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Zeit-Fragen

Keine Einbahnstraße

Integration ist weit mehr, als mit Blumen an Bahn- höfen zu stehen. Flüchtlinge mit Bleibeperspektive brauchen Wohnungen in der Mitte der Gesellschaft, Sprachkurse und Zugang zum Arbeitsmarkt.

09.10.2015
  • TEXT: Katharina Kress / IHK Reutlingen | FOTOs: Ulrich Metz, Volkmar Könnek

Rund 1800 Flüchtlinge kamen nach Angaben der Landratsämter Reutlingen, Tübingen und Zollernalb allein bis zum August dieses Jahres in die Region Neckar-Alb. Mehr als ein Drittel der Flüchtlinge in Baden-Württemberg ist männlich, das durchschnittliche Alter beträgt rund 23 Jahre, die meisten sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Baden-Württemberger ist 43 Jahre. Man kann davon ausgehen, dass viele der jungen Menschen in der Region auf den Arbeitsmarkt wollen. Doch zu wenig ist über die Flüchtlinge bekannt, als dass Prognosen über das Wie abgegeben werden könnten. Zunehmend wird klar, dass Individuen kommen und kein einheitlicher Flüchtlingsbrei: Welche Sprachkenntnisse, Schulabschlüsse oder Berufsqualifikationen bringen die Flüchtlinge aus ihrer Heimat mit? Derlei Daten werden bislang nicht erhoben, Arbeitsministerin Andrea Nahles kündigte an, diesen Missstand bald zu beheben.

Nicht zum Nulltarif

Trotz der vielen Ungewissheiten: Für viele der jungen Leute könnte eine Ausbildung der richtige Weg sein, in Deutschland Fuß zu fassen. Wie naheliegend das klingt, leicht wird es nicht. Beschäftigung ist für eine gelingende Integration wichtig, dennoch müssen die jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Gambia Ausbildungsreife besitzen. Und dazu gehört insbesondere die deutsche Sprache. Asylbewerber haben erst dann ein Anrecht auf einen Deutschkurs, wenn sie anerkannt sind. Da bis zu diesem Bescheid oft Wochen oder Monate ins Land ziehen, müssen die Bildungswilligen solange auf die Hilfe von Ehrenamtlichen setzen – oder Deutschkurse aus eigener Tasche bezahlen. Gerade für Asylsuchende wie aus Syrien, die eine realistische Bleibeperspektive haben, wäre Sprachunterricht ab dem ersten Tag wünschenswert. Integration gibt es nicht zum Nulltarif: Nach Willkommensschildern muss nun Geld in die Hand genommen werden.

Ochsentour

Derweil ist die Wirtschaft geneigt, aus der Integration keine Einbahnstraße zu machen. Betriebe wollen Flüchtlinge beschäftigen und haben in der Vergangenheit auch positive Erfahrungen gemacht – so neu ist dies alles nicht. Fast 90 Prozent der deutschen Unternehmen bewerten die Anstellung von Zuwanderern mit mittlerer und höherer Qualifikation als „gelungen“ oder „in aller Regel gelungen“, wie eine aktueller Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zeigt. Bei ausländischen Mitarbeitern mit geringer Qualifikation sagen dies rund zwei Drittel der Befragten, nur neun Prozent halten ihre Integration für „eher problematisch“. Auch regionale Unternehmer zeigen sich bereit, allein die Bürokratie verhindert pragmatische und zügige Anstellungen. „Wir suchen händeringend nach Personal und sind offen für Leute aus allen Nationen“, sagt Simon Tüchelmann, Geschäftsführer bei tsf Tübinger Stahlfeinguss. Mittlerweile hat das Unternehmen sämtliche Ämter, Institutionen und Vereine kontaktiert – ohne nennenswerten Erfolg, eine Ochenstour. „Ein zentraler Ansprechpartner oder eine Vermittlungsbörse für Flüchtlinge fehlt“, stellt Tüchelmann fest, „die Strukturen sind zwar vorhanden, allein an der Vernetzung mangelt es.“ Die Firma sucht vor allem Mitarbeiter für einfache Hilfstätigkeiten oder Praktikanten. Voraussetzung ist, dass man sich verständigen kann, auf Deutsch oder Englisch. Trotz der vergleichsweise niedrigen Anforderungen kann niemand eingestellt werden: Der bürokratische Dschungel ist zu dicht.

In flagranti

Trigema-Chef Wolfgang Grupp möchte sich notfalls über die Verbote der Ämter und Behörden hinwegsetzen. Konkret geht es um einen jungen Mann aus Pakistan, den der Familienunternehmer in der Burladinger Produktion als Näher beschäftigen möchte. Da ihm die zuständige Behörde zu langsam arbeitete, teilte er der „Wirtschaftswoche“ medienwirksam mit, notfalls werde er den Mann auch ohne Erlaubnis einstellen. In einem Telefonat für diesen Beitrag forderte er seitens des Staates schnelle Taten: „Ich möchte nicht wochenlang auf eine Arbeitskraft verzichten.“ Als Unternehmer sei er auch ständig gezwungen, seine „Entscheidungen in flagranti zu treffen“. Seit Jahren schon ist das Textilunternehmen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. „Wir freuen uns über jede produktive Arbeitskraft und haben keine nennenswerten schlechten Erfahrungen gemacht mit ausländischem Personal“, so Wolfgang Grupp. So habe vor kurzem beispielsweise ein junger Syrer ein dreiwöchiges Praktikum als Vorstufe zur Ausbildung zum Modenäher begonnen.

Arbeit ist das eine, wohnen ist ein Muss: Die Flüchtlinge müssen unterkommen. Nachdem in der Region viele Turnhallen bereits belegt sind, wird über den Bezug von Gewerbeimmobilien gesprochen. Der Winter steht an und Zelte sind dann keine Option mehr.

Johannes Fiedler, Fiedler Gewerbeimmobilien, berichtet, dass das Unternehmen bereits vor einiger Zeit vom Landkreis um Unterstützung bei der Suche nach Unterkünften für Asylbewerber gebeten wurde. Tatsächlich sei es auch gelungen, geeignete Gebäude in Reutlingen, Tübingen und Eningen unter Achalm zu identifizieren. Allerdings ist das Angebot begrenzt. Ideal seien leerstehende Hotels oder Gasthöfe, doch mittlerweile werden auch Büroimmobilien genutzt, die nachträglich mit sanitären Anlagen versehen werden. „Der Druck wird größer und inzwischen dürfen Unterkünfte für Asylbewerber auch in Gewerbegebieten eingerichtet werden.“ Fiedler gibt jedoch zu bedenken, was auf der Hand liegt: Eine schnelle Unterbringung in mitunter wenig geeigneten Immobilien ist möglich und in der Not erforderlich, auf längere Sicht aber nicht wünschenswert. „Die aktuelle Situation kann damit etwas entspannt werden.“ Mittel- und langfristig werden aber mehr Wohnungen benötigt. Doch in den bereits knappen Märkten in Tübingen und Reutlingen wird günstiger Wohnraum selten bekommen zu sein. Deshalb startet die IHK Reutlingen gemeinsam mit den Landkreisen Reutlingen und Tübingen derzeit eine Umfrage unter mehr als tausend Unternehmen, ob diese Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen können. „Wahrscheinlich werden zunächst vermehrt Containerlösungen zum Einsatz kommen, und es muss neu gebaut werden“, so Immobilienexperte Fiedler. „Dabei dürfen keine Ghettos entstehen.“ Die Forderungen nach Wohnraum in der Mitte der Dörfer und Städte, und somit inmitten der Gesellschaft, sind unerlässlich und müssen von der Politik gehört werden.

Keine Einbahnstraße
In Rottenburg-Ergenzingen dient seit September eine ehemalige Fabrikhalle als Notunterkunft für Flüchtlinge.

Keine Einbahnstraße

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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