Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Leitartikel · IS-Miliz

Keine Entwarnung

16.08.2016
  • MARTIN GEHLEN, KAIRO

Kairo. Wie sich die Bilder gleichen. In Sirte jubelten die jungen Sieger und hissten die libysche Flagge über dem bisherigen IS-Kommandozentrum am Mittelmeer. In der syrisch-türkischen Grenzstadt Manbidsch ließen sich freudestrahlend Frauen und Männer fotografieren, die einen demonstrativ mit Zigaretten im Mund, die anderen beim öffentlichen Abrasieren ihrer Zwangsbärte. 3000 Kilometer liegen zwischen den vergangene Woche befreiten Städten, in denen die Hinrichtungsplätze noch von der Schreckensherrschaft der Gotteskrieger zeugen. Jedes Mal führte die gleiche Taktik zum Erfolg. Eine lokale Streitmacht im Verbund mit westlichen Spezialkommandos griff die Extremisten am Boden an, aus der Luft unterstützt von den USA.

Der IS hängt in den Seilen, jubelt Washington. Auch wenn diese Einschätzung reichlich forsch klingt, die Eroberung von Sirte und Manbidsch sind wichtige Etappen auf dem Weg zum Ende des „Islamischen Kalifats“. Die IS-Pläne, in Libyen ein islamistisches Imperium zu errichten und von dort aus Europa zu bedrohen, sind mit dem Fall von Sirte gescheitert. Durch die Eroberung der syrischen Grenzstadt Manbidsch hat die IS-Führung in Rakka ihre wichtigste Nachschubroute für Rekruten aus Europa und Waffen aus der Türkei verloren. Zuvor hatte die irakische Armee die Extremisten bereits aus Ramadi und Falludscha vertrieben. Im Nordirak erkämpften die Peschmerga Sinjar zurück und kappten die Verbindungsader zwischen den IS-Hochburgen Rakka und Mossul, in der im Juni 2014 das „Islamische Kalifat“ ausgerufen wurde.

Dessen Territorium schrumpft, die Moral der Gotteskrieger wankt, weil sie sich seit Monaten auf dem Rückzug befinden. Die Ausländer unter ihnen fliehen in Konvois in die verbliebenen Kalifatsgebiete. Die Einheimischen werfen einfach ihre Waffen weg und mischen sich unter die Zivilbevölkerung. Obendrein bahnen sich zwischen den USA und Russland sowie zwischen der Türkei, dem Iran und Russland schlagkräftige Anti-IS-Bündnisse an, auch wenn diese Staaten sich ansonsten im syrischen Bürgerkrieg als Feinde gegenüberstehen.

Und so ist der absehbare IS-Niedergang Anlass zum Aufatmen, nicht aber Grund zur Entwarnung. Denn die Probleme in Libyen, Syrien und Irak, die den mörderischen Gotteskriegern vor zwei Jahren ihre rasante Expansion erlaubten, existieren fort. Kaum ist die Terrormiliz aus Sirte vertrieben, eskaliert bereits wieder der Streit zwischen der Nationalen Einheitsregierung in Tripolis und ihren Gegenspielern im Osten – diesmal um die Einnahmen aus den geplanten Ölexporten. In Syrien tobt der Bürgerkrieg härter denn je. In Iraks Hauptstadt Bagdad liegen Parlament und Regierung lahm. Der schiitisch dominierte Machtbetrieb hat nicht die Einsicht, der sunnitischen Minderheit eine Distanzierung vom IS durch politische Kompromisse schmackhaft zu machen.

Für Europa sind das keine guten Nachrichten. Die Zahl der Fluchtwilligen aus den ramponierten Staaten bleibt hoch. Die Gefahr von Anschlägen steigt – durch zurückkehrende Dschihadisten oder radikale Rekruten, die sich nicht mehr ins Kalifat durchschlagen können. Die Virulenz der mörderischen IS-Ideologie ist nur schwer einzudämmen und wird die Welt noch lange beschäftigen. Denn je mehr der IS in seinem Kerngebiet unter Druck gerät, desto stärker metastasiert er in andere Regionen. Die nächsten Terrorschauplätze zeichnen sich bereits ab – Kaukasus, Bangladesch, Philippinen, Pakistan und Afghanistan. Das schwerste Attentat seit 15 Jahren in Kabul ist gerade zwei Wochen her – es ging auf das Konto der Gotteskrieger.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular