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Wende im skurrilen Streit um die Existenz von Masernviren

Keine Finanzspritze vom Impfgegner

Überraschendes Ergebnis der Berufungsverhandlung: Der Impfgegner Stefan Lanka muss im Streit um die Existenz des Masernvirus nun doch keine 100 000 Euro an einen Mediziner aus dem Saarland zahlen.

17.02.2016

Von CHRISTIAN NICK

Da hatte er noch gut lachen: David Bardens im März 2015 im Ravensburger Landgericht - nun hatte sein Kontrahent Stefan Lanka vor Gericht Erfolg. Foto: dpa

Stuttgart. Siegessicher hatten sich vor Verhandlungsbeginn am Oberlandesgericht beide Kontrahenten des skurrilen Zivilrechtsstreits gezeigt, der dort in die zweite Runde ging. Rückblick: Ende 2011 hatte der Biologe und bekannte Impfgegner Stefan Lanka im Internet demjenigen, der ihm die Existenz des Masernvirus mitsamt dessen Durchmesser wissenschaftlich belege, 100 000 Euro Prämie versprochen.

Der 31-jährige David Bardens legte daraufhin sechs Studien vor - und wollte Geld sehen. Lanka indes sah den Beweis nicht geführt und wollte nicht zahlen. Vor dem Landgericht Ravensburg verlor er dann jedoch auf ganzer Linie: Dem bestellten Gutachter folgend betrachteten die Richter die Voraussetzungen als erfüllt - und verurteilten Lanka zur Zahlung. Der aber weigerte sich. Erst als er sich mit Beugehaft bedroht sah, überwies er das Geld auf ein Sperrkonto der Justiz.

Der promovierte Biologe hatte aber bereits im Frühsommer 2015 Berufung eingelegt. Dass sich der 52-Jährige auf ebendiese akribisch vorbereitet hatte, daran konnte kein Zweifel bestehen: Mit einem dicken Stapel Unterlagen war Lanka - bullig, schwarz-grau meliertes Haar, schwarzer Anzug - angetreten, um den Richtern für seine Sicht der Dinge die Augen zu öffnen.

Und diese Perspektive ist durchaus speziell. Lanka vertritt - gleicherweise eloquent wie leidenschaftlich - Positionen, die gelinde gesagt exzentrisch wirken und der gängigen Lehrmeinung diametral widersprechen. Die Existenz des Masernvirus bestreitet er grundsätzlich, aber beispielsweise auch, dass Aids durch das HI-Virus verursacht wird. "Es gibt keine krankmachenden Viren." Mit dem Prozess wolle er überdies erreichen, dass "kritische Wissenschaftler Gehör finden und die Regeln der Wissenschaft wieder beachtet werden".

Sein Kontrahent Bardens, der die Auslobung Lankas seinerzeit als "Provokation" empfunden haben will, kam gleich mit Personenschutz: Er sei im Internet mit dem Tod bedroht worden, so Bardens im Gespräch, der das Geld für Masern-Impfungen in Entwicklungsländern hätte spenden wollen. Impfgegner Lanka indes, der "den Begriff gar nicht mag", hatte eine Schaar von Anhängern mitgebracht, die seine bisweilen aufblitzende Polemik, etwa: auch Einstein sei "mit seinen Gravitationswellen lange ein Außenseiter" gewesen, frenetisch beklatschten.

Wohltuend nüchtern verhielt sich hingegen das Gericht bei der Urteilsfindung. Zentral hierbei war für die Juristen die Frage, ob die Internet-Versprechung Lankas tatsächlich die rechtlichen Voraussetzungen einer Auslobung im Sinne des Paragrafen 657 des Bürgerlichen Gesetzbuchs erfüllte. Ja, urteilte das Gericht: Die Auslobung war ernst gemeint - und auch keine Wette oder Preisauschreiben.

Und genau deswegen bestimme auch alleine der Auslober die Kriterien. Lanka hatte dezidiert verlangt, Existenz und auch Größe des Virus in "einer" Arbeit nachzuweisen. Bardens aber hatte sechs vorgelegt. Während das Landgericht durch die Synopsis dieser den Beleg geführt gesehen hatte, widersprachen dem die Stuttgarter Richter. Es sei nicht möglich, eine Obergrenze bezüglich Anzahl und Auswertbarkeit der Studien zu ziehen - und daher sei Lanka mit seiner Berufung erfolgreich und müsse nicht zahlen.

Aber: An einem wollte das Gericht freilich keinerlei Zweifel bestehen lassen: Lankas Sieg basiere allein auf juristischen Gründen - und sei keineswegs als Bestätigung zu werten, dass die Krankheit Masern nicht durch Viren verursacht werde.

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Erstellt:
17. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2016, 08:30 Uhr

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