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Tübingen · Verkehr

Reportage: Ein Samstag im kostenlosen Stadtbus

Der kostenlose Samstagbus zieht deutlich mehr Fahrgäste an. Nicht alle sind freundlich. Busfahrer berichten von ihren Erfahrungen.

19.10.2019

Von Miri Watson

Noch mehr Fahrgäste als unter der Woche nutzen den Umsonst-Samstagsbus, hier an der Haltestelle Stadtgraben. Bild Uli Rippmann

Da geht es schlimmer zu als in Klein-Chicago!“, schrieb kürzlich der Busfahrer Reinhardt Kuch in einem Leserbrief an das TAGBLATT, in dem er seinem Ärger über unhöfliche Fahrgäste und Verkehrsregeln missachtende Radfahrer Luft machte. Schlimm sei es „vor allem am Samstag, am Schmarotzertag, wenn Busfahren umsonst ist“, schrieb Kuch. Um herauszufinden, ob auch andere Busfahrer in Tübingen ähnliche Erfahrungen machen, waren wir am Samstag mit den kostenlosen Bussen unterwegs und haben mit den Fahrern gesprochen.

Sehr ruhig ist es am Samstagvormittag in der Linie 7 Richtung Pfrondorf, die um 10.07 Uhr am Hauptbahnhof abfährt. Die meisten Sitze sind noch leer und die wenigen Fahrgäste, die einsteigen, nicken dem Busfahrer Hakan Cayhan freundlich zu.

Cayhan ist Busfahrer aus Leidenschaft, seit 1990 fährt er in Tübingen. Schon sein Vater war Busfahrer, auch Cayhans ältester Sohn fährt, und der jüngste macht gerade den Bus-Führerschein. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt Cayhan und erzählt, dass er an dem Tag anfing, Bus zu fahren, an dem sein Ältester geboren wurde. Zum Brief seines Kollegen sagt er: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ich schaffe gerne in Tübingen – wenn man nett zu den Fahrgästen ist, dann sind sie auch nett.“

30 Prozent mehr

Bis nach Pfrondorf bleibt der Bus fast leer, auf dem Rückweg nach Tübingen füllt er sich aber schnell, so dass bald nicht nur die Sitzplätze belegt sind, sondern auch der Gang mit stehenden Fahrgästen gefüllt ist. Eine Dame mit Kinderwagen, die an der Haltestelle wartet, winkt ab: „Ich nehme den nächsten Bus“, sagt sie.

Um etwa 30 Prozent hat sich die Zahl der Fahrgäste an den Samstagen gesteigert, nachdem im Februar 2018 der kostenlose Samstagsbus eingeführt wurde. Das merken auch die Busfahrer: „Die Busse sind samstags extrem voll, dafür sind die Straßen ein bisschen leerer“, so Cayhan. Vor allem seien es viele Leute mit Kinderwägen und Kindern, die jetzt den Bus führe ihre Wochenendausflüge nutzen würden, anstatt mit dem PKW zu fahren. „Am Samstag sollten die Zeiten geändert werden – die Busse sind überfüllt, daher verzögern sich die Abfahrtszeiten und wir brauchen länger für die Strecken als normal“, sagt Cayhan.

Der Bus der Linie 17, die um 12.45 Uhr am Hauptbahnhof Richtung Wanne Kunsthalle fährt, ist schon am Bahnhof gut mit Menschen gefüllt; komplett überfüllt wird der Bus aber weder auf der Strecke auf den Berg, noch auf der Rückfahrt als Linie 13 ins Französische Viertel sein. Busfahrer ist Rasim Agovic: „Für mich ist alles okay. Samstags sind es mehr Fahrgäste, mehr Kinderwägen, da ist es ein bisschen stressiger“. Er ist Tübinger Busfahrer seit 19 Jahren; Probleme mit den Fahrgästen hatte er immer wieder, aber nie so, dass es ihm nachhängt. „Ich war noch nicht vor Gericht mit einem Fahrgast“, sagt er.

Kostenloses Training

Andere Probleme hat er aber: Durch das viele Sitzen hatte er erst Schmerzen im Rücken, inzwischen schmerzt seine Schulter. Das Unternehmen „Tübus“ bietet den Fahrern deswegen an, kostenlos in den Kliniken zu trainieren. Das ist gut, findet Agovic, was aber noch besser wäre: Mehr Lohn. „Wir verdienen zu wenig, Bus zu fahren ist eine verantwortungsvolle Aufgabe.“

Oleg Arent, der am Nachmittag den Bus der Linie 13 fährt, der um 16.18 Uhr vom Hauptbahnhof Richtung Französisches Viertel startet, stimmt seinem Kollegen da zu: „Es kommen keine jungen Leute zu uns, denn der Führerschein ist zu teuer und die Neuen verdienen noch weniger als wir“, so Arent.

Seit neun Jahren ist er Busfahrer hier und findet: „Tübingen ist eine schwierige Stadt. Ich werde oft von Fahrgästen beleidigt, dem einen fährst du zu schnell, dem anderen zu langsam.“ Am Samstag seien die Ausflügler mit Kindern oder Fahrrädern besonders schlimm: „Die Leute verstehen nicht, dass ich nur vier Kinderwägen mitnehmen darf“, so Arent. Auch in der Nacht würde er nur ungern fahren – gerade die alkoholisierten Passagiere seien oft sehr unhöflich. „Wirklich, manchmal denkst du, die Leute meinen, sie seien nur für sich da“, sagt Arent.

Zur Entstehung

Seit Februar 2018 gibt es den ticketfreien Samstag im Tübus: Fahrgäste dürfen jeden Samstag alle Tübus-Linien nutzen, ohne ein Ticket kaufen zu müssen. Das hat der Gemeinderat im Rahmen des Haushalts 2018 und 2019 beschlossen. Die Aktion gilt zunächst bis Ende 2019. Eine Bürgerbefragung zum ticketfreien Nahverkehr ist angedacht. Diesen Grundsatzbeschluss hat der Gemeinderat im Mai 2017 gefasst.

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Erstellt:
19. Oktober 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Oktober 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 01:00 Uhr

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