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Pauline Henne darf nicht auf dem alten Friedhof beerdigt werden

Keine Ruhestätte fürs Pfrondorfer Ehepaar

Sigrid Henne versteht die Welt nicht mehr: Seit drei Wochen und zwei Tagen liegt ihre tote Mutter im Kühlhaus eines Tübinger Bestattungsunternehmens. Und Verwandte, Nachbarn und Freunde warten darauf, dass die verstorbene Pauline Henne auf dem alten Friedhof in Pfrondorf beerdigt werden kann. Doch das geht nicht.

04.10.2015
  • Christiane Hoyer

Pfrondorf. Dabei haben die Hennes nach dem Tod von Vater Erwin 1980 ein Familiengrab auf dem damals einzigen Friedhof in Pfrondorf für die Dauer von 40 Jahren gekauft. „Für meine Mutter war klar, dass sie da reinkommt, wenn sie stirbt“, sagt Sigrid Henne. Doch seit 1999 existiert in Pfrondorf ein neuer Friedhof, alte Nutzungsrechte werden deshalb nicht mehr verlängert. Sigrid Henne kann das kaum glauben. Denn noch in diesem Jahr, sagt sie, „haben Beerdigungen auf dem alten Friedhof stattgefunden“. Auch ihre Tante wurde hier erst kürzlich bestattet.

Der zuständige Albert Füger von der Stadt Tübingen kann das Unverständnis der Familie zwar nachvollziehen und findet die „Situation unschön“. Andererseits muss er sich an die aktuelle Friedhofssatzung vom 10. Oktober 2011 halten. Und darin steht: „Auf dem alten Friedhof in Pfrondorf werden keine neuen Grabnutzungsrechte vergeben.“ Bei Hennes sind die Nutzungsrechte in fünf Jahren abgelaufen – 15 Jahre zu wenig für die vorgeschriebene „Ruhezeit“ von 20 Jahren. Im Fall Henne, sagt Füger, „haben wir keine Handlungsoption“. Da der alte Friedhof geschlossen werden müsse, dürfe man keine neuen Grabrechte vergeben.

Sigrid Hennes Bruder Egbert wollte diese Begründung allerdings nicht einleuchten. Er schaltete einen Rechtsanwalt ein. Anwalt Andreas Lieb aus Böblingen findet die städtische „Verweigerung der Bestattung unverhältnismäßig“. Er weist das städtische Friedhofsamt darauf hin, dass es bei Hennes um ein bestehendes Nutzungsrecht gehe, das die Familie eben auf 15 Jahre verlängern wolle. In einem regen Schriftwechsel mit der Stadt Tübingen spricht er vom „Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz“, da noch im Jahre 2014 Familiengräber in Ehegattengräber umgewandelt worden seien und stellt die städtische Friedhofssatzung in Frage.

Allerdings räumt Pfrondorfs Ortsvorsteher Siegfried Rapp ein, dass sein Vorvorgänger Wilhelm Röthenbach mit einer noch gültigen Ausnahmeregel dazu beigetragen habe, dass der alte Friedhof anders als beispielsweise in Weilheim immer wieder Bestattungen zulasse. Das betreffe aber nur die speziellen „Ehegattengräber“. Danach dürfen diese Gräber, in denen ein Partner vor Eröffnung des neuen Pfrondorfer Friedhofs 1999 beerdigt wurde, jetzt noch mit dem anderen Partner belegt werden. „Ich hatte in dieser Sache schon mehrere Fälle“, so Rapp. Bei Hennes sei die „Rechtslage jedoch eindeutig“, da es um ein Familiengrab gehe.

Nicht alleine irgendwo ins Grab legen

Abgesehen von der juristischen Streiterei geht es Sigrid Henne um die emotionale Seite. Ihre Mutter habe das Grab in dem Glauben gekauft, dass sie dort gemeinsam mit ihrem Mann in Frieden ruhen könne. Diesen letzten Willen möchten ihr Sigrid Henne und die Geschwister nun erfüllen. Dass dies nicht möglich sein soll, „tut unserer ganzen Familie sehr weh“, sagt sie mit belegter Stimme. Auch all die Anrufe, die sie seit dem Tod ihrer Mutter bekommt, lassen ihr keine Ruhe. Alle wollen wissen, warum Pauline Henne noch nicht beerdigt ist.

Diese hat ihren Ehemann Erwin um 35 Jahre überlebt. Bis auf die letzten Monate ihrer Lebenszeit war Pauline Henne fit und über Jahrzehnte im Sportverein Pfrondorf aktiv, leitete das Kinderturnen und ging noch mit 83 Jahren zum Prellball spielen, berichtet ihre Tochter Sigrid. Am 12. September ist sie im Alter von 95 Jahren gestorben.

Das Familiengrab der Hennes ziert ein Sandstein aus Pfrondorf. Davor steht eine große Blumenschale, zwei in Form geschnittene Buchsbäumchen und Begonien haben Hennes darauf gepflanzt. Sigrid Henne und auch ihre Geschwister wollten kein neues Grab für die Mutter erwerben. „Wir haben schließlich eines“, sagt Tochter Sigrid. Für Füger käme auch eine Ausbezahlung für die restliche Nutzungszeit von fünf Jahren in Frage, wenn Hennes das Familiengrab auflösen wollen. „Wir haben ihren Fall sehr ernst genommen und umfassend beraten“, erklärte Füger dem Rechtsanwalt. Aber die Stadt müsse sich an die Vorgaben halten. „Es tut uns leid, dass wir dem Wunsch der Verstorbenen nicht Folge leisten können.“

Und Sigrid Henne sagt: „Meine Mutter ist mit dem Gedanken gestorben, dass sie jetzt zu ihrem Mann kommt. Da kann ich sie jetzt doch nicht irgendwo allein reinlegen“. Wegen des rechtlich schwebenden Verfahrens wäre zur Zeit eine Bestattung in Pfrondorf auch nicht möglich. Morgen nun soll Pauline Henne nach drei Wochen und zwei Tagen beerdigt werden. Im Familiengrab ihrer Eltern und Geschwister im bayerischen Krumbach. „Wir möchten sie endlich unter die Erde bringen“, sagt Sigrid Henne.

Keine Ruhestätte fürs Pfrondorfer Ehepaar
Tochter Sigrid Henne am Familiengrab auf dem alten Friedhof Pfrondorf.Bild: Metz

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04.10.2015, 12:00 Uhr
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