Baden-Württemberg

Keine Blaupause für Berlin

Ihre Stärke bei den Landtagswahlen können die Kretschmann-Grünen im Bundestagswahlkampf nicht ausspielen, die Stuttgarter Koalition taugt nicht als Vorbild für Berlin.

27.09.2021

Von DIETER KELLER UND ROLAND MUSCHEL

Vor wenigen Tagen in Villingen-Schwenningen hoffte CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet auf kräftigen Rückenwind aus Baden-Württemberg für die Wahl im Bund. Doch es kam anders. Foto: Philipp von Ditfurth

Berlin/Stuttgart. Drei Tage vor dem Wahlsonntag wird CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet in Villingen-Schwenningen die Bühne für die ausgerufene Aufholjagd bereitet. Der Villinger Münsterplatz ist gut gefüllt, in der ersten Reihe sitzt Baden-Württembergs früherer CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel. Der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei ruft im Stile eines Boxmoderators: „Begrüßen Sie mit mir gemeinsam den künftigen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland: Erwin, äh, Armin Laschet.“

Es ist ein Versprecher mit Symbolcharakter: Der Name Erwin Teufel steht für eine Zeit, als die CDU in Baden-Württemberg noch 40 Prozent plus X auf die Waagschale brachte. Im Land muss die CDU als Juniorpartner der Grünen längst kleinere Brötchen backen, nun geht es darum, nicht auch noch das Kanzleramt zu verlieren. CDU-Landeschef Thomas Strobl gibt Siegeszuversicht als Losung aus. Sein Landesverband galt lange als Friedrich-Merz- und später als Markus-Söder-Fanclub. Es habe, sagt Strobl später, in den letzten Tagen einen Stimmungsumschwung an den Ständen gegeben. Sein Bauchgefühl sage ihm, dass noch alles drin sei.

Am Nachmittag vor Laschets letztem Wahlkampfauftritt in Baden-Württemberg wandert der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seinen Parteifreunden Anna Christmann und Cem Özdemir über die Feuerbacher Höhe. Die beiden Stuttgarter Bundestagsabgeordneten kämpfen ums Direktmandat, Kretschmann soll die Chancen mit Hilfe eines von Nabu-Landesvorstand Ulrich Tammler geführten Spaziergang entlang des Stadtwalds mit Blick auf die Stadt steigern. Er sinniert über eine Ausweitung der Solarpflicht auf Bestandsgebäude und die Bedeutung der Begrünung von Hochhäusern. „Hoch mit dem Grün!“, gibt der 67-Jährige als Parole aus. „Es besucht uns gerade eine Königslibelle“, sagt Kretschmann an einer Stelle. Das sei ein blau-grüner Mosaikfalter, interveniert der Nabu-Führer. Kretschmann gibt sich unbeirrt: „Das glaube ich nicht.“

Klima- und Naturschutz gilt als Kernkompetenz der Grünen, einige Zeit sah es so aus, als könne das Thema sie bis ins Kanzleramt tragen. Vor dem bundesweiten SPD-Hoch konnten Kretschmann und Strobl hoffen, dass ihr Bündnis die Blaupause für den Bund werden könnte. Wenn auch in umgekehrter Reihenfolge, weil Strobl stets auf einen Unions-Sieg gesetzt und Kretschmann nie so recht an eine grüne Kanzlerin geglaubt hat. Aber auch Schwarz-Grün hätte Baden-Württembergs Gewicht in Berlin stärken können.

Als am Wahlsonntag die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme flimmern, reden weder Kretschmann noch Strobl das Ergebnis schön. „Zufrieden sind wir nicht“, sagt Kretschmann. „Wir wollten ja das Bundeskanzleramt erobern.“ Strobl sagt, das Ergebnis stelle die Union nicht zufrieden. Zugleich betont er, dass die CDU in Baden-Württemberg mit Abstand stärkste Kraft geworden sei. Ein historisch schlechtes Ergebnis ist es trotzdem.

Die Grünen wiederum landen im Südwesten, wo sie die Landtagswahl im Frühjahr noch klar gewonnen haben, hinter CDU und den Sozialdemokraten auf Platz drei. Dass die Ökopartei erstmals Direktmandate gewinnt, zeigt das Potenzial, ist aber nur ein schwacher Trost. „Wir sind jetzt nicht die Spielmacher“, sagt der Ministerpräsident, macht zugleich deutlich, dass seine Partei mitspielen und die Regeln mitdefinieren will: Ein ambitionierter Kampf gegen die Erderhitzung sei die „Messlatte“ für eine Bundesregierung unter grüner Beteiligung.

Dass Kretschmann eine Jamaika-Koalition in Berlin lieber wäre als Rot-Grün-Gelb lässt er nur anklingen, Strobl wirbt dagegen offensiv für ein Bündnis der Union mit Grünen und FDP: Man müsse eine Regierung bilden, die Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum im Blick habe.

Dazu müssten Grüne und Liberale in Berlin die inhaltlichen Übereinstimmungen finden, die in Baden-Württemberg zum im Frühjahr sondierten, von Kretschmann aber verworfenen grün-gelb-roten Ampelbündnis gefehlt haben. FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke nennt Jamaika die „erste Option“. SPD-Landes- und Fraktionschef Andreas Stoch, in Stuttgart wie Rülke bei der Regierungsbildung von Kretschmann und Strobl unsanft ausgebremst, sieht seine Partei als eigentlichen Wahlsieger – und den Regierungsauftrag bei Olaf Scholz. Auch die ehemalige SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier freute sich. Dies sei „ein schöner Tag für die Sozialdemokratie“. „Alle, die uns gefragt haben, warum wir überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufstellen, sollten tief in sich gehen.“

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Erstellt:
27. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. September 2021, 06:00 Uhr

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