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Rechtsmediziner Michael Tsokos und Co-Autor Andreas Gößling über ihre True-Crime-Thriller

"Keller lösen Urängste aus"

Prof. Michael Tsokos ist Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner - und mit Andreas Gößling Autor von True-Crime-Thrillern. Nach "Zerschunden" bringen sie demnächst "Zersetzt" heraus.

04.03.2016
  • GÜNTER KEIL

In Ihrem neuen Thriller "Zersetzt" spielt ein Handlungsstrang in einem Keller. Ihre Hauptfigur, der Rechtsmediziner Fred Abel, arbeitet im Untergeschoss. Was reizt Sie am Keller?

MICHAEL TSOKOS: Das ist ein klassisches Horrorelement. Die Angst, ins Dunkle hinuntergehen zu müssen, kennen viele Menschen. Keller scheinen Urängste auszulösen und spielen in der Spannungsliteratur eine wichtige Rolle, auch im Kino. Dazu kommt: Früher waren Keller die einzigen kühlen Räume zur Lagerung von Leichen.

Wie ist das heute - arbeiten Rechtsmediziner tatsächlich im Keller?

TSOKOS: Wir haben in Berlin zwar Kühlräume und eine Asservatenkammer im Keller, aber wir sezieren im Erdgeschoss. Das hat den großen Vorteil, mit Tageslicht zu arbeiten. So können wir Befunde besser sehen, und ihre Farbe wird nicht von künstlichem Licht verfälscht.

Wie nah an der Realität sind Ihre True-Crime-Thriller?

TSOKOS: Sehr nah. Die Fälle sind zu 80 bis 90 Prozent real. Was in "Zerschunden" und "Zersetzt" steht, ist wirklich passiert. Selbstverständlich verfremden wir vieles, aber nur die Figuren und ihre Interaktion sind fiktional.

ANDREAS GÖSSLING: In der Praxis sieht das so aus, dass wir 40 Seiten Material haben und daraus einen Roman mit 400 Seiten machen.

Wie arbeiten Sie?

GÖSSLING: Wir treffen uns zunächst bei mir und lassen unseren Gedanken freien Lauf. Wir diskutieren und tauschen uns über neue Ideen aus. Diese Gespräche zeichnen wir auf. Sie sind die Grundlage für jedes Buch.

TSOKOS: Das Setting steht relativ schnell fest, danach schreiben wir getrennt weiter. Zu unseren Treffen bringe ich übrigens auch immer einige Mappen aus der Rechtsmedizin mit. Das sind Obduktionsprotokolle und Ermittlungsakten, um die herum wir die Geschichten bauen. Wichtig sind auch Originalfotos.

Wie fühlen Sie sich dabei, Herr Gößling?

GÖSSLING: Ich brauche so etwas nicht jeden Tag. Aber da ich nicht permanent mit Toten zu tun habe, sind solche Aufnahmen sehr wichtig. Nur wenn ich weiß, wie die Leichen aussehen, kann ich sie und das Leiden, das die Opfer erlebt haben, authentisch beschreiben.

Das Label "True-Crime-Thriller" ist sehr frisch. Betrachten Sie Ihre Bücher als Werke eines neuen Genres?

TSOKOS: Wir haben diese Gattung vielleicht nicht erfunden, aber auf jeden Fall wiederbelebt und weiterentwickelt. Der Begriff "True Crime" ist allerdings tatsächlich neu - er stammt vom Droemer-Programmchef Steffen Haselbach.

GÖSSLING: Die Zeit war reif für diese Form. Je solider das Fundament aus Fakten und Realität, auf dem die Fiktion aufbaut, desto dichter die Atmosphäre und desto intensiver das Leseerlebnis. Inzwischen sind wir darin ein gut eingespieltes Team.

In "Zersetzt" reist Fred Abel nach Transnistrien, um einen bizarren Fall zu lösen: Zwei völlig zersetzte Leichen sind in Metallfässern aufgefunden worden. Basiert das auf einem echten Fall?

TSOKOS: Ja. 2011 erhielt ich eine ganz besondere, ungewöhnliche Anfrage per E-Mail. Darin erkundigte sich eine Anwaltskanzlei, ob ich bereit wäre, in eine in Zentralasien gelegene ehemalige Sowjetrepublik zu fliegen. Dort sollte ich zwei zersetzte Leichen obduzieren.

Wie haben Sie reagiert?

TSOKOS: Als ich sah, dass es in meinem Kalender ein Zeitfenster gab, habe ich zugesagt. Mit einem Privatjet wurde ich mit zwei Kollegen nach Zentralasien geflogen. In der Landeshauptstadt waren sämtliche Straßen komplett für unseren Konvoi gesperrt. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten einer Spezialeinheit waren ständig in unserer Nähe. Im Buch haben wir aus dem Land Transnistrien gemacht. Um auch hier unseren Anspruch zu erfüllen, sehr realitätsnah zu schreiben.

In Ihrem Buch gibt es unglaubliche Szenen in Transnistrien. Fred Abel obduziert 15 Stunden am Stück und die Bedingungen in einer heruntergekommenen Klinik sind katastrophal.

TSOKOS: Fred Abel ist nun einmal ein Actionheld - ich nicht! Andererseits war es tatsächlich unglaublich, auch für mich. Im Sektionssaal war es so dreckig, dass ich glaubte, mit den Schuhen am Boden festzukleben. In einer Ecke lag eine weitere Leiche am Boden, aber niemand kümmerte sich darum.

Wie haben Sie es geschafft, trotzdem 15 Stunden durchzuhalten?

TSOKOS: Das Adrenalin hält einen wach. Und das Jagdfieber, das unsere Hauptfigur empfindet, kenne ich durchaus selbst. Man will einfach wissen, was passiert ist.

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04.03.2016, 08:30 Uhr
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