Schule

„Keine toten Kinder riskieren“

An den Plätzen im Klassenzimmer soll das Maskengebot bald wegfallen. Lehrerverbände warnen vor der Lockerung und wollen wenigstens eine Verlängerung bis zu den Herbstferien.

07.10.2021

Von ALFRED WIEDEMANN

Masken am Platz runter? Vom 18. Oktober an soll das auch in Baden-Württemberg gelten. Foto: Patrick Pleul/dpa

Masken am Platz runter? Vom 18. Oktober an soll das auch in Baden-Württemberg gelten. Foto: Patrick Pleul/dpa

Ulm/Freiburg. Anderthalb Wochen, dann fällt die Maskenpflicht am Platz im Klassenzimmer im Südwesten. Die Masken schützten zwar effektiv, sagt Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), sie seien aber problemtisch für den Unterricht. Sollte aber die Corona-Alarmstufe ausgerufen werden, müssten die Masken sofort wieder drauf. Alarm ist gerade nicht in Sicht: 193 Corona-Patienten liegen auf den Intensivstationen. Der Alarmwert ist 390 – oder die Hospitalisierungsinzidenz 12. Die ist aktuell bei 2,11.

Für den Philologenverband ist das kein Grund, auf Masken zu verzichten: „Wir brauchen die Maskenpflicht im Unterricht weiterhin“, sagt Ralf Scholl, Vorsitzender des Landesverbands, „mindestens bis zu den Herbstferien“. Sonst könne schnell wieder ein Lockdown drohen, nicht für die ganze Gesellschaft, sondern nur an den Schulen.

Bisher sei das Wetter gut gewesen und das Infektionsgeschehen einigermaßen im Rahmen geblieben. Unter Kindern und Jugendlichen sei die Inzidenz aber hoch. „Wenn es jetzt kälter bleibt und das Wetter schlechter wird, müssen wir alles unternehmen, damit die Zahlen nicht erneut stark steigen“, sagt Scholl.

Auf die Maskenpflicht könne angesichts der Impfquoten nicht verzichtet werden. Da helfe auch nicht, dass so viele Lehrerinnen und Lehrer geimpft sind. Von den 1,5 Millionen Kindern im Land seien 1,2 Millionen ungeimpft. Auch bei den über Zwölfjährigen, die sich schützen können, seien mehr als zwei Drittel ohne Pieks.

Selbst wenn für 99 Prozent der Jüngeren eine Covid-Infektion leicht verläuft, bleibe das Risiko für einen schweren Verlauf und gravierende Long-Covid-Folgen für ein Prozent. „Das könnte über 10?000 hospitalisierte und 100 tote Kinder in Baden-Württemberg bedeuten“, sagt Scholl: „Wer die Abschaffung der Maskenpflicht fordert, weiß das nicht, glaubt es nicht oder ist bereit, es hinzunehmen. Ich kann das nicht.“

„Völlig unverständlich“ sei deshalb, dass der Kinderärzte-Verband für ein Ende der Maskenpflicht eintrete, sagt Scholl. So groß seien die Belastungen durch Masken nicht. „Viel schlimmer ist, wenn die Kinder wieder zu Hause sitzen müssen, falls erneut Schulen geschlossen werden.“

Die GEW will die Masken auch behalten, vorerst bis zu den Herbstferien. Dann könne man entscheiden, wie es weitergeht, sagt die Landesvorsitzende Monika Stein. Jede Stunde im Klassenzimmer oder in der Kita mit Maske sei eine Belastung für Kinder, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte. „Mit Blick auf die zu niedrige Impfquote und weiter fehlende Sicherheitsmaßnahmen wie Luftreinigungsgeräte bleibt uns derzeit nichts anderes übrig, als weiterhin Masken zu tragen, wenn wir die Präsenz nicht gefährden wollen“, sagt Stein. „Auch wenn kaum Kinder und Jugendliche schwer erkranken, wir wissen noch viel zu wenig über Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Warum jetzt unnötig ins Risiko gehen?“

„Der Verzicht auf die Maske ist eine politische Entscheidung“, sagt der Freiburger Kinderarzt Roland Fressle, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Unter den Kinderärzten seien die Meinungen unterschiedlich. Er halte den Verzicht am Platz im Klassenzimmer für vertretbar. „Das ist ein kalkulierbares Risko.“ Bei einem veränderten Infektionsgeschehen sei auch vorgesehen, sofort zu reagieren und die Masken wieder vorzuschreiben Zudem gebe es Maskenpflicht im Fall von Corona-Fällen, außerdem die Testungen für Ungeimpfte. „Das ist ein Abwägen“, sagt Fressle.

Sehr schwere Covid-Verläufe oder gar tödliche Fälle seien unter Kindern bisher sehr selten, sagt Fressle. Man müsse auch sehen, wie stark zahlreiche Kinder und Jugendliche unter den Corona-Folgen leiden müssen.

Michael Mittelstaedt, Vorsitzender des Landeselternbeirats, ärgert sich über das „Herumeiern“ der Mediziner. „Wir können schon auf die Maskenpflicht im Unterricht verzichten“, sagt Mittelstaedt. „Aber bevor wir lockern, brauchen wir Experten, die uns sagen, dass das gefahrlos möglich ist, dass das für unsere Kinder kein Risiko bedeutet.“

Am schlimmsten seien erneute Schulschließungen, falls es ohne Masken zu Corona-Ausbrüchen komme. „Schulschließungen müssen wir unbedingt verhindern“, sagt Mittelstaedt, Ersatzangebote und Nachholprogramme könnten den Präsenzunterricht nicht ersetzen, das sei inzwischen klar. Jetzt falle die Maskenpflicht zur Grippewelle weg, und die Eltern hörten von ihren Kinderärzten völlig unterschiedliche Meinungen dazu. „Das kann doch nicht sein!“

Zum Artikel

Erstellt:
07.10.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 02sec
zuletzt aktualisiert: 07.10.2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App