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Missbrauchskonferenz im Vatikan

Kirchenkampf auf Katholisch

Ist Papst Franziskus ein Abtrünniger, wie konservative Kritiker behaupten oder korrigiert er Irrwege? Darüber ist ein Streit entbrannt. Er dürfte auch die internationale Missbrauchskonferenz im Vatikan prägen.

18.02.2019

Von ELISABETH ZOLL

Erdrückendes Erbe: Vor der internationalen Missbrauchs- konferenz im Vatikan steht Papst Franziskus unter erheblichem Druck. Foto: Gregorio Borgia/dpa Foto: AP

Mit harschen Worten wird schon lange nicht mehr gegeizt innerhalb der katholischen Kirche. „Dieser Papst erschüttert uns zutiefst“, formulierte Davide Pagliarani, der Generalobere der traditionalistischen Piusbruderschaft, die zum rechten Rand des katholischen Spektrums zählt. Der erzkonservative Kleriker steht nicht allein. Auch andere Konservative wie der amerikanische Bischof Raymond Leo Kardinal Burke bezichtigen Franziskus immer unverhohlener der Häresie, des Abfalls von der reinen Lehre. Der Papst ein Abtrünniger? Ein Zerstörer des katholischen Glaubens?

In der katholischen Kirche tobt ein Richtungsstreit, manche sprechen von „Bürgerkrieg“ hinter heiligen Mauern. Es geht um den Kurs der katholischen Kirche und damit verbunden um die Deutungshoheit über das Pontifikat von Papst Franziskus. Führt der Argentinier die Weltkirche an den Abgrund oder öffnet er sie für die Menschen der heutigen Zeit?

Rechte Papst-Kritiker stoßen sich am Entgegenkommen des Papstes bei der Kommunion für Geschiedene, lehnen Einladungen zu den Sakramenten für nicht-katholische Ehepartner ab, deuten Überlegungen zum Diakonat der Frau gar als Einfallstor für ein späteres Frauenpriestertum und werfen dem Papst insgesamt vor, zu viel auf die Gewissensfreiheit des Einzelnen zu setzen und zu wenig auf kirchliche Lehrsätze. Auch seine Kapitalismuskritik („diese Wirtschaft tötet“) hat dem Kirchenoberhaupt Feindschaft eingebracht. Vor allem in den USA, wo ultrakonservative Netzwerke um den einstigen Trump-Vertrauten Stephen Bannon Widerstand gegen den Pontifex organisieren.

Die Krankheit der Kirche?

Und doch spaltet die katholische Kirche derzeit nichts so sehr wie Debatten über die Sexualmoral und damit verbunden die Bewertung von Homosexualität. Ist diese sexuelle Neigung die Ursache für sexuelle Verbrechen von Klerikern an Kindern und damit der Auslöser der größten Kirchenkrise der jüngeren Zeit, wie gerade konservative Kirchenmänner steif und fest behaupten oder liegen die Wurzeln der Verbrechen tiefer: in der unreifen Sexualität mancher Amtsträger, einem fehlgeleiteten Priesterbild und üblem Machtmissbrauch? Ist also, wie Hans Zollner, Jesuitenpater und Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, formuliert, „der Missbrauch selbst die Krankheit der Kirche“ oder muss er verstanden werden als „ein Symptom für ein wesentlich breiteres Krankheitsbild?“

Die Frage wird zum Schlüsselthema der Konferenz, zu der Franziskus alle Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen in den Vatikan einbestellt hat. Noch vor dem Auftakt am Donnerstag erfolgte am Wochenende ein Paukenschlag: Papst Franziskus entfernte den 88-jährigen amerikanischen Kardinal Theodore McCarrick wegen sexueller Verbrechen aus dem Priesterstand. Eine Handlung als Signal? Die Konferenz wird Aufschluss geben, ob die katholische Kirche bereit ist, als Reaktion auf den Skandal Strukturen und Priesterbild zu überdenken.

Prominente Katholiken warnen

In Deutschland haben gerade prominente Katholiken in einem Schreiben an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, davor gewarnt, den Eindruck zu vermitteln, „es solle am Ende doch alles beim alten bleiben.“ Die Kirche müsse sich systemischen Risiken stellen. „Die Aussicht auf Macht in Männerbünden zieht Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockieren notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse,“ formulieren unter anderem die Jesuitenpatres Klaus Mertes und Ansgar Wucherpfennig, der langjährige Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen. Weil dieser unter anderem Segensfeier für homosexuelle Paare befürwortet hatte, musste er lange um die Verlängerung seiner Lehrbefugnis bangen.

Diese Sichtweise wird von vielen Bischöfen nicht geteilt. Diese deuten die Verbrechen an Kindern als negativen Ausfluss sexueller Liberalität und wollen dafür vor allem Homosexuelle verantwortlich machen. Gerade behauptete der von Franziskus entlassene frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“: Kein Mensch werde gottgewollt als Homosexueller geboren. Sondern als Mann und Frau.

Gerhard Ludwig Müller. Foto: Lena Klimkeit/dpa

Mit Sätzen wie diesem grenzt er sich ab von der Linie Papst Franziskus. Das Kirchenoberhaupt hatte bereits 2013 auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro seinen Linie markiert: „Wer bin ich, über Homosexuelle zu richten“ sagte Franziskus vor Journalisten – und sorgte damit für Erstaunen. Ein Papst der sexuelle Minderheiten annimmt, nicht verurteilt?

Sexual- und Moralfragen spalten die katholische Kirche. Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat sich im Lager entschiedener Kritiker positioniert. Scharf brandmarkt er den „Ungeist“, dass die Offenbarung Gottes an die Welt angepasst werde, „damit einem Leben nach den eigenen Lüsten und Bedürfnissen nichts mehr im Wege steht.“ Nicht die Entscheidungs- und Gewissensfreiheit des Einzelnen könne Leitschnur sein, sondern allein Dogmen und Lehre. Und diese weiche Franziskus auf mit seiner Interpretation von Barmherzigkeit.

Die Konferenz in Rom wird zeigen, ob die katholische Kirche zu einer Neubesinnung und zur Öffnung fähig ist oder ob jene die Deutungshoheit an sich reißen können, die um keinen Preis Veränderung wollen.

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Erstellt:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2019, 06:00 Uhr

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