Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Stuttgarter Flughafen

Kerosin-Pipeline steht auf der Kippe

Der Bau der Versorgungsleitung zum Flughafen Stuttgart wird womöglich abgeblasen. Mehr als 100 Grundstückseigentümer verweigern das Durchleitungsrecht.

31.12.2018

Von RAIMUND WEIBLE

Ein Mitarbeiter betankt ein Flugzeug mit Kerosin. 220 Millionen Liter werden jährlich geliefert noch per Lkw. Foto: Flughafen Stuttgart

Stuttgart. Der damalige Flughafen-Chef Georg Fundel war sich der Schwierigkeit des Vorhabens bewusst, als das Pipeline-Projekt im Mai 2014 formal auf den Weg gebracht wurde. Dennoch war Fundel überzeugt davon, dass mit dem Bau der geplanten Pipeline zur Versorgung des Flughafens mit Kerosin 2016 begonnen und sie 2017 in Betrieb gehen wird.

Von diesem Zeitplan ist inzwischen keine Rede mehr – das Vorhaben hat sich als noch diffiziler erwiesen als erwartet. „Wir tun uns nach wie vor schwer mit der Sicherung der Durchleitungsrechte“, räumt ein Flughafensprecher ein. Vorgesehen ist, dass sich der Flughafen mit einer Leitung ans Mitteleuropäische Pipeline-System CEPS andockt, das vom badischen Kehl über Tübingen nach Aalen verläuft. Die Übergabestelle ist in der Neckargemeinde Oberboihingen im Kreis Esslingen geplant. Grob gesagt, soll die gewünschte Trasse entlang der Autobahn A 8 zum Airport verlaufen. Dafür müsste eine 19 Kilometer lange Leitung gebaut werden, die in 1,20 bis 1,50 Meter Tiefe verlegt wird.

Doch dazu benötigt die Flughafen GmbH, die zu 65 Prozent dem Land und zu 35 Prozent der Stadt Stuttgart gehört, die Zustimmung von rund 700 Grundstückseigentümern. „Ein Mega-Puzzle“, so der Sprecher. Im Auftrag des Flughafens verhandelt die „KommunalBeratung & Infrastrukturentwicklung GmbH“ mit jedem einzelnen Eigentümer. „Ein Großteil der Rechte haben wir uns gesichert“, sagt der Sprecher. Doch zahlreiche potenzielle Vertragspartner sperren sich. Nach Angaben von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der dem Flughafen-Aufsichtsrat vorsitzt, sind mehr als 100 Grundstückseigentümer nicht bereit, ihr Gelände unterfahren zu lassen. Als problematisch erweist sich auch die Führung der Trasse auf der Gemarkung der Gemeinde Unterensingen im Neckartal. 2015 lehnte der Gemeinderat die vorgeschlagene Trasse ab und verlangte, den Abstand zwischen Leitung und Ortsrand zu vergrößern. Dann aber würde die Pipeline das Naturschutzgebiet „Am Rank“ (Röhmsee)“ durchschneiden. Ob das Regierungspräsidium diese Trasse genehmig, ist fraglich.

Wegen der Weigerung zahlreicher Grundstückeigentümer prüft der Flughafen alternative Streckenverläufe, insbesondere auf öffentlichem Boden. Doch auch die Umplanung birgt Probleme. Die Strecke verlängert sich dadurch, und damit steigen auch die Kosten. Außerdem könnte es mit weiteren Eigentümern Schwierigkeiten geben.

Gefährlich und umweltschädlich

Von der Sinnhaftigkeit des Projekts sind die Flughafenbetreiber weiter überzeugt. Derzeit versorgt sich der Airport über die Straße. Jedes Jahr bringen 7500 Laster über 220 Millionen Liter Kerosin zu den Tanks des Flughafens. Das sind pro Tag über 30 Fuhren. Noch ist kein Transporter verunglückt, doch eine Havarie könnte schlimme Folgen haben. Neben der Verkehrssicherheit gibt es auch ein ökologisches Argument für das Pipeline-Projekt, und dieses ist Hermann sehr wichtig: Die Tankwagen verpesten jedes Jahr die Luft mit 750 Tonnen Kohlendioxid, vom Stickstoff und Feinstaub gar nicht zu reden. Das könnte mit der Pipeline vermieden werden. Und es gibt es noch einen finanziellen Grund. Auf Dauer kommt laut den ursprünglichen Berechnungen die Pipeline billiger als der Transport über die Straße.

Inzwischen tut sich ein weiteres Problem auf. Ein Hauptlieferant besteht laut Hermann auf den Transport über die Straße. Denn 2013 kamen zwei Drittel des Treibstoffs vom 66 Kilometer entfernten Tanklager Heilbronn. Inzwischen sind die Wege kürzer, weil ein Hauptversorger aus Plochingen liefert. Hermann: „Die Voraussetzungen sind heute anders als noch vor Jahren.“

Der Airport-Sprecher lässt sich auf keinen Zeitpunkt mehr festlegen, zu dem der Flughafen den Antrag auf Planfeststellung einreicht. „Den Antrag reichen wir erst ein, wenn er eine Reife hat, die erfolgversprechend ist“, sagt der Sprecher. Das werde der Fall sein, wenn der Flughafen im Besitz von 90 Prozent der Überleitungsrechte ist.

Auf die Möglichkeit, die Eigentümer zu zwingen, verzichtet der Flughafen. Dazu müsste der Landtag ein Enteignungsgesetz erlassen – so wie 2009 bei der Ethylen-Rohrleitung von Bayern zu BASF in Ludwigshafen. „Diesen Ansatz verfolgen wir nicht“, versichert der Sprecher. Beim ganzen Geschehen haben die Flughafenmanager selbstverständlich die Kosten im Blick. Bisher gingen sie von zehn Millionen Euro aus. Doch je länger das Verfahren dauert, umso höher werden die Ausgaben. „Es gibt einen Punkt, an dem wir sagen, es lohnt sich nicht mehr“, sagt der Sprecher.

Dass die Flughafen GmbH ihre Pläne begraben könnte, wenn sich unüberwindbare Hindernisse aufbauen, hatte Fundel schon 2014 angekündigt – mit den Worten: „Das wäre kein Weltuntergang.“ Über das weitere Prozedere entscheidet laut Hermann der Aufsichtsrat. Das Gremium wolle sich alle Optionen offen lassen.

Zum Artikel

Erstellt:
31. Dezember 2018, 11:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Dezember 2018, 11:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Dezember 2018, 11:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+