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Der Arbeitsmarkt der Zukunft

Kein Vergleich zur Finanzkrise

Die Wirtschaft ist im Ausnahmezustand, aber die Statistik schweigt. Noch. Denn was an Kurzarbeit, Entlassungen und Insolvenzen schon tiefe Spuren im Alltagsbewusstsein der Deutschen hinterlassen hat, das bündelt noch keine Monatsbilanz - so kurz erst beutelt die Corona-Krise die Konjunktur. Auch in der so wirtschaftsstarken Region Neckar-Alb wird es weit mehr Kurzarbeit geben als 2008/2009, sagt Wilhelm Schreyeck, der Leiter der Reutlinger Agentur für Arbeit.

17.04.2020

Von Eike Freese|Foto: Agentur für Arbeit Reutlingen

Wilhelm Schreyeck: „Es werden nach Ende des Shutdowns auch bald wieder Fachleute fehlen.“

Herr Schreyeck, derzeit wird, wenn von Abschwung die Rede ist, immer gerne der Vergleich zur Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 bemüht. Inzwischen ist klar, dass der Maßstab zu klein gewählt ist, oder?

Wilhelm Schreyeck: Bezüglich der Betroffenheit der Unternehmen eindeutig ja. Man sieht das ganz besonders bei der Kurzarbeit: In der Finanzkrise 2008/2009 gab es bei uns im Bezirk insgesamt rund 1000 Betriebe, die in Kurzarbeit waren. In der jetzigen Krise hatten wir bereits Ende März, nach gerade einmal zwei Wochen Shutdown, das vier- oder fünffache an Vorgängen im Vergleich zur Wirtschaftskrise vor 12 Jahren. Und aktuell, im April, werden weitere Anzeigen hinzukommen.

Wieviele weitere insgesamt? Was schätzt der erfahrene Wirtschaftsbeobachter?

Ganz ehrlich: In einer solchen Situation kann auch ich keine wirkliche Prognose treffen. Wie gesagt, taugt ja auch der Vergleich mit der Finanzkrise nicht mehr viel. Entscheidend wird sein, wie lange diese Situation anhält.

Konnte denn die Politik gar nichts aus dem Einschnitt von 2009 für heute lernen?

Oh doch, einiges sogar – gerade in der Arbeitsmarktpolitik. Bereits damals wurde alles getan, um Arbeitslosigkeit zu verhindern. Eine Erkenntnis war, dass die Voraussetzungen für den Zugang zur Kurzarbeit wesentlich erleichtert werden und die Unternehmen schnell Gewissheit haben müssen, dass sie Kurzarbeitergeld für ihre sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer erhalten. Eine weitere Erkenntnis war, dass Unternehmen in besonderen Situationen auch finanziell entlastet werden müssen. Aktuell werden deshalb von der Agentur für Arbeit auch die Sozialversicherungsbeiträge übernommen. Alles in allem hat man aus der damaligen Krise aber auch mitgenommen, dass ein Unternehmen glimpflich, wenn nicht sogar gut vorbereitet aus so einer Phase kommen kann – wenn unter anderem Kurzarbeit für Qualifizierung der Beschäftigten genutzt wird, gut eingearbeitete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eben nicht in die Arbeitslosigkeit geschickt, sondern gehalten werden und somit sehr gute Voraussetzungen für einen Neustart geschaffen sind.

Vermutlich ist die Klientel der Arbeitgeber bei der Kurzarbeit nun eine andere. Ist nun auch der Dönerbudenbesitzer dabei, der zuvor keinen Gedanken an Instrumente
wie Kurzarbeit verschwendet hat?

Ja, es sind – bis auf wenige Ausnahmen – fast alle Branchen betroffen und Kleinbetriebe mit einem Beschäftigten genauso wie Großunternehmen. Und sowohl in der Breite als auch in der Menge ist das wirklich neu. So mussten nun auch – oft zum ersten Mal – beispielsweise Zahnarzt-oder Physiotherapiepraxen Kurzarbeit anzeigen.

Kommen Sie überhaupt nach bei den Anfragen?

In den ersten Tagen, mit hunderten Anrufen am Tag allein von Unternehmen, gab es Probleme bei unserer Erreichbarkeit. Aber die waren vor allem der technischen Überlastung unserer Anlage geschuldet. Ab Mitte der Kalenderwoche 12…

…das war die Woche ab dem 16. März, als die Schulen schlossen und Angela Merkel ihre berühmte „Es ist ernst“-Rede gehalten hat…

…haben wir innerhalb von 24 Stunden alle Beratungsanliegen abarbeiten können. Es gab verständlicherweise sehr viele Anfragen und es war alles dabei: vom erfahrenen Steuerberater über das Industrieunternehmen, dessen HR-Bereich bereits Erfahrung gesammelt hat bei der Beantragung von Kurzarbeit, bis hin zum Kleinunternehmen, dessen Bürokraft in Kurzarbeit war und dessen Chef seit fünf Jahren keinen PC mehr selbst genutzt hat und dem wir bei der Online-Antragstellung sozusagen die Hand führten.

Wie sieht es personell aus?

Die jetzige Phase der Kurzarbeits-Anzeigen können wir mit unserer üblichen Mannschaft natürlich nicht stemmen. Den Bereich haben wir deshalb massiv verstärkt, ungefähr um den Faktor 10. Da arbeiten jetzt rund 200 Leute. Und wir sind zuversichtlich, dass wir die Anzeigen für den Monat März bis zum 20. April bearbeitet haben.

Was in der jetzigen Akutphase der Krise vermutlich weniger läuft, ist das frühere Alltagsgeschäft der Arbeitsvermittlung.

Richtig, das Vermittlungsgeschäft ist deutlich zurückgegangen. Es ist logisch, dass viele Betriebe weniger Personalbedarf haben: Viele Arbeitgeber haben derzeit vor allem die Sorge, genug Arbeit für ihr vorhandenes Personal zu finden.

Aber es gibt bestimmt die prominenten Ausnahmen.

Das stimmt. In den systemrelevanten Bereichen herrscht weiterhin und gerade jetzt hoher Bedarf. So etwa in der Pflege und dem Gesundheitsbereich aber auch im Einzelhandel und Versandhandel oder in der Logistik gibt es Zusatzbedarf. Auch saisonal im Bereich der Landwirtschaft, wobei die Höhe des Arbeitskräftebedarfs stark von politischen Entscheidungen, Stichwort ausländische Saisonkräfte, abhängt.

Man könnte ja glauben, dass vor allem Einrichtungen wie etwa Supermärkte gerade händeringend suchen...

Das ist auch so, dort gibt es teilweise einen hohen Personalbedarf. Es gab jüngst zum Beispiel eine große Supermarktkette, die an Dutzenden Standorten in Baden-Württemberg kurzfristig Kräfte suchte. Sie haben binnen weniger Tage ihren Personalbedarf mit unserer Hilfe weitgehend decken können.

Gar nicht so selbstverständlich: Schließlich stehen Leute im Supermarkt ja „an vorderster Front“, wie man aktuell gerne sagt. Einige
Arbeitslose würden auf so eine Stelle momentan sicher auch gerne von vorne herein verzichten. Wird das respektiert?

Wir nehmen die Sorgen der Menschen sehr ernst, deshalb herrscht absolute Freiwilligkeit und hier gibt es auch keinen Hinweis auf Rechtsfolgen. Geeignete Kundinnen und Kunden erhalten ein Schreiben mit der offenen Stelle und dem Hinweis, dass es eine gute Chance darstellt, wieder ins Arbeitsleben zu kommen. Nebenbei bemerkt: Im Vermittlungs-Tagesgeschäft, auch abseits von Krisenzeiten, spielt diese angebliche Drohkulisse der Sanktionen auch eine absolut untergeordnete Rolle.

Sie haben bekanntlich ihre noch vorhandene Vermittlungstätigkeit umgestellt: auf Telefon, Mail und Post.

Ja, wir haben seit dem 16. März die Häuser bis auf Notfälle für den Publikumsverkehr geschlossen. Wir wollten unsere Kunden keinen Risiken aussetzen und müssen auch selbst betriebsfähig bleiben. Denn wir sichern zusammen mit den Jobcentern den Lebensunterhalt von tausenden Familien. Deshalb haben wir alle persönlichen Termine abgesagt – mit dem Hinweis, dass niemand Sanktionen zu befürchten hat, wenn Termine nicht wahrgenommen werden.

Auch Sie erwarten nun stark
steigende Arbeitslosenzahlen.
Vor wenigen Wochen hätten wir uns noch eher über Phänomene wie Fachkräftemangel und Arbeitnehmer-Markt unterhalten. Ist das tatsächlich so schnell Vergangenheit?

Nein, viele strukturelle Themen werden uns weiter beschäftigen. Die Herausforderungen sind ja durch Corona nicht aus der Welt und spielen in vielen Branchen auch jetzt, mitten in der Krise, weiter eine Rolle, so zum Beispiel im Pflegebereich oder auch im Handel. Es wird nach Ende des Shutdowns zwar in Bereichen wie Gastronomie, Hotelwesen oder auch Tourismus sicher nicht alles auf Knopfdruck gleich auf Hochtouren laufen. Gleichwohl werden sehr bald wieder Fachleute fehlen, sicherlich auch im IT-und Metallbereich und auch im Handwerk.

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Erstellt:
17. April 2020, 07:29 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2020, 07:29 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2020, 07:29 Uhr

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