Lebensende

Keinen Platz zum Sterben in Tübingen

Zuhause sterben will sie nicht, einen Hospiz-Platz bekommt sie nicht und auf der Palliativ-Station kann sie nicht bleiben. Ein Gespräch mit einer Sterbenden.

12.12.2018

Von Lisa Maria Sporrer

Irdische Wünsche hätte sie noch viele, sagt Ulrike Twrdy. Sie würde gerne miterleben, wie ihre Tochter die Ausbildung abschließt. Das wird aber erst in zwei Jahren sein. Soviel Zeit hat Twrdy nicht mehr. Sie hofft, Weihnachten noch zu erleben. Bei ihr ist Oberärztin Christina Paul. Bild: Ulrich Metz

Die Ärzte gaben ihr bis zum Sommer, dem vorletzten Sommer. Jetzt hofft Ulrike Twrdy, bis Weihnachten am Leben zu bleiben. Eine besinnliche Zeit wird die 55-Jährige nicht mehr erleben, nicht im Lichterglanz des Weihnachtsbaums Geschenke auspacken, nicht mit ihren beiden Kindern am Küchentisch sitzen. Sie kann sich kaum noch bewegen. Ihre Knochen sind ausgehöhlt, bei der kleinsten Bewegung drohen sie zu brechen. Ihr Körper liegt still auf dem Klinikbett, als wäre er ein abgelegtes Kleidungsstück. Nur manchmal wird er noch von Krämpfen durchschüttelt.

Ulrike Twrdy ist ihr richtiger Name. Das darf ruhig so in der Zeitung stehen, sagt sie. Nur wo sie wohnt, das soll nicht geschrieben werden. „Nicht, dass dann jemand einfach vor meiner Türe steht.“ Sie überlegt kurz. „Aber da bin ich ja nicht mehr“, sagt Twrdy und lächelt, weil sie weiß, dass sie nicht zuhause sterben wird – nicht zuhause sterben muss. Christina Paul, Oberärztin auf der Palliativ-Station, hat ihr das gesagt, aber formal ist es eigentlich nicht richtig. Die Palliativ-Station im Paul-Lechler-Krankenhaus ist keine Sterbe-Station. Zehn Betten in zehn Zimmern, die Belegungszeit beträgt neun, maximal zehn Tage. Dann müssen die Schwerstkranken entweder nach Hause entlassen werden oder in ein Pflegeheim oder Hospiz überwiesen sein.

Am 30. November wurde Twrdy mit Schmerzattacken in die Tübinger Tropenklinik eingeliefert. Sie leidet an einem Multiplen Myelom, einer bösartigen Knochenmarkserkrankung im Endstadium. 2002 hatte sie bemerkt, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt. Damals konnte sie nicht ahnen, dass sie später mehrmals täglich Transfusionen brauchen und sich nur vom Umdrehen im Bett die Wirbel brechen würde, dass niemand sie mehr in den Arm nehmen darf, weil sie keine Immunabwehr hat. Die letzten 16 Jahre waren wie Bungee-Springen zwischen Leben und Tod, sagt Twrdy. „Das zu verdauen und trotzdem wieder aufzustehen kostet Kraft. Ich habe immer ja zum Leben gesagt. Ich habe gekämpft um das Leben. Jetzt kann ich einfach nicht mehr. Mein Körper kann nicht mehr. Mir das einzugestehen ist die größte Herausforderung.“

Sterbende reden selten über Banalitäten. Es geht um Hoffnung, um Angst, um Trauer und um das Unausweichliche und Unausgesprochene, das endlich ausgesprochen werden kann. Twrdy sieht nicht aus wie eine Todkranke. Eine hübsche Frau, kurze blonde Haare, große freundliche Augen. Auf dem Beistelltisch neben dem Klinikbett stehen Blumen. Ihre Eltern waren da, Mutter 77, Vater 86. Nur wer genau hinschaut, sieht die vielen kleinen blauen Flecken an ihrem Körper. Ihr Blut gerinnt nicht mehr. Der schmale Schlauch, der vom Tropf herunterbaumelt und in ihrer Hand endet, pumpt unaufhörlich schmerzlindernde Medikamente in ihre Adern.

Vor 16 Jahren hatte Twrdy erste Anzeichen von Blutarmut. 2006 bekam sie die Diagnose Blutkrebs, fünf Jahre später brach die Krankheit aus. Aber sie hatte Glück. Noch im selben Jahr, 2011, fand sich ein Stammzellspender. „Schon das grenzt an ein Wunder. Ich hatte nach der Transplantation gute Jahre. Ich durfte glauben, wieder gesund zu werden.“ Aber ihr Körper stieß die Spender-Stammzellen ab. 2015 verschaffte sich die Krankheit mit all ihrer fürchterlichen Macht Raum in ihrem Körper. Twrdy ringt um Worte, weint, schaut hilfesuchend die Ärztin Paul an, die neben ihrem Bett sitzt. Paul sitzt oft bei Twrdy, redet mit ihr, beruhigt sie, hört zu. „Sollen wir aufhören?“, fragt Paul. Twrdy schüttelt den Kopf. „Ich muss nur über den Hubbel hinweg. Helfen Sie mir.“ Dass ihr Mann sie und die beiden Kinder ausgerechnet in dem Augenblick verlässt, als sie ihre Hoffnung verlor, bringt Twrdy nicht über die Lippen.

Aber sie will reden, sie will ihre Geschichte erzählen, die mit der Angst endet, keinen Platz zum Sterben zu haben. Das Paul-Lechler-Krankenhaus hätte Twrdy bereits entlassen müssen. Aber wohin? Zuhause bräuchte sie eine ärztliche 24-Stunden-Versorgung. Zuhause ist aber nur ihre 24-jährige Tochter, alleine mit der Angst um ihre Mutter, konfrontiert mit deren nahendem Tod. Twrdy hat panische Angst davor, dass ihre Tochter sie tot in der Wohnung auffindet. Idealerweise steht für Patienten wie Twrdy ein Hospiz-Platz zur Verfügung. Dort werden sie versorgt, begleitet. Das nächstgelegene Hospiz ist in Eningen unter Achalm, 23 Kilometer von Tübingen entfernt, acht Betten, zuständig für drei Landkreise. Dort gibt es keinen Platz für Twrdy. Vermutlich hätten ihre Knochen die Fahrt nach Eningen ohnehin nicht ungebrochen überstanden.

Hospiz heißt nicht nur: sterben

„Im Leben reden wir selten über den Tod und das Sterben“, sagt Twrdy, die vor ihrer Krankheit Dolmetscherin für Englisch und Französisch war. Noch als sie wusste, dass sie unheilbar krank ist, schob sie es auf, ihre Sachen zu ordnen. „Damit hätte ich mir ja mein Sterben eingestanden“, sagt sie. Zuhause sterben will Twrdy auf keinen Fall. Das Hospiz nimmt sie nicht und auf der Palliativstation kann sie nicht bleiben. „Ich verstehe jetzt die Menschen, die in die Schweiz fahren, um zu sterben“, sagt sie. Weil sie die Angst versteht, keine Hilfe zu bekommen, keine Versorgung, keinen würdevollen Ort für ihre letzten Stunden. Twrdy würde gerne in ein Hospiz, gerne noch einmal Geborgenheit finden. „Früher habe ich immer gedacht, Hospiz heißt nur: sterben. Ich dachte, da verkriecht man sich wie ein Kätzchen, das auf den Tod wartet.“ Heute weiß sie es besser.

Selbst der erfahrenen Oberärztin schießen Tränen in die Augen, wenn sie von der Aussicht auf ein Hospiz redet, von dessen Notwendigkeit, von Würde und von Zeit. „Egal, wie begrenzt auch immer diese Zeit sein wird, in einem Hospiz kann sie gestaltet werden“, sagt Paul. Die Ärztin könnte ihre Patientin Twrdy sterben lassen. Ganz leicht wäre das. Sie müsste nur die Bestellung von Blutplättchen für die Transfusionen, die aus dem Uni-Klinikum geliefert werden, einstellen. „Ich bin Palliativmedizinerin, und ich arbeite für das Leben. Ich arbeite nicht für den Tod“, sagt sie und kämpft gegen die Tränen. Dann wiederholt sie den Satz mit fester Stimme, so als ob sie ihr Berufsethos im Angesicht der sterbenden Twrdy für sich und alle ihre Kollegen vor den Politikern verteidigen müsste, die kein Geld für einen würdevollen Tod bereitstellen: „Wir arbeiten für das Leben“, sagt Paul, und Twrdy lächelt ihr verständnisvoll zu. Nach einer längeren Pause sagt Twrdy dann: „Was ich erlebt habe, kann man sich menschlich nicht vorstellen. Meine Zeit ist jetzt reif, und die größte Prüfung wird sein, meine Kinder loszulassen. Sterben kann man eben nicht lernen. Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Aber die Zeit ist da.“

Am 11. Dezember ist Ulrike Twrdy im Paul-Lechler-Krankenhaus gestorben. Sie wusste, dass der Artikel am Mittwoch erscheinen soll, sie hätte ihn gerne gelesen. Sie wollte die Geschichte ihrer letzten Tage erzählen, von ihren Ängsten und Hoffnungen sprechen. Das kann sie hiermit.

Tagblatt-Spendenaktion 2018

Nächstes Jahr soll in Tübingern der Spatenstich für das Hospiz sein. Rund 1,2 Millionen Euro Spenden fehlen noch für den Bau.

Spenden können Sie auf das TAGBLATT- Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Bitte notieren Sie Ihre vollständige Adresse, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen. Vermerken können Sie auch, wenn Sie nicht erwähnt werden oder ein bestimmtes Projekt unterstützen wollen. „Hospiz“ ist in diesem Jahr Projekt 1, die „Renovierung“ Projekt 2.

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Erstellt:
12. Dezember 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Dezember 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2018, 01:00 Uhr

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