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Frauen sind besser qualifiziert denn je – Dennoch steigen sie nur mühsam in den Hierarchien auf

Keine Lust auf Machtspiele

An der Ausbildung liegt es meistens nicht, dass Frauen so selten die Hierarchiestufen in Unternehmen erklimmen. Eher an mangelnder Vernetzung

12.08.2016
  • PETRA WALHEIM

Berlin. Wir schreiben das Jahr 2016. Deutschland ist ein hochentwickeltes und – industrialisiertes Land. Ist es das wirklich? In manchen Bereichen ist die Entwicklung noch im Schneckentempo unterwegs. Etwa wenn es darum geht, Frauen in Führungspositionen zu bringen. „Eine ausgewogene Repräsentation von Männern und Frauen in den Spitzengremien großer Unternehmen in Deutschland bleibt in weiter Ferne“, schreibt Elke Holst, Forschungsdirektorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, in einer aktuellen Publikation des DIW. Nur als Beispiel: In den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen lag der Frauenanteil Ende 2015 bei gut sechs Prozent.

Warum ist das so? Ein Grund ist sicher die noch immer vorherrschende, althergebrachte und offenbar nicht auszurottende klassische Aufgabenteilung. „In vielen Köpfen ist die Stereotype noch immer fest verankert, dass die Frau – und nicht der Mann – für die Familienarbeit verantwortlich ist und sie sich um die Kinder kümmert“, sagt Elke Holst. Wenn die Frau in der Familienphase ihre Erwerbsarbeit unterbreche oder in Teilzeit arbeite, sei es danach oft zu spät für eine Karriere. Sie verliere den Anschluss, wenn sie nicht frühzeitig wieder Vollzeit arbeite. „Karrieren werden in der Regel im Alter zwischen 28 und 38 Jahren begründet. Das ist gerade die Zeit, in der viele Frauen ihr erstes Kind bekommen.“ Eine Lösung kann nach Ansicht von Elke Holst sein, dass Unternehmen späte Karrieren ermöglichen. Das sei nach wie vor selten.

Für die Wirtschaftsforscherin gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass deutlich mehr Frauen in Führungspositionen gehören. „Sie sind heutzutage hervorragend ausgebildet und qualifiziert. Sie können genauso viel wie Männer und deren Plätze einnehmen.“ Doch gerade das sei in vielen Unternehmen gar nicht im Bewusstsein und oft vielleicht auch nicht gewollt – „denn hier geht es um Macht und Geld“. „Manchmal fängt es schon bei Ausschreibungen an, die auf männliche Bewerber hin formuliert werden, so dass sich Frauen gar nicht angesprochen fühlen“, sagt sie. Dabei belegen etliche Studien, dass Unternehmen, die eine gemischtgeschlechtliche Führungsetage haben, wirtschaftlich erfolgreicher sind als wenn nur Männer das Sagen haben.

Mehr Frauen auf der ganzen „Leiter“ der Führungspositionen bedeutet aber auch, dass sich im Unternehmen etwas ändern muss. Es reiche nicht, Frauen einfach nur einzustellen. Sie müssten eine Arbeitsorganisation vorfinden, die ihre Lebensrealität berücksichtige. „Wir brauchen viel mehr Flexibilität im Sinne der Beschäftigten“, sagt Elke Holst. Auch sollten Frauen endlich die gleiche Bezahlung erhalten wie ihre männlichen Kollegen in gleicher Position.

Aus Sicht des Bundesverbandes „Die Führungskräfte“ (DFK) haben weibliche Arbeitnehmer zu Beginn ihrer Berufslaufbahn durchaus die gleichen Ausgangschancen wie ihre männlichen Kollegen. „Einen deutlichen Knick bekommt die Entwicklung dann, wenn die Familienplanung ansteht“, stellt auch Heike Kroll fest, die im DFK das Frauennetzwerk leitet. Doch selbst wenn sie kinderlos blieben, „sehen sich aufstrebende Frauen immer einem – zumindest zahlenmäßig – überlegenen Netzwerk von Männerseilschaften gegenüber“, sagt Heike Kroll. Ihres Erachtens müssen Frauen besser lernen, sich bei ihrer beruflichen Entwicklung genauso zu unterstützen wie es viele Männer in ihren Netzwerken tun. „Sie sollten den Netzwerk-Gedanken bei der Karriereplanung keineswegs unterschätzen“, empfiehlt sie.

Nach Ansicht von Elke Holst vom DIW-Institut ist das heutzutage auch sehr viel leichter möglich als noch vor zehn Jahren. Da gab es noch weniger Frauen in Führungspositionen, so dass es aus Mangel an hochrangig verorteten Frauen schwierig war, einflussreiche Netzwerke zu bilden.

Für Heike Kroll vom Führungskräfte-Verband ist es für die weitere Entwicklung der Karriere von entscheidender Bedeutung, ob die Frau durch ihr eigenes Netzwerk im Unternehmen in die Chefetage gelangt ist oder ob sie von außen kommt und eben kein Netzwerk hat.

Frauen mit eigenem Netzwerk haben ihrer Ansicht nach mit nicht mehr zu kämpfen als ihre männlichen Kollegen. „Schwierigkeiten gibt es eher bei Frauen, die von extern kommen.“ Ihre Arbeitsbedingungen würden durch Neid von Kollegen, die sich übergangen fühlen, und das fehlende Netzwerk im Unternehmen „immens erschwert“.

Um sich trotzdem an der Spitze zu halten, empfiehlt Heike Kroll den Frauen unter anderem, manches sportlicher zu nehmen. „Mal gewinnt man ein Rededuell, mal verliert man eines.“ Das sei bei Männern grundsätzlich nicht anders. Doch die gehen mit Niederlagen offenbar anders um. „Sie schütteln es leichter ab. Diese Leichtigkeit fehlt manchen Frauen.“

Ein Grund, warum in den Chefetagen so wenige Frauen anzutreffen sind, ist aber auch, dass viele, die das Potenzial dazu hätten, gar nicht nach oben wollen. Die Anreize sind in manchen Bereichen auch nicht besonders hoch. So werden nach wie vor viele Frauen schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen in gleicher Position.

Nach der Erfahrung von Heike Kroll ist vielen Frauen der Spaß an der Arbeit oft wichtiger, als Karriere zu machen, bei der der Spaß womöglich auf der Strecke bleibt.

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12.08.2016, 06:00 Uhr
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