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Kempten sucht Normalität
Alles wie immer? Zumindest strömten gestern sehr viele Kunden in das Kemptener "Forum Allgäu", nachdem dort tags zuvor ein 26-Jähriger einen 22 Jahre alten Mann scheinbar wahllos niedergestochen hatte. Foto: Tobias Knaack
Mann tötet Mitbewohner mit Beil und sticht in Einkaufsmeile Kunde nieder

Kempten sucht Normalität

Ein Mann hat am Montag in Kempten seinen Mitbewohner erschlagen und dann in einem Einkaufszentrum scheinbar wahllos einen Kunden niedergestochen. Der 26-Jährige kam in eine psychiatrische Klinik.

30.12.2015
  • TOBIAS KNAACK

Kempten. Am Tag danach bemüht sich Kempten um Normalität. Zumindest äußerlich lassen sich die Bewohner und Besucher der Stadt im Allgäu nicht anmerken, was sie fühlen, einen Tag, nachdem ein 26-Jähriger im Einkaufszentrum "Forum Allgäu" scheinbar wahllos auf einen 22-Jährigen eingestochen und zuvor seinen 50-jährigen Mitbewohner in der gemeinsamen Wohnung mit einem Beil getötet haben soll. In Massen strömen die Menschen in die Einkaufsmeile am August-Fischer-Platz.

Davon, dass sich hier am Montagabend eine wilde Attacke auf einen Unschuldigen zugetragen hat und offenbar nur das beherzte Eingreifen von zwei Haustechnikern und zweier Kunden Schlimmeres verhindert hat, ist nichts zu spüren - und zu sehen. Mittags sind die Schlangen im so genannten Foodcourt mit seinen Restaurants und Imbissen lang, die Eiscafés voll. Auch auf der Ebene, auf der sich am Vorabend der Messer-Angriff zugetragen hat. Drei Männer sitzen nicht weit entfernt vom Ort des Geschehens vom Montagabend auf Massagesesseln. Eine Frau trägt Silvesterknaller davon. Ansonsten Menschen mit Tüten. Tüten, Tüten, Tüten. Es wirkt wie der normale nachweihnachtliche Wahnsinn aus Umtauschen und Gutscheineinlösen.

Die beiden Verkäuferinnen eines Schuhgeschäftes im Erdgeschoss 2, der Ebene, auf der sich die Tat am Montag abgespielt hat, sehen keine große Veränderung zum sonstigen Treiben zwischen den Feiertagen. Sie selber haben am Montagabend nicht gearbeitet. Ein paar Kunden hätten sich allerdings nach den Geschehnissen erkundigt. Mehr aber auch nicht. Nach einiger Zeit erst kommt die erste Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes vorbei.

Nach der Attacke vom Montag hat Centermanagerin Ekaterina Avdosyeva das Sicherheitspersonal aufgestockt. Es ist Teil eines Sicherheitsplanes, der beim Hamburger Center-Betreiber ECE greift. Die weiteren Maßnahmen wollte Avdosyeva nicht nennen. Nur so viel: Die erhöhte Sicherheit werde für die nächsten Monate gelten. "Wir, die Mitarbeiter und vor allem die Kunden sollen sich sicher fühlen." Deshalb habe sie auch bereits am Morgen angefangen, Gespräche mit den Geschäften aufzunehmen und die Mitarbeiter zu informieren.

Am Montagabend gegen 19 Uhr hatte ein 26-Jähriger einen 22 Jahre alten Mann nach Polizeierkenntnissen offenbar grundlos mit einem Messer attackiert. Dabei verletzte er diesen im Halsbereich schwer. Das Opfer musste wegen der Stichverletzungen notoperiert werden. Es befindet sich aber nicht mehr in Lebensgefahr. Andere Kunden, aber auch zwei Haustechniker schritten laut Centermanagerin Ekaterina Avdosyeva ein und hielten den Täter bis zum Eintreffen der Polizei fest. "Das ging schnell", sagt sie, sie schätzt "sieben Minuten".

Beim Versuch, dem 22-jährigen Opfer zu helfen, wurden vier Personen leicht verletzt. Auch sie mussten in einem Krankenhaus behandelt werden. Michael Haber, Leiter der Kriminalpolizei Kempten, äußerte sich "froh, dass sich im Einkaufszentrum schnell mehrere Personen zusammen taten und den Angreifer überwältigten. Ich bin mir sicher, dass sie dadurch wesentlich Schlimmeres verhinderten."

Nachdem der 26-Jährige vorläufig festgenommen war, machte er die Polizisten auf eine tote Person in seiner Wohnung in der Kemptener Stiftstadt aufmerksam. Noch in der Nacht fanden die Beamten dort eine leblose Person, deren Identität zunächst unklar blieb. Im Laufe des gestrigen Tages konnte das männliche Opfer jedoch als der 50-jährige Mitbewohner des 26-Jährigen identifiziert werden. Der gestand, seinen Mitbewohner mittags mit einem Beil getötet und die gemeinsame Wohnung verlassen zu haben.

Der Festgenommene wurde noch gestern auf Antrag der Staatsanwaltschaft Kempten dem Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Kempten vorgeführt. Dieser erließ einen Unterbringungsbefehl in einer psychiatrischen Klinik. Derzeit geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass das Motiv für die Taten in einer möglichen krankhaften seelischen Störung des Täters zu suchen ist.

Am Tag nach den beiden Taten bemüht sich Kempten um Normalität. Und dennoch, unberührt ist keiner. Stellvertretend für viele andere Besucher des Einkaufszentrums sagte Günther Endler: "Man hat es im Hinterkopf."

Messerattacke: Vorwurf der versuchten Tötung

Ablauf Nach Auskunft von Center-Managerin Ekaterina Avdosyeva seien kurz nach dem Angriff des 26-Jährigen um 19 Uhr mehrere Anrufe bei der Polizei eingegangen. Die Situation sei zügig im Griff gewesen und nur ein Teil des Erdgeschosses 2, der Ebene, wo die Tat stattfand, habe gesperrt werden müssen. Auch Avdosyevas Vertreter sowie Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes seien schnell vor Ort gewesen, sagte sie.

Aggressiv In Stuttgart wurde erst im November einem 18-Jährigen versuchte Tötung vorgeworfen. Er soll einen Kontrahenten, mit dem er in Streit geraten war, mit einem Messer schwer an Bein und Oberkörper verletzt haben. Dem 26-jährigen Kemptener wird in Bezug auf die Messerattacke im Kemptener Einkaufszentrum ebenso versuchte Tötung vorgeworfen. Das 22-jährige Opfer soll er laut Polizei nicht gekannt haben.

Allgäu Das „Forum Allgäu“ in der Kemptener Innenstadt gehört dem Hamburger Center-Betreiber ECE – so wie zum Beispiel auch die Glacis-Galerie in Neu-Ulm. Das „Forum Allgäu“ ist mit 90 Fachgeschäften und rund 23 000 Quadratmetern Verkaufsfläche das größte Einkaufszentrum im Allgäu. Mit dem Bau des Einkaufszentrums wurde 2001 begonnen, Fertigstellung und Eröffnung waren im Jahr 2003, also zwei Jahre später. tk

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30.12.2015, 08:30 Uhr
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