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Zahl der Obdachlosen steigt – Notunterkünfte sind belegt

Kein Zimmer ist mehr frei

Im vergangenen Jahr gab es in Tübingen zehn obdachlose Familien und damit doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Obdachlos ist nicht mehr nur der klassische Tippelbruder: Neben Familien sind immer mehr Frauen und junge Männer betroffen, die direkt vom Hotel Mama auf der Straße landen.

27.06.2013

Von Fred Keicher

Tübingen. „Mafiatorte!“ ruft einer an der Tür und verschwindet wieder. Yury Isaev hat sich in der Gemeinschaftsküche eine Tiefkühlpizza zum Abendessen gemacht. Der 28-jährige Jurastudent aus Moskau macht seit über zwei Jahren Abenddienst in der Notunterkunft für Obdachlose in der Kies äckerstraße. Den Dienst teilt er sich mit fünf anderen Studenten. Jeder macht im Monat fünf Dienste hintereinander.

Im Tagescafé des Männerwohnheims steht auch ein Computer bereit, der gerne benutzt wird.

Wer nicht zwischen 18 und 22 Uhr kommt, findet keinen Einlass in die Notunterkunft. Im Winter sind die Türen von 17 bis 21 Uhr geöffnet.

Neun Betten stehen zur Verfügung, es gibt Duschen, eine Waschmaschine und eine Küche. „Die Hausordnung muss unbedingt eingehalten werden“, sagt Isaev. Große Probleme, sie durchzusetzen, hat er nicht. Nur einmal in den zwei Jahren musste er die Polizei rufen. In der Unterkunft herrscht Alkoholverbot, stark Betrunkene werden nicht aufgenommen. Die Hausordnung sei vergleichsweise liberal, sagt Christa Schöffend, die zusammen mit Heinz Fischer die Notunterkunft leitet. In den Unterkünften in Balingen und Stuttgart gebe es beim Einlass Taschenkontrollen, in Böblingen einen Alkomattest.

Es sind vielfach belastete Menschen, die in die Unterkunft kommen. Vor allem junge Männer reagieren pampig, wenn ihnen gesagt wird, dass um 22 Uhr Schluss ist. „So eine Grenze hat ihnen zu Hause niemand gesetzt. Da übernehmen wir auch elementare Erziehungsaufgaben“, sagt Schöffend. Ansonsten sind die Erwartungen an die Nutzer der Notunterkunft eher elementar: „Sie sollten halt nicht im Bett liegen bleiben.“ 1546 Mal wurde 2012 die Notunterkunft in Anspruch genommen, 301 Mal mehr als 2011.

L. kommt rauchend in die Küche zu Isaev. Seit fünf Wochen wohnt der 45-jährige in der Notunterkunft, seit er durch die Zwangsräumung seine Wohnung verloren hat. L. kam vor acht Jahren nach Tübingen, hat auf dem Bau gearbeitet. Nach einem Unfall fiel er in eine Depression: „Ich habe alle sozialen Kontakte abgebrochen.“ Das erzählt er sachlich und gefasst. Dass er so lange schon in der Notunterkunft ein Drei-Bett-Zimmer mit „sehr unordentlichen“ Mitbewohnern teilt, nimmt er gelassen hin: Hier kümmere man sich um ihn, man suche eine Wohnung. Anträge ans Jobcenter werden ausgefüllt, aber das dauere halt alles mehrere Wochen.

„Seit 1. Juni sind wir wieder voll belegt“, sagt der Sozialpädagoge Dieter Blechert, der das Männerwohnheim verwaltet. 72 kleine Zimmer gibt es in dem Gebäude an der Galgenbergkreuzung, das in der aufgehübschten Südstadt ziemlich heruntergekommen aussieht. 20 Zimmer belegt Rainer Letsche, der beim Ordnungsamt die Obdachlosen in eine Wohnung „einweist“. 52 Zimmer sind ganz regulär vermietet.

Über 40 Prozent der Bewohner wohnen länger als zwei Jahre dort, einer seit über 40 Jahren. Er kam als Gastarbeiter und schaffte beim Daimler. Er lebt sparsam, das Zimmer kostet 150 Euro warm. Was von der Rente übrigbleibt, überweist er in die Heimat. Auch andere werden sesshaft in Tübingen. Ein Mann, der sich Django nennt, hat seine Wanderung zum Nordkap in Tübingen unterbrochen. Er wohnt im Hüttendorf am Neckar, für seine Hunde ist im Wohnheim kein Platz. Aber er macht sich nützlich: Er richtet den Garten.

Im Tagestreff im Erdgeschoss raucht Uschi Harner noch eine Zigarette. Heute, sagt sie, könne sie die Vorbereitung des Abendessens ruhig angehen: „Es gibt Toast Hawaii, aber morgen gibt es viel zu tun: Hähnchenschenkel mit Reis.“ Dienstags und mittwochs kommt sie ehrenamtlich zum Kochen. Essenszeit ist um 17 Uhr, pünktlich. Etwa 20 Gäste kommen jeden Tag. Sonst gibt es Kaffee, Internetanschluss oder einfach einen ruhigen Platz zum Sitzen, eine Art Wohnzimmer, sagt Claire Möhle von der Wohnungslosenhilfe, die den Tagestreff betreut. Blöd angemacht wird die junge Frau von den Männern nicht. „Aber im Rock würde ich hier nicht arbeiten.“

539 Menschen haben Susanne Barth von der Fachberatungsstelle der Wohnungslosenhilfe im letzten Jahr um Rat gefragt. Ein fest definiertes Lebensbild gebe es nicht, sagt Barth: „Es gibt viele Formen der Normalität. Manchem genügt eine Hütte im Wald. Dem ist geholfen, wenn wir ihm eine Krankenversicherung vermitteln und ein Postfach einrichten.“ gsiehe „Übrigens“

Zahl der Obdachlosen steigt – Notunterkünfte sind belegt: Kein Zimmer ist mehr frei 27.06.2013 Kommentar: Die Fallhöhe wird geringer 27.06.2013

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Erstellt:
27. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2013, 12:00 Uhr

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