Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Keine Haft trotz Schuld
Verhandlungssaal, Mannheimer Landgericht: Die frühere Oberbürgermeisterin von Pforzheim, Christel Augenstein, sitzt zwischen ihren Anwälten Wolfgang Kubicki (links) und Jürgen Leibold. Foto: dpa
Zinswetten-Urteil

Keine Haft trotz Schuld

Mit riskanten Zinswetten wollte Pforzheims Ex-Oberbürgermeisterin die Stadtkasse füllen. Statt erhoffter Gewinne blieben hohe Verluste.

22.11.2017
  • HANS GEORG FRANK

Mannheim/Pforzheim. Auf ihren Sachverstand lässt die 22. Strafkammer des Landgerichts Mannheim, zuständig für Wirtschaftsdelikte, nichts kommen. Aber im Prozess um den Finanzskandal von Pforzheim habe sie etwas gelernt. „Banken verkaufen gefährliche Dinge“, sagte Richter Andreas Lindenthal. Er verurteilte gestern die frühere FDP-Oberbürgermeisterin Christel Augenstein – ein Jahr und acht Monate – und die Ex-Kämmerin Susanne W. – zwei Jahre Haft – wegen schwerer Untreue. Augenstein muss 30 000 Euro an ein Kinderhospiz zahlen.

Die Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt. Ins Gefängnis, wo sie die Staatsanwaltschaft wissen wollte, müssten sie nicht, weil sie nicht vorbestraft seien, sich nicht selber bereichert hätten, erklärte Lindenthal. Er rechnete den Damen auch hoch an, dass sie den Sachverhalt weitgehend eingeräumt hätten: „Damit haben sie ein kurzes Verfahren ermöglicht.“ Ursprünglich sollte der Prozess bis Januar 2018 dauern.

„Gravierender Verstoß“

Die Angeklagten hätten in „unvertretbarer Weise spekuliert“, erklärte der Vorsitzende Richter. Der Stadt habe ein Verlust von 147 Millionen Euro gedroht. Die Finanzgeschäfte seien „ein gravierender Pflichtverstoß“ gewesen. Obwohl bereits 2006 „die Kacke am Dampfen“ gewesen sei, sei der Gemeinderat unvollständig informiert worden.

Die Anklage war von Untreue ausgegangen. Weil die Zinsen für die überschuldete Stadt nicht mehr zu verkraften waren, sollte mit Derivaten eine Erleichterung erreicht werden. Das ging gründlich schief: Am Ende fehlten der Stadtkasse rund 57 Millionen Euro. Das Desaster kam erst ans Licht, als Augenstein nicht mehr im Amt war. Ihr Nachfolger Gert Hager (SPD) zog die Notbremse. Mit Prozessen und Vergleichen konnten von zwei Banken 45 Millionen Euro zurückgeholt werden.

Im „letzten Wort“ bekräftigten die Frauen ihre lauteren Absichten. Augenstein beklagte sich, „seit vielen Jahren hängt das Damoklesschwert des Verfahrens über mir“. Sie müsse „ein quälend langes, Existenz vernichtendes Ermittlungsverfahren aushalten“. Als einzige von Hunderten von Kommunalvertretern, die ähnlich agiert hätten, säßen sie auf der Anklagebank. Die Stadt sei „Opfer intransparenter Geschäfte von vertrauenswürdigen Banken“ geworden. Es habe für sie keinen Zweifel gegeben an der „Rechtmäßigkeit der Produkte“.

„Niemand täuschen“

Die Kämmerin glaubt noch immer, „eine fachlich probate Lösung mit den weltbesten Experten gefunden zu haben“. Von „unzulässigen Spekulationen“ könne keine Rede sein: „Ich wollte niemand täuschen.“

Für die Staatsanwaltschaft ist dagegen bewiesen, dass die beiden Frauen mit den riskanten Zinswetten der Stadt großen Schaden zugefügt haben. Sie hätten sich verhalten wie Spielerinnen im Casino und sich dabei „verzockt“. „Beide Angeklagten haben versagt“, hatte Oberstaatsanwalt Uwe Sigrist im Plädoyer betont.

Die vier Verteidiger waren sich einig, dass ihren Mandantinnen kein strafbarer Fehler vorzuwerfen ist. Sie müssten freigesprochen werden, weil sie Opfer geworden seien von „Banken, denen sie vertraut haben“. Mit dem Urteil waren die Anwälte nicht einverstanden, sie kündigten noch im Gerichtssaal Revision an. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zufrieden, sie sah ihre Einschätzung bestätigt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.11.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular