese, nehmen Reizdarmgeschädigte wieder am gesellschaftlichen Leben teil, werden Hänflinge zu Muskelprotzen. Und vor allem: Potenziell tödliche Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislaufschwäche und Covid-19 verlieren dank der Einnahme der Mittel ihren Schrecken. Die Industrie für Nahrungsergänzungsmittel spart nicht an derartigen Versprechungen. Nur: Einer wissenschaftlichen Überprüfung halten diese Behauptungen in kaum einem Fall stand. Zu den scharfen Kritikern der Branche zählt Johannes Wechsler vom Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner. „Für die meisten dieser Präparate werden Heilsversprechungen gemacht, die durch keine Studie belegt sind“, sagt der Professor an der Technischen Universität München dieser Zeitung.

Was ihn besonders stört: Die Zufuhr von Vitaminen, Spurenelementen, Mineralstoffen und Proteinen sei oft nicht nur ohne Nutzen, sondern sogar gefährlich. Als Beispiel nennt er die Eiweißpräparate beim Fitnesstraining und für Bodybuilder. „Die Einnahme solcher Mittel kann zu schweren Schäden an der Niere führen“, sagt Wechsler.

Beim Verbraucherzentrale Bundesverband sieht man die Versprechungen ähnlich kritisch. „Sehr viel wird für Produkte auf pflanzlicher Basis geworben, deren Wirkungen angeblich seit Jahrhunderten erprobt sind“, sagt Lebensmittelexpertin Christiane Seidel. So werde zum Beispiel das aus dem Mittelmeerraum stammende Zistrosekraut als angeblich keimtötend und Allzweckmittel gegen Akne, Neurodermitis, Mandelentzündung, Zahnfleischentzündung und Erkältung angepriesen. „Alles oft nur Geldschneiderei“, sagt Seidel.

Und in vielen Fällen seien die Mittel auch nicht harmlos: So verkehre sich die angeblich segensreiche Wirkung von Gingko – soll gegen Gedächtnisprobleme helfen – ins Gegenteil, wenn Menschen gleichzeitig Blutverdünner einnehmen. „Gerade bei Operationen kann diese Kombination gefährlich sein“, warnt Seidel.

Da stellt sich die Frage: Woher kommt die Faszination vieler Menschen für die sogenannte Paramedizin eigentlich? Ernährungsmediziner Wechsler erklärt das mit Bequemlichkeit: „Es fällt leichter, ein paar bunte Kügelchen einzunehmen, als seinen Lebensstil nach den Erkenntnissen der Medizin auszurichten – also zum Beispiel auf das eigene Gewicht zu achten, sich viel an der frischen Luft zu bewegen und das eigene Suchtpotenzial bei Alkohol und Zigaretten zu erkennen.“

Der Markt Wie viel Geld genau die Deutschen für Nahrungsergänzungsmittel ausgeben, lässt sich nicht ermitteln. „Der Markt ist sehr zerstückelt“, sagt Verbraucherschützerin Seidel. Angeboten werden die Produkte in Drogeriemärkten, Apotheken, bei kleinen Händlern, aber auch bei Discountern. „Und im Internet, mit Bezugsquellen, die auch in Russland oder China sein können.“ Allein die Apotheken setzen mit den Präparaten Jahr für Jahr mehr als zwei Milliarden Euro um. Den Gesamtmarkt schätzt Seidel auf ein Vielfaches. Untersuchungen haben ergeben, dass ungefähr ein Drittel der Deutschen regelmäßig zu diesen Mitteln greift.

Die Kontrollen Union, SPD und Grüne sind zwar für mehr Kontrollen, streiten aber über den richtigen Weg. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) verweist darauf, dass die EU eine entsprechende deutsche Initiative aufgegriffen hat und wird von den Regierungsfraktionen unterstützt. Die Ernährungsexpertin der Grünen-Bundestagsfraktion, Renate Künast, befürchtet, dass das Thema auf die lange Bank geschoben wird und fordert ein nationales Vorgehen. „Solange die EU tatenlos bleibt, ist es Aufgabe der Ministerin, die Zügel in die Hand zu nehmen und nationale Spielräume zu nutzen“, sagt sie dieser Zeitung. Dazu haben die Grünen eine Gesetzesinitiative gestartet, über die gegenwärtig im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft beraten wird. Gefordert wird darin „eine staatliche Zulassungspflicht mit einer behördlichen Sicherheitsprüfung“ sowie eine staatliche Stelle, bei der Verbraucher „unerwartete Wirkungen“ eines Mittels melden können. Ziel sei es, „den Markt so zu regeln, dass die schwarzen Schafe verschwinden und gute Produkte weiter angeboten werden können“, betont Künast.

Derzeit gilt in der EU die Nahrungsmittelergänzungs-Richtlinie von 2002, in der keine Höchstmengen von Inhaltsstoffen festgelegt sind. Das ist problematisch, weil die Mittel keine behördlichen Zulassungsverfahren durchlaufen müssen.

Das Fazit Nahrungsergänzungsmittel können zwar im Ausnahmefall Gutes bewirken – Ina Bockholt von der Stiftung Warentest nennt als Beispiele Eisenpräparate für Frauen mit Blutarmut, die Zufuhr des „Fleischvitamins“ B12 an Veganer und manche Vegetarier oder die Gabe von Vitamin D an ältere Menschen, die wenig nach draußen kommen. Aber grundsätzlich gelte: „Das Allermeiste, was die Menschen brauchen, lässt sich gut über die tägliche Nahrung aufnehmen.“ Mediziner Wechsler sieht das genauso. Er sagt: „Nahrungsergänzungsmittel braucht man bei normaler Ernährung nicht.“

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Erstellt:
3. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Mai 2021, 06:00 Uhr

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