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Kein Verweis auf Diskussion über pädophile Motive im Werk Kirchners
Schillernder Künstler, problematischer Mensch: Der „Brücke“-Mitbegründer Ernst Ludwig Kirchner, hier im Selbstporträt 1932. Foto: Staatsgalerie Stuttgart/Graphische Sammlung
Belastetes Bild in der Staatsgalerie Stuttgart

Kein Verweis auf Diskussion über pädophile Motive im Werk Kirchners

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt ihren kompletten Bestand des „Brücke“-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner. Doch sie ignoriert eine heikle Frage.

04.07.2018
  • Lena Grundhuber

Stuttgart. Man wird das Bild auf dieser Seite nicht finden. Und man darf sicher sein, dass es in dieser Zeitung auch nicht gedruckt werden würde, zumindest nicht unkommentiert – denn es zeigt ein nacktes Kind in einer eindeutig sexualisierten Pose.

In der Staatsgalerie Stuttgart hängt dieses Bild einfach so an der Wand. Nur mit dem Titel versehen („Liegender nackter Mann mit Kind auf dem Rücken“) und dem Namen des Urhebers: Ernst Ludwig Kirchner. Auch im dazugehörigen Wandtext der Schau „Die unbekannte Sammlung“ in der Stirling-Halle wird lediglich auf das damals neunjährige Kindermodell Fränzi verwiesen. Das ist alles, was das Museum im Jahr zwei der MeToo-Debatte dazu zu sagen hat. Das ist zu wenig.

Kein Verweis auf die Diskussion über pädophile Motive im Werk Kirchners (1880-1938), „weil wir glauben, dass das eine ganz normale Geschichte war“, sagt die Kuratorin Corinna Höper. Weil es keinerlei Zeugnis aus der Zeit gebe, dass am Verhältnis des berühmten Expressionisten zu seinem minderjährigen Modell etwas Anrüchiges war: „Da ist im Nachhinein etwas hochgepusht worden, was gar nicht drinsteckt.“

Der Kontext fehlt

Juristisch lässt sich heute tatsächlich wohl kaum klären, was in der Geschichte „drinsteckt“ – doch für den Betrachter zählt, was das Bild suggeriert: Da reitet ein kleines Mädchen mit flammendrotem Haar auf dem Rücken eines nackten Mannes, ihre Scham ist nicht nur sichtbar, sondern akzentuiert.

„Kinder mit gespreizten Beinen zu zeichnen oder sie überhaupt in diesen Zusammenhang zu bringen, das ist nach heutigen Definitionen eindeutig als Missbrauch zu bewerten“, sagte der Kunsthistoriker Felix Krämer anlässlich seiner eigenen Kirchner-Schau im Städel 2010. Manche Szenen, sagte er jüngst, habe er damals mit entsprechenden Informationen aus dem Kontext versehen, Bilder ohne historischen Zusammenhang zu zeigen, das sei „deutlich zu wenig“. In Stuttgart aber fehlt an der Stelle eine vernünftige Auseinandersetzung, und so stapft man gründlich verärgert durch die Schau, die doch die Chance hätte zu thematisieren, wie sich der Blick auf eine Kunst-Ikone verändert, wie aktuelle Diskurse unsere Wahrnehmung eines Bildes formen.

Denn die Ausstellung des kompletten Kirchner-Bestands der Staatsgalerie plus Dauerleihgaben – 82 Zeichnungen, 84 Druckgrafiken und elf illustrierte Bücher des „Brücke“-Mitbegründers aus allen Schaffensperioden – zeugt ja bereits von einem neuen Umgang mit den eigenen Sammlungen. Im Zuge der Debatte um die NS-Raubkunst hatte die Forscherin Sandra-Kristin Diefenthaler ein verdächtiges Konvolut von 143 Blättern untersucht, das aus einer angeblich jüdischen „Sammlung Dr. Gervais“ kam und 1957 von der Staatsgalerie erworben wurde. Ein spektakulärer Restitutionsfall? Glücklicherweise nicht: Wie sich herausstellte, hatte der Kirchner-Schüler Christian Laely den Sammler offenbar erfunden, um die Werke aus dem Nachlass trotz der damals geltenden Vermögenssperre nach Deutschland verkaufen zu können.

Die Grafiken des Künstlers, der sich 1938 das Leben nahm, dürfen wohl als unbelastet gelten. Wenigstens in dieser Hinsicht.

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04.07.2018, 06:00 Uhr
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