Daimler

Keine Milde beim Sparen

Trotz überraschend üppiger Gewinne will der Fahrzeugbauer die Reduzierungen bei Personal beibehalten. Probleme mit Bauteilen bleiben bestehen.

22.07.2021

Von THOMAS VEITINGER

Die Felge eines Mercedes-Benz Vision EQS. Nun kommt die Elektro-S-Klasse in die Verkaufsräume. Foto: Silas Stein/dpa

Stuttgart. Wenn Unternehmen vor der angekündigten Veröffentlichung bereits ihre Ergebnisse bekannt geben, bedeutet dies meist zweierlei: die Werte sind sehr schlecht – oder sehr gut. Bei Daimler ist es Letzteres. Das Unternehmen hat bereits in der vergangenen Woche ein um Sondereffekte bereinigtes Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 5,42 Milliarden Euro veröffentlicht – ein Wert, der weit über den Erwartungen der Analysten lag. Die Zahlen sind nicht nur wegen der andauernden Corona-Krise überraschend. Auch die Lieferengpässe von Halbleitern scheinen dem Konzern weniger auszumachen als befürchtet.

Bei der offiziellen Bekanntgabe der Halbjahreszahlen am Mittwoch wurde aber deutlich, dass sich der Bauteile-Mangel auf den Absatz auswirken dürfte. Dieser könnte im Gesamtjahr nicht mehr deutlich über dem von 2020 liegen, sondern nur noch auf gleichem Niveau, gab Chef Ola Källenius bekannt. Im dritten Geschäftsquartal dürfte sich der Absatz sogar unter dem Wert des Vorjahreszeitraums befinden. „Wir haben nach wie vor die Herausforderungen mit Halbleitern“, sagte der Vorstandschef. Um die Profitabilität des Unternehmens sicherzustellen, fokussiere sich Daimler deshalb auf Fahrzeuge mit besserer Rendite. Dazu passt, dass Kunden vermehrt auf größere und teurere Autos Wert legen.

Die positiven aktuellen Zahlen zögen sich „wie ein roter Faden“ durch sämtliche Bereiche des Unternehmens, freute sich Källenius. Selbst bei der Lastwagensparte wird etwas mehr operativer Gewinn erwartet: Statt der 6 bis 7 Prozent um Sondereffekte bereinigte Umsatzrendite im Geschäft mit Trucks und Bussen könnten es 6 bis 8 Prozent werden. Im Konzern stieg der Gewinn zwischen April und Ende Juni auf 3,6 Milliarden Euro – vor einem Jahr waren es noch 2 Milliarden Euro Verlust gewesen. Die Abspaltung von Daimler Trucks bis Jahresende liege im Zeitplan.

Trotz der überraschend üppigen Gewinne soll der eingeschlagene Sparkurs aber nicht abgemildert werden, stellte der Daimler-Chef klar. Dieser Weg zeigt im Unternehmen Wirkung, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden erhöht. Källenius will das „schwäbische Gen des Sparens“ nicht aufgeben: „Das ist, wie wenn ein Top-Athlet sagt, ich trainiere ein bisschen weniger, ich bin ja schon schnell.“ Das sei die falsche Mentalität. Die Effizienzanstrengung müsste besonders in dieser Dekade der Transformation aufrecht erhalten werden und man dürfe sich auch nicht ausruhen, wenn der Zwischenspurt gut aussehe.

Der Gesamtbetriebsratschef des Unternehmens Michael Brecht hatte der „Automobilwoche“ gesagt: „Wenn wir volle Auftragsbücher haben und die Gewinne sprudeln, wie soll die Belegschaft da Verständnis haben für Sparmaßnahmen, die über Jahre laufen sollen?“

Für Experte Ferdinand Dudenhöffer hat der Abbau Zehntausender Stellen das Unternehmen verschlankt und signifikant Kosten eingespart. Viele Einmalkosten wie Abfindungen steckten schon in der 2020er-Bilanz.

Daimler hatte vor rund einem Jahr seinen Sparkurs deutlich verschärft. Berichte von 20 000 oder sogar mehr wegfallender Stellen wurden aber nie bestätigt. „Kopfzahlen“ würden nicht genannt, bekräftigte Källenius nun, die finanziellen Auswirkungen seien entscheidend. Das Unternehmen müsse weiter an seiner Effizienz arbeiten, da „erhebliche Milliardenbeträge“ für den angepeilten Umbau von Verbrennungs- hin zu Elektromotoren nötig seien. Die Digitalisierung, Standardisierung und Simplifizierung seien neben der Elektrifizierung Herkulesaufgaben, die noch lange nicht bewältigt seien, sagte Finanzvorstand Harald Wilhelm.

Wie sich der Mangel etwa von Bauteilen weiter auswirke, lasse sich nicht sagen. In Malaysia etwa gebe es derzeit Schwierigkeiten, die nicht vorauszusehen waren. Källenius: „Wir schauen uns die gesamte Lieferkette an und überlegen, wie wir uns robuster für die Zukunft aufstellen.“ Bisher sei Daimler mit einem blauen Auge davongekommen.

Foto: GRAFIK SCHERER / QUELLE: DPA

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Erstellt:
22. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2021, 06:00 Uhr

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