Kommentar Oper

Keine Alternative?

Eine Milliarde! Diese Summe treibt nicht nur Schwaben den Schweiß auf die Stirn.

07.11.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Den regierenden Landes- und Kommunalpolitikern darf man zumindest Respekt zollen, dass sie eine klare Ansage machen, „belastbare Zahlen“ vorlegen, nichts schönreden wollen: Man rechne mit Baukosten „von rund 740 bis 960 Millionen Euro“; die Kosten für eine Interimsspielstätte kommen dazu. Dazu kann sich jetzt jeder positionieren. Aber auch diese Summe ist nur realistisch, wenn tatsächlich auch bald mal angefangen wird. Das freilich bleibt offen. Noch ist nichts beschlossen, stehen Wahlkämpfe an.

Eine Milliarde Euro für eine Opernsanierung? Das schlägt alles. Selbst die Kölner Oper, seit 2012 eine Dauerbaustelle mit explodierenden Kosten, bringt es nur auf knapp 600 Millionen Euro. Man muss in Stuttgart aber konstatieren, dass da nicht nur (unstrittig) die 107 Jahre alte Littmann-Oper generalsaniert werden muss, sondern das Haus auch erweitert (Kreuzbühne) und modern ertüchtigt werden soll und dass ein neues und größeres Kulissengebäude zum Großprojekt gehört. Es ist ein wunderbares Signal der Politik, dass sie verantwortungsvoll in die Kultur und damit in die Gesellschaft der Zukunft investieren möchte.

Debatte nötig

Trotzdem muss über dieses Projekt weiter debattiert werden. Um es mal drastisch zu formulieren: Selbst die Hamburger Elbphilharmonie, ein Wahrzeichen und Publikumsmagnet von Weltrang, kostete am Ende nur 866 Millionen Euro. Stuttgart bekäme für eine Milliarde Euro, grob gesagt, nur eine glänzend generalsanierte und erweiterte historische Oper – und hätte im Übrigen dann immer noch nicht das dringend erwünschte neue Konzerthaus und eine Kulturmeile ohne Autobahnverkehr. Okay, wenn sich das Land und die Stadt das alles auch noch leisten können . . .

Städtebaulich mag auch ein Ausweichquartier im Wagenhallenareal, für das im Vorgriff zudem weiterbenutzbare Gebäude in einer „Maker City“ errichtet werden, Sinn machen. Es ist aber fast zynisch, eine Interimsspielstätte für auch bald 100 Millionen Euro noch als Interimsspielstätte zu bezeichnen.

Geht's nicht anders? Ein Opernneubau etwa, der dann als Interimsspielort für die zu sanierende Littmann-Oper dient, die ein Spielort werden könnte für kleinere Produktionen und das Ballett. Und dazu ein neues Konzerthaus. Das müsste auch mal kalkuliert werden. Ganz zu schweigen davon, dass das Publikum darauf hofft, dass nach all den Bauten auch noch genügend Geld vorhanden ist für die Kunst.

Zum Artikel

Erstellt:
7. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. November 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+